Erste Scene . Gräfin Terzky , Thekla , Fräulein von Neubrunn . Thekla unterstrichen . Ich danke Ihnen , Thekla ! Das ist ein Zufall ! rief die erröthende Dichterin , das Buch , welches ihr Oswald mit einer ironischen Verbeugung wieder überreicht hatte , an ihren Busen drückend . Ich schwöre es Ihnen bei allen neun Musen , daß dies ein Zufall ist . Und ich schwöre Ihnen beim Vater Apollo selber und bei sämmtlichen übrigen Olympiern dazu , daß ich an keinen Zufall glaube , höchstens an den glücklichen , der mich heute Abend wider alles Erwarten mit einer Freundin - ich darf Sie ja wohl so nennen ? - zusammengeführt hat . Ob Sie mich so nennen dürfen ? rief die Dichterin , Oswald ' s Arm zärtlich an sich pressend ; ob Sie es dürfen ? O , glauben Sie mir , Stein , ich bin seit dem Augenblicke , da Sie den Fuß über unsere niedrige Schwelle setzten , Ihre Freundin gewesen ; ich habe Sie stets in Schutz genommen , wenn prosaische Gemüther , die keine Ehrfurcht vor dem Großen und Schönen haben - Primula mußte dem überströmenden Quell der Zärtlichkeit , welchen Oswald so glücklich erschlossen hatte , Einhalt thun , denn sie langte in diesem Augenblicke in dem Nebenzimmer an , wo ein Theil der Gesellschaft um einen langen Tisch , der mit einem weißen Tuch bedeckt und mit zwei Lampen und zwei Lichtern erleuchtet war , bereits Platz genommen hatte . An dem oberen Ende stand Frau Director Clemens , die Gründerin und Leiterin des » dramatischen Kränzchens « , überschaute ihre Gesellschaft wie ein Hirt die Heerde und wies den noch umherirrenden Gliedern ihre Plätze an , wobei sie heftig mit ihren starken Armen gesticulirte und ihre tiefe Stimme lauter erschallen ließ , als vielleicht unumgänglich nöthig war . Setzen Sie sich zu Fredegunde , Doctor Breitfuß ! Wollen Sie neben meiner Tochter Thusnelde Platz nehmen , Doctor Stein ! Frau Professor Jäger , Sie placiren sich gefälligst bei Professor Snellius ; Professor Jäger , Sie bei Frau Doctor Kübel . So , nun säßen wir ja endlich ! Frau Director ergriff nun eine große Schelle , die vor ihr auf dem Tische stand , und begann damit eine halbe Minute lang mit der Energie eines Parlamentspräsidenten zu läuten , der die zornigen Stimmen einiger hundert durcheinander schreiender Volksvertreter übertönen will . Da die absolute Stille , welche in der Gesellschaft herrschte , endlich durchaus keinen Vorwand für die Entfaltung einer so energischen Kraftanstrengung mehr bot , so setzte Frau Director die Schelle wieder auf den Tisch und ergriff statt derselben einen halben Bogen Papier , auf welchem , wie auf einem Theaterzettel die Rollen des Stücks nebst den betreffenden Personen der Gesellschaft , denen sie zugetheilt waren , verzeichnet standen . Meine Damen und Herren ! sprach sie darauf , die Mienen der zu ihr aufschauenden Gemeinde wohlgefällig musternd ; Sie wissen , daß wir in der viertletzten Sitzung Wallenstein ' s Tod von Schiller für die diesmalige Zusammenkunft ausgewählt haben . Da in dem herrlichen Stück leider mehr Rollen sind , als wir besetzen können , so sah ich mich genöthigt , unterschiedliche , die mir weniger wichtig schienen , zu streichen . Indessen blieben doch auch so noch einige unbesetzt und würden unbesetzt geblieben sein , wenn uns nicht einige liebe Gäste heute Abend mit ihrer Gegenwart erfreut und mir es durch ihre gütig zugesagte Unterstützung möglich gemacht hätten , den Rollenzettel ganz nach meinem Wunsch anzufertigen . Obgleich nun die Meisten von Ihnen schon wissen , welches ihre Rolle ist , so will ich der Ordnung wegen und vor allem unserer lieben Gäste halber den Zettel von Anfang an noch einmal vorlesen . Frau Director räusperte sich und las unter dem ehrfurchtsvollen Schweigen der Gesellschaft : Wallenstein Director Clemens . Octavio Piccolomini Professor Snellius . Max Piccolomini Doctor Wimmer . Terzky Fredegunde Clemens . Illo Doctor Kübel . Buttler Doctor Breitfuß . Gordon Frau Doctor Kübel . Seni Fräulein Ida Snellius . Herzogin Frau Professor Snellius . Gräfin Terzky Meine Wenigkeit . Thekla Thusnelde Clemens . Fräulein Neubrunn Marie Kübel . Schwedischer Hauptmann Doctor Stein . Deveroux , Macdonald Herr und Frau ( Hauptleute in der Professor Jäger . Wallenstein ' schen Armee ) Oswald , dem diese originelle Besetzung nicht wenig Vergnügen gemacht hatte , mußte sich auf die Lippen beißen , um nicht laut herauszulachen über die albernen Gesichter , welche die beiden Letztgenannten machten , als sie ihre Namen in so inniger Verbindung mit den Namen der Mörder des Helden nennen hörten . Der Professor Jäger zog die Mundwinkel so tief herunter , wie Oswald es noch nie beobachtet hatte , und Primula , die so weiß wie der Spitzenkragen auf ihrem gelbseidenen Kleid geworden war , schien die größte Luft zu haben , in Thränen auszubrechen . Das also war der Triumph , den er , den sie sich für den heutigen Abend versprochen hatten ! War dies das gastfreundliche Haus von Menschen , die sich so viel auf ihre vollendete Humanität zu gute thaten ? war es die bluttriefende Höhle verthierter Troglodyten ? War er der Interpret der Fragmente des Chrysophilos , oder war er es nicht ? War sie die gefeierte Dichterin der Kornblumen , oder war sie es nicht ? Brach nicht ein Schrei der Entrüstung aus den Kehlen Aller , die mit eigenen Ohren die Entweihung in Wissenschaft und Kunst so berühmter Namen vernommen hatten ? Der Professor und die Professorin sahen sich über den Tisch mit Augen an , in welchen ein aufmerksamer Beobachter diese und noch mehr Fragen der Art hätte lesen müssen ; ließen sodann ihre Blicke über die Tafelrunde schweifen , den Eindruck zu erkunden , den eine solche Blasphemie auf die Anwesenden nothwendig hervorgebracht haben mußte . Aber Niemand schien etwas Besonderes in diesem schmählichen Hohn auf alle gelehrte und dichterische Berühmtheit zu finden , Niemand , mit Ausnahme vielleicht des alten dicken