und Säumens den Anschein nicht hatte . « » Sie kommen eben recht , Herr Major « , sagte die Ältere , » unsern Streit zu entscheiden oder wenigstens sich für eine oder die andere Partei zu erklären ; ich behaupte , man fängt eine solche weitschichtige Arbeit nicht an , ohne einer Person zu gedenken , der man sie bestimmt hat , man vollendet sie nicht ohne einen solchen Gedanken . Beschauen Sie selbst das Kunstwerk , denn so nenn ' ich es billig , ob dergleichen so ganz ohne Zweck unternommen werden könne . « Unser Major mußte der Arbeit freilich allen Beifall zusprechen . Teils geflochten , teils gestickt , erregte sie zugleich mit der Bewunderung das Verlangen , zu erfahren , wie sie gemacht sei . Die bunte Seide waltete vor , doch war auch das Gold nicht verschmäht , genug , man wußte nicht , ob man Pracht oder Geschmack mehr bewundern sollte . » Es ist doch noch einiges daran zu tun « , versetzte die Schöne , indem sie die Schleife des umgeschlungenen Bandes wieder aufzog und sich mit dem Innern beschäftigte . » Ich will nicht streiten « , fuhr sie fort , » aber erzählen will ich , wie mir bei solchem Geschäft zumute ist . Als junge Mädchen werden wir gewöhnt , mit den Fingern zu tifteln und mit den Gedanken umherzuschweifen ; beides bleibt uns , indem wir nach und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten verfertigen lernen , und ich leugne nicht , daß ich an jede Arbeit dieser Art immer Gedanken angeknüpft habe , an Personen , an Zustände , an Freud und Leid . Und so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete , ich darf wohl sagen , kostbar . Als ein solches nun durft ' ich das Geringste für etwas halten , die leichteste Arbeit gewann einen Wert , und die schwierigste doch auch nur dadurch , daß die Erinnerung dabei reicher und vollständiger war . Freunden und Liebenden , ehrwürdigen und hohen Personen glaubt ' ich daher dergleichen immer anbieten zu können ; sie erkannten es auch und wußten , daß ich ihnen etwas von meinem Eigensten überreichte , das , vielfach und unaussprechlich , doch zuletzt zu einer angenehmen Gabe vereinigt , immer wie ein freundlicher Gruß wohlgefällig aufgenommen ward . « Auf ein so liebenswürdiges Bekenntnis war freilich kaum eine Erwiderung möglich ; doch wußte die Freundin dagegen etwas in wohlklingende Worte zu fügen . Der Major aber , von jeher gewohnt , die anmutige Weisheit römischer Schriftsteller und Dichter zu schätzen und ihre leuchtenden Ausdrücke dem Gedächtnis einzuprägen , erinnerte sich einiger hierher gar wohl passender Verse , hütete sich aber , um nicht als Pedant zu erscheinen , sie auszusprechen oder auch ihrer nur zu erwähnen ; versuchte jedoch , um nicht stumm und geistlos zu erscheinen , aus dem Stegreif eine prosaische Paraphrase , die aber nicht recht gelingen wollte , wodurch das Gespräch beinahe ins Stocken geraten wäre . Die ältere Dame griff deshalb nach einem bei dem Eintritt des Freundes niedergelegten Buche ; es war eine Sammlung von Poesien , welche soeben die Aufmerksamkeit der Freundinnen beschäftigte ; dies gab Gelegenheit , von Dichtkunst überhaupt zu sprechen , doch blieb die Unterhaltung nicht lange im Allgemeinen , denn gar bald bekannten die Frauenzimmer zutraulich , daß sie von dem poetischen Talent des Majors unterrichtet seien . Ihnen hatte der Sohn , der selbst auf den Ehrentitel eines Dichters seine Absichten nicht verbarg , von den Gedichten seines Vaters vorgesprochen , auch einiges rezitiert ; im Grunde , um sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und , wie es die Jugend gewohnt ist , sich für einen vorschreitenden , die Fähigkeiten des Vaters steigernden Jüngling bescheidentlich geben zu können . Der Major aber , der sich zurückzuziehen suchte , da er bloß als Literator und Liebhaber gelten wollte , suchte , da ihm kein Ausweg gelassen war , wenigstens auszuweichen , indem er die Dichtart , in der er sich allenfalls geübt habe , für subaltern und fast für unecht wollte angesehen wissen ; er konnte nicht leugnen , daß er in demjenigen , was man beschreibend und in einem gewissen Sinne belehrend nennt , einige Versuche gemacht habe . Die Damen , besonders die jüngere , nahmen sich dieser Dichtart an ; sie sagte : » Wenn man vernünftig und ruhig leben will , welches denn doch zuletzt eines jeden Menschen Wunsch und Absicht bleibt , was soll uns da das aufgeregte Wesen , das uns willkürlich anreizt , ohne etwas zu geben , das uns beunruhigt , um uns denn doch zuletzt uns wieder selbst zu überlassen ; unendlich viel angenehmer ist mir , da ich doch einmal der Dichtung nicht gern entbehren mag , jene , die mich in heitere Gegenden versetzt , wo ich mich wiederzuerkennen glaube , mir den Grundwert des Einfach-Ländlichen zu Gemüte führt , mich durch buschige Haine zum Wald , unvermerkt auf eine Höhe zum Anblick eines Landsees hinführt , da denn auch wohl gegenüber erst angebaute Hügel , sodann waldgekrönte Höhen emporsteigen und die blauen Berge zum Schluß ein befriedigendes Gemälde bilden . Bringt man mir das in klaren Rhythmen und Reimen , so bin ich auf meinem Sofa dankbar , daß der Dichter ein Bild in meiner Imagination entwickelt hat , an dem ich mich ruhiger erfreuen kann , als wenn ich es , nach ermüdender Wanderschaft , vielleicht unter andern , ungünstigen Umständen vor Augen sehe . « Der Major , der das vorwaltende Gespräch eigentlich nur als Mittel ansah , seine Zwecke zu befördern , suchte sich wieder nach der lyrischen Dichtkunst hinzuwenden , worin sein Sohn wirklich Löbliches geleistet hatte . Man widersprach ihm nicht geradezu , aber man suchte ihn von dem Wege wegzuscherzen , den er eingeschlagen hatte , besonders da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten schien , womit der Sohn der unvergleichlichen Dame die entschiedene Neigung seines Herzens nicht