der feinsten Berechnung aus dem Hause , ja so viel wie möglich sogar aus dem Gesellschaftskreise verwiesen fühlte , der Annen umgab , erwachte ein furchtbarer Zorn in seiner Seele . Anfangs kochte und tobte nur der wilde Wunsch nach Rache in ihm ; er war entschlossen , den ihm an Talent weit untergeordneten Kronberg sinken zu lassen , ihn zu Grunde zu richten , ihn fühlen zu machen , welche Gewalt er über Anna ' s Herz habe , was er thun könne ; ihn brannte das Bewußtsein des so ganz unverdienten Mistrauens , das ihn getroffen , wie eine glühende Kohle fortglimmend in immer wachsender Glut . Bald aber siegte seine edlere Natur . Mit erneuten Kräften begann er auch in der ihm aufgedrungenen Ferne Anna ' s Geschick in Kronbergs Händen zu bewachen und , wo irgend die Umstände es gestatteten , zu erleichtern . Und leider bot gar bald von zwei Seiten zugleich sich hierzu die Gelegenheit . Kronberg hatte sich , durch die immerwährende Anstrengung , seine Eifersucht zu verbergen und sich anders zu geben , als er in diesem Augenblicke wirklich war , in eine so grimmig Alles negirende Stimmung versetzt , daß ihm jedes längere Zusammensein mit Annen unerträglich ward . Sah sie ernst oder traurig aus , so schien sie ihm in Liebesgram sich zu verzehren ; war sie heiter , so glaubte er sich betrogen und sein klarer Geist ertappte sich selbst auf den abenteuerlich-lächerlichsten Vermuthungen . - Als ihm gelungen war , Gotthard fast ganz aus ihrer Nähe zu verdrängen , ward jedes unnöthige Gespräch mit ihr ihm doppelt peinlich , denn zu seinen übrigen Qualen gesellten sich die eines unreinen Gewissens und der Erkenntniß eines durchaus verfehlten Schrittes . Sehr bald bemerkte er den innern Kampf seiner Frau und die aus einer unnöthigen Beschränkung erwachsende gesteigerte leidenschaftliche Stimmung derselben ; er fühlte , daß er das Feuer nur heller angeschürt , und in einer plötzlich ihn befallenden Art Muthlosigkeit versuchte er sich gewaltsam zu zerstreuen . Unglücklicherweise reizten ihn gerade in diesem Augenblicke einige Neckereien seiner Bekannten ; Baron Ruthberg klagte ihn der Eifersucht an , die ihn zu Hause festhalte . Kronberg begann , Annen zu vernachlässigen , sie seltener zu begleiten und an Ruthbergs Seite eine Menge etwas zweifelhafter Vergnügungsorte und Arten aufzusuchen . Er spielte , obgleich nur in guter Gesellschaft , hatte abwechselnd Glück und Unglück und schadete sich nicht bedeutend ; er unternahm eine Art Touristenronde durch alle Theater und Volksgesellschaften , blieb aber insgeheim gelangweilt . Endlich machte er bei Ruthbergs Geliebter die Bekanntschaft einer spanischen Sängerin , die ihn anzog und amusirte . Dies Verhältniß , dessen lockere Fäden der innere Ueberdruß geknüpft , ward bald ein ihn fesselndes , was trotz momentanem Selbstvergessen bisher seit seiner Heirath nie der Fall gewesen . Und dennoch blieb er - eifersüchtig . Anfangs erfuhr Anna nichts von dem Allen ; erst als sie Kronberg im Theater einer Dame in eine grillirte Loge folgen sah , als sie derselben Dame in seinem mit dem Wappen seiner Familie gezierten Wagen begegnete , erschrak sie , weit mehr vor dem Unpassenden seines Betragens und dem möglichen Aufsehen , als vor dem Gedanken seiner Untreue , vor dem Vergessensein da , wo sie so sehr geliebt gewesen . Ein unsäglich betrübtes Gefühl des Irrens im menschlichen Gemüth , eine bange Scheu vor der Vergänglichkeit seiner Empfindungen paarte sich der mildesten Anerkennung , daß sie ihn ja nicht durch Liebe an sich gefesselt . Und wiederum mischte sich dieser edleren Empfindung ein erleichterndes Aufathmen ; sie fühlte sich im Innern minder schuldig , wohl aber sich und ihn tief beklagenswerth ! - Denn ein ernsteres Nachdenken rief das Bild ihrer Knaben ihr in die Seele , eine solche Liaison mußte die Kinder ihr und Kronberg entfremden und sie zwischen die Eltern stellen . Sie beschloß , sich von Egon loszureißen und ihn in eine Pensionsanstalt zu thun , und trug Gotthard auf , ihr eine passende zu finden . Aus diesem Hinzuziehen des Freundes entwickelte sich die Nothwendigkeit , ihrem Gemahl zu verbergen , daß jener ihr noch in Rath und That beistehe , und somit hatte Kronberg abermals selbst den ersten ihm verheimlichten Schritt des erneueten Einverständnisses herbeigeführt . Gotthards Klugheit verstand ihn zu decken . Kronberg ahnte nicht , wer ihm das Erziehungshaus empfohlen , in dem er seinen Knaben untergebracht . Gotthard aber sah nun das Kind täglich . Josephs Nähe glaubte Anna sich noch eine Weile gönnen zu dürfen , der Kleine war jünger und schwächer als Egon . St. Luce hatte den jungen Geheimrath kaum zwei-oder dreimal in Kronbergs Hause getroffen , so war er im Geheimniß , obschon keines von ihnen eine Sylbe ihm anvertraute . Er sah sehr bald ein , daß Anna zum ersten Male liebe , und trotz des unleugbaren neidischen Verdrusses darüber überflog ihn eine stille wehmüthige Rührung und ein fernes Erinnern der eigenen Jugend . St. Luce war von guten bürgerlichen Eltern in der Normandie geboren . Die blutigere Revolutionsepoche fiel noch in seine Kindheit , sie hatte ihn nicht verhärtet ; ihm war etwas von dem geblieben , was die Franzosen in der Provinz enfant de famille nennen , das ihn , trotz manchem leichtsinnigen Streich seiner eigenen früheren Jahre , an ein einfaches rechtliches Gefühl , auch in Männern Frauen gegenüber glauben ließ . Es ist traurig , daß in einer Menge an Erfahrung reichen Männern der höheren Stände ein Unglaube entsteht , der sie ihr eigenes Geschlecht in Bezug auf das unsere fast unbedingt des Egoismus und der Unwahrheit anklagen macht , noch trauriger aber , daß unzählige Beispiele dies Urtheil rechtfertigen , und zwar gerade da rechtfertigen , wo eine Menge höchst ehrenwerther Eigenschaften die Beschuldigung fast unbegreiflich erscheinen läßt . St. Luce traute also Gotthard zu , daß ihn keine unlautere Absicht zu Annen zog , aber ihr Ruf , ihr Glück , ja selbst ihre Frauenehre schienen ihm deshalb nicht um ein