erinnerte auch die Gräfin gähnend , daß es spät sei . » ... wirklich ist es auch heute zu spät , der schönen Gräfin noch meine Schäfer-Odyssee vorzulesen . Der schöne gewogene Takt meiner Hexameter brächte sie ganz zum Schlafe ; es sind die besten , die je in deutscher Sprache verfaßt worden . Ich habe ein eigenes Ohr dafür , selbst Voß hat mir längst den Preis zuerkannt ; kraft sechzig destillierter Eierschnäpse bin ich hinter das Geheimnis dieses Pfiffes gekommen . Sie glauben nicht , wie unterhaltend die Reise des Schäfers durch Spanien , Frankreich und Deutschland , wie lächerlich er alles in seiner Einfalt faßt , wie wunderlich er sein Haus wiederfindet , wo unterdessen der Feind gehaust . « - Mit diesen Worten ging er zur Türe , blickte aber noch einmal mit seinen verdrehten Augen zurück , und sagte : » Ein Glas Punsch hätte ich gerne getrunken . « - » Lieber Waller « , antwortete der Graf , » warum sagten Sie das nicht zur gehörigen Zeit , jetzt schlafen alle meine Leute . « - » Nun , es schadet auch nichts weiter « , rief er , und ging fort . Der Graf konnte sich doch nicht enthalten , auszurufen , als er bedachte , wie viel der Mensch so bedeutsam geallerleit und doch so gar nichts gegeben : dieser sei eigentlich kein Phantast , sondern ein Faselant , der mit einer ganzen Möbelkammer alter Phantasien herum hausiere . Zweiundzwanzigstes Kapitel Tod der Frau Waller und Wallers vergebliches Verlöbnis Der Morgen des folgenden Tages wurde jammervoll erweckt ; Waller hatte seine Frau , als er sie zum Frühstücke erwecken wollte , tot gefunden , und lag seitdem in einer wunderbaren Raserei an ihrer Seite auf dem Bette . Der Graf scheute sich erst , seinem tiefen Schmerze zu begegnen , nur die Zeit vermag für jeden wirklichen Verlust zu trösten ; bald wurde er aber von den schönen Elegien angezogen , die den Lippen des Unglücklichen entströmten ; da fehlte keine Silbe in den Versen , trotz der schreckenvollen Erscheinungen , die sie ausdrückten . Leicht ließ er sich überreden , was er vorher durchaus nicht zugeben wollte , daß der entseelte Körper in ein andres Zimmer gebracht würde , nachdem der Graf ihm versichert , daß die Ausdünstung der Toten die Lebenden nachzöge . Noch bestrich er dreimal eine Warze über seinem Auge mit der kalten Hand der Toten , daß sie ihm noch einen Liebesdienst erweise ; dann überließ er sie den fremden Gewalten , und erbat zu ihrer Einsetzung den Prediger Frank als den nächsten evangelischen Geistlichen zu sich . Nun wurde er selbst in ein andres Zimmer des Schlosses getragen , denn er glaubte sich zu schwach zum Gehen . Die Kinder blieben in fürchterlichem Weinen bei dem Grafen , der in die angefangene Zeichnung der Gegend schaute , die halb von der Verstorbenen ausgewischt war ; die Semmelkrumen lagen noch umher . Es war ihm heilig , dieses Bild , als der letzte Lichtfunken eines schönen Malertalentes ; er ließ alles an derselben Stelle liegen , und führte die beiden Kinder in seinen Garten . Nichts war im Stande , sie zu trösten , der Strom der Tränen schien seine lindernde Kraft an ihnen nicht auszuüben , kein Geschenk sie zu erfreuen ; endlich fiel der Graf auf den guten Gedanken sie zu einer Angelbank zu führen . Dies Geschäft war ihnen ganz neu ; das Suchen der Regenwürmer , das Aufstecken , das Warten auf die Bewegung des schwimmenden Federkieles , zerstreute sie in wenigen Minuten so ganz und gar , daß sie ausgelassen lustig wurden - wie leicht trösten sich Kinder um ihre Eltern . In dieser Beschäftigung erhielt er sie den Vormittag , dann ging er mit ihnen zurück , ohne daß sich ihre gute Laune gemindert hätte . Der Graf trat in das Zimmer , wo Waller auf dem Bette lag ; der Prediger Frank und drei schöne Landmädchen , die Töchter eines sehr reichen Amtmanns in der Nähe , standen umher und hörten mit Tränen seinen Schwärmereien zu . Waller begrüßte die drei Mädchen in recht anmutigen Versen als die drei Grazien , die gekommen wären , ihn für den Verlust der Geliebten zu trösten . Sehr lebendig malte er sein verlorenes Glück , beschrieb seine künftige Einsamkeit , seine verlassenen Kinder ; dann glaubte er die Stimme seiner verstorbenen Frau zu hören , er wiederholte schauerlich ihre einzelnen gebrochenen Worte , die ihm geboten , die Hand der Schönsten von den drei Mädchen zu ergreifen und seinen Trauring daran zu stecken , sie könne , sie würde ihn trösten ; ihr zeichnete er ein reizendes Künstlerleben vor . Der Graf glaubte , es sei schon etwas Entschiednes zwischen beiden vor dem Tode der Frau gewesen , um so mehr staunte er , als die drei Mädchen ganz bleich das Zimmer verließen und die Erwählte den Grafen ängstlich bat , als er sie zum Hause hinaus begleitete , er möchte ihm den Ring zustellen , und ihm sagen , daß sie ihn sehr hochachte , daß sie ihn aber unmöglich heiraten könne , denn dazu gehöre doch mehr ; daß sie von je , seit er in diesem Hause gewohnt , seine unglückliche Frau bedauert , die er mit seinem Unsinn zu Tode gequält , und daß sie jedem Mädchen von einer Heirat mit ihm abraten würde . Mit diesen Worten verließen die entschlossenen Landmädchen das Haus und der Prediger Frank , der neben dem Grafen stand , lachte aus vollem Halse . » Ich bin in Geschäften hier , Herr Graf « , sagte er , » also nicht gegen Ihren Befehl , aber ich hätte nicht erwartet , mein Geschäft so reichlich bezahlt zu sehen . « - Der Graf bat ihn um Entschuldigung jener Beleidigungen am Hochzeitabend , die sein beleidigter Dichterstolz aus ihm gesprochen . » Heute « , fuhr Frank fort , » sollen Sie noch