Gedanken durch den Sinn , daß sie erschrocken aufsprang . Ein alter , frommer Geistlicher vom Dorfe besuchte die schöne Büßerin fleißig . Sie erstaunte , wie der Mann so eigentlich ohne alle Bildung und doch so hochgebildet war . Er sprach ihr oft stundenlang von den tiefsinnigsten Wahrheiten seiner Religion , und war dabei immer so herzlich heiter , ja , oft voll lustiger Schwänke , während sie dabei jedesmal in eine peinliche , gedankenvolle Traurigkeit versank . Er fand manchmal geistliche Lieder und Legenden bei ihr , die sie soeben gedichtet . Nichts glich dann seiner Freude darüber ; er nannte sie sein liebes Lämmchen , las die Lieder viele Male sehr aufmerksam und legte sie in sein Gebetbuch . Mein Gott ! sagte da Romana in Gedanken verloren oft zu sich selbst , wie ist der gute Mann doch unschuldig ! - In dieser Zeit schrieb sie , weniger aus Freundschaft , als aus Laune und Bedürfnis sich auszusprechen , mehrere Briefe an die Schmachtende in der Residenz , im tiefsten Jammer ihrer Seele verfaßt . Sie erstaunte über sich selbst , wie moralisch sie zu schreiben wußte , wie ganz klar ihr Zustand ihr vor Augen lag und sie es doch nicht ändern konnte . Die Schmachtende konnte sich nicht enthalten , diese interessanten Briefe ihrem Abendzirkel mitzuteilen . Man nahm dieselben dort für Grundrisse zu einem Romane , und bewunderte die feine Anlage und den Geist der Gräfin . Romana hielt es endlich nicht länger aus , sie mußte ihren hohen Feind und Freund , den Grafen Friedrich , wiedersehen . Kaum hatte sie sich diesen Wunsch einmal erlaubt , als sie auch schon auf dem Pferde saß und der Residenz zuflog . Dies war damals , als sie Friedrich an dem warmen Märzfeste so wild die Menge teilend vorüberreiten sah . Als sie nun ihren Geliebten wieder vor sich sah , noch immer unverändert ruhig und streng wie vorher , während eine ganz neue Welt in ihr auf- und untergegangen war , da schien es ihr unmöglich , seine Tugend und Größe zu erreichen . Die beiden vor ihr Leben gespannten , unbändigen Rosse , das schwarze und das weiße , gingen bei dem Anblick von neuem durch mit ihr , alle ihre schönen Pläne lagen unter den heißen Rädern des Wagens zerschlagen , sie ließ die Zügel schießen und gab sich selber auf . Friedrich war indes noch mehrere Tage lang mit Leontin in dem Gebirge herumgestrichen , um Erwin wiederzufinden . Aber alle Nachforschungen blieben vergebens . Es blieb ihm nichts übrig , als auf immer Abschied zu nehmen von dem lieben Wesen , dessen wunderbare Nähe ihm durch die lange Gewohnheit fast unentbehrlich geworden war . Rüstig und neu gestärkt durch die kühle Wald- und Bergluft , die wieder einmal sein ganzes Leben angeweht , kehrte er in die Residenz zurück und ging freudiger , als jemals , wieder an seine Studien , Hoffnungen und Pläne . Aber wie vieles hatte sich gar bald verändert . Die braven Gesellen , welche der Winter tüchtig zusammengehalten , zerstreute und erschlaffte die warme Jahreszeit . Der eine hatte eine schöne , reiche Braut gefunden und rechnete die gemeinsame Not seiner Zeit gegen sein eigenes einzelnes Glück zufrieden ab , seine Rolle war ausgespielt . Andere fingen an auf öffentlichen Promenaden zu paradieren , zu spielen und zu liebeln , und wurden nach und nach kalt und beinahe ganz geistlos . Mehrere rief der Sommer in ihre Heimat zurück . Aller Ernst war verwittert , und Friedrich stand fast allein . Mehr jedoch , als diese Treulosigkeit einzelner , auf die er doch nie gebaut , kränkte ihn die allgemeine Willenlosigkeit , von der er sich immer deutlicher überzeugen mußte . So bemerkte er , unter vielen andern Zeichen der Zeit , oft an einem Abend und in einer Gesellschaft zwei Arten von Religionsnarren . Die einen prahlten da , daß sie das ganze Jahr nicht in die Kirche gingen , verspotteten freigeisterisch alles Heilige und hingen auf alle Weise , die Gott sei Dank ! bereits abgenutzte und schäbige Paradedecke der Aufklärung aus . Aber es war nicht wahr , denn sie schlichen heimlich vor Tagesanbruch , wenn der Küster aufschloß , zum Hinterpförtchen in die Kirchen hinein und beteten fleißig . Die andern fielen dagegen gar weidlich über diese her , verfochten die Religion und begeisterten sich durch ihre eigenen schönen Redensarten . Aber es war auch nicht wahr , denn sie gingen in keine Kirche und glaubten heimlich selber nicht , was sie sagten . Das war es , was Friedrich empörte , die überhandnehmende Desorganisation gerade unter den Bessern , daß niemand mehr wußte , wo er ist , die landesübliche Abgötterei unmoralischer Exaltation , die eine allgemeine Auflösung nach sich führen mußte . Um diese Zeit erhielt Friedrich nach so vielen Monaten unerwartet einen Brief von dem Gute des Herrn v. A. An den langen Drudenfüßen sowohl , als an dem fast komisch falsch gesetzten Titel erkannte er sogleich den halbvergessenen Viktor . Er erbrach schnell und voll Freude das Siegel . Der Brief war folgenden Inhalts : » Es wird uns alle sehr freuen , wenn wir hören , daß Sie und der Herr Graf Leontin sich wohl befinden , wir sind hier alle Gott sei Dank ! gesund . Als Sie beide weggereist sind , war es hier so still , als wenn ein Kriegslager aufgebrochen wäre und die Felder nun einsam und verlassen stünden , im ganzen Schlosse sieht ' s aus , wie in einer alten Rumpelkammer . Ich mußte anfangs an den langen Abenden auf dem Schlosse aus dem Abraham a St. Clara vorlesen . Aber es ging gar nicht recht . Der Herr v. A. sagte : ja , wenn der Leontin dabei wäre ! Die gnädige Frau sagte : es wäre doch alles gar zu dummes Gewäsch durcheinander , und Fräulein Julie dachte Gott weiß an was , und paßte gar nicht