abwenden müssen ! Wir müssen auswandern und Euch die Herrschaft Europas überlassen - dann wird beiden Theilen geholfen sein . Auf der einen Seite überfällt uns eine Arabella und will im Liebesrausch uns ersticken ; von der andern tritt eine Sibylle uns entgegen und theorisirt , philosophirt , dogmatisirt und systematisirt , daß uns der kalte Schweiß auf der Stirn perlt über diese Scene aus der » verkehrten Welt « . Vertiefe Dich nicht in diese Farce , die Du für ein Drama hältst , meine arme Sibylle ! Du hast große Neigung und Talent dazu une froide raisonneuse zu sein . Auf deutsch läßt sich das gar nicht ausdrücken ; uns fehlte bisher die Sache , also auch die Bezeichnung ; aber Du wirst gewiß ein Wort dafür finden . Bis dahin muß ich Dich so nennen . Wäre Dein Kopf ebenso kalt wie Dein Herz es ist , so würdest Du einsehen daß Eure Räsonnements nicht die Grundordnung der Natur hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mann und Weib aufheben können . Wir spielen nicht Komödie mit Euch - wie Du behauptest - weil wir in einer Epoche unsers Lebens voll leidenschaftlicher Glut zu Euren Füßen liegen ; sondern es macht sich in uns die Sphäre des Gefühls geltend , aus der wir uns allmälig in die der Intelligenz hinein arbeiten , für die wir hauptsächlich bestimmt sind . Ihr aber bleibt in der inferiören des Gemüths und verfolgt innerhalb derselben den Kreislauf Eurer Entwickelung , der Euch bestimmt den Reiz Eures Daseins als Liebende und Geliebte , die Würde desselben als schöne und heitere Mütter zu finden . Jede andre Entwickelung streitet mit dem Gesetz , das Gott in Eure Natur gelegt hat , und dieser Widerspruch rächt sich an Euch selbst durch Mißmuth und Unzufriedenheit , welche Ihr umsonst hinter hochtrabenden Redensarten und Bestrebungen zu verbergen sucht . Ja , diese letzteren machen Euch immer elender , denn sie bringen Euch um Euer Glück und um Eure Glorie : Ihr werdet nicht geliebt ! - Ich gestehe Dir aufrichtig die Vorstellung peinigt mich daß Astralis bei und von Dir erzogen werden soll . Ich mögte das Kind für mich in Anspruch nehmen , sobald der traurige Fall eintreten sollte , daß es seine arme Mutter durch den Tod verliert . Freilich würde das eine Umgestaltung meiner Lage mit sich bringen auf die ich vor der Hand nicht eingerichtet bin . « - - - Es folgten Auseinandersetzungen derselben , die mir deutlich zeigten , daß sie verwickelter denn je sei . Ich war fest entschlossen ihm unter keiner Bedingung Astralis anzuvertrauen und hatte außerdem die Ueberzeugung daß er sie nie ernsthaft begehren würde . Daher schickte ich ihm eine ziemlich bedeutende Summe und schrieb ihm dazu : er möge sie zu der Einrichtung verwenden , die er zu machen habe wenn Astralis zu ihm käme . Ich wußte sehr gut daß er sie für ganz andre Zwecke verwenden würde , aber ich suchte fast vor mir selbst Vorwände um sein Verfahren zu bemänteln . Indessen brauchte ich doch die Vorsicht Arabella zu bestimmen , daß sie mir in einem rechtsgültigen Testament die Erziehung , Bildung und Versorgung ihrer Tochter anvertraute . Auf den ersten Theil von Astraus Brief antwortete ich mit ungeheuchelter großer Ruhe : » Du nennst mich froide raisonneuse . Dieser Vorwurf hat mich getroffen . Ich glaube selbst daß keine Harmonie zwischen meinem Kopf und meinem Herzen ist . Ich habe mich von der Wiege an mit Träumereien und Phantastereien abgemattet , gegen welche jede Wirklichkeit armselig war - und dann habe ich diese Wirklichkeit mit dem Verstande durchforscht und das Sinnenleben wie das Gefühlsleben unvollkommen und daher unbefriedigend gefunden . Dies gebe ich zu . Aber was beweist es ? - weiter nichts als daß ich unvollkommen bin . Die arme Arabella blindlings versunken in das Gefühls- und Sinnenleben ist in andrer Art ebenfalls unvollkommen ; und Du fühlst Dich so verletzt und beklemmt durch die weibliche Unvollkommenheit , deren thörichte und übertriebene Richtungen wir versinnlichen , daß Du vor derselben in eine neue Welt entfliehen mögtest . Ich habe hierauf nur mit einer einzigen Frage zu antworten : bist Du vollkommen ? - - Genug der dürftigen Persönlichkeiten ! ich rede jezt nicht von Dir und mir , sondern von Mann und Weib . Du hältst dieses für ein inferiöres , jenen für ein superiöres Wesen . Warum ? - Weil hier mehr dunkles Gefühl , dort mehr klarer Verstand herrscht . Wer hat festgesetzt daß der Verstand etwas Göttlicheres sei als das Gefühl ? - der Mann . Warum hat das Weib diesen lächerlichen Ausspruch angenommen ? - weil in der Welt materielle Stärke dermaßen auf der materiellen Schwäche lastet , daß im zwölften Jahrhundert des Christenthums christliche Theologen noch darüber disputiren konnten : ob das Weib eine Seele habe . Zwölf Jahrhunderte der humanisirendsten aller Religionen - und noch eine solche Frage ! - Die Seele , insofern man darunter den unsterblichen Theil des Menschen begreift , ist im Lauf von sechs andern Jahrhunderten dem Weibe , ich mögte fast sagen - octroyirt worden . Versteht man aber den erkennenden , bildenden , selbstthätigen Geist , die Intelligenz darunter - ja , dann stehen wir auf dem Punkt der alten Scholastiker . Das Weib als eine Unmündige behandelt , kann sich nicht als eine Mündige benehmen . Es unterwirft sich und vegetirt so hin in dumpfen Gefühlen , welche häufig zu unbändigen Leidenschaften aufflammen , und welche durch eine verschrobene , hohle , prunkende Erziehung wol geschwächt , jedoch nicht gelichtet werden können . Ach ja ! das Weib unsrer Tage ist eine kläglich unvollkommne Erscheinung ; - aber durch den Mann unsrer Tage wird es warlich nicht in Schatten gestellt , nur durch die einseitige Richtung in welche es gezwängt wird . Und ebenso geht es dem Mann ! in der handwerkernden Beamten- in der pedantischen Gelehrtenwelt mögen wol Studien genug zu Hause sein , aber was hat mit denen