Kanapee etwas näher , blickte an die Thür und überzeugte sich , daß die große Gesellschaft in den vordern Sälen ganz sich selber lebte . Es wurde laut gesprochen , gelacht , musicirt . Sie waren unbelauscht ... Ist es nicht möglich , Herr Hackert , begann sie , daß Sie den Gefangenen sprechen ? Schwierig ... Der Oberkommissär würde es können - Kaum anders als in Gegenwart des Untersuchungsrichters - Gott ! wie ist das Alles so weitläuftig ! Inzwischen beginnen die Verhöre - Wirklich ? Schon die Verhöre ? Sie fürchten , daß hinter Murray ' s angenommenem englischen Namen ein Deutscher steckt , der Ihnen nicht gleichgültig ist ... Das ist es ... Sein Interesse für Auguste Ludmer schien Ihnen verdächtig ... er geht nach Hohenberg , hat ein Anliegen im Forsthause , vielleicht eine Anfrage an Ursula Zeck ... vielleicht ist es der Vater eines Kindes , das Ursula Zeck einst geboren , ohne ihn zu nennen ... Die Ludmer sprang fast auf bei diesen tollkühnen Worten , riß die weißen unheimlichen Augenwimpern bis hoch an die Stirn und fragte : Wie kommen Sie zu diesem Verdacht ? Ich stelle nur Vermuthungen auf , sagte Hackert ruhig und scharf die alte Dame beobachtend . Ich übe mich in der Kunst des Inquirirens , in der ich kein Neuling bin . Wer weiß , was Murray im Forsthause wollte ! Vielleicht ist es ein Bruder der alten Ursula ... Das war für die Ludmer fast zu viel . Sie hielt die Dose krampfhaft in der Hand , wollte aufstehen , setzte sich wieder und gerieth in eine Unruhe , die Hackerten bewies , daß hier irgend ein interessantes Geheimniß auf dem Spiele stände , vielleicht eines , wonach diese Alte die Mutter jenes Paul Zeck war und es nicht sein wollte . Um ihr aber kein Mistrauen einzuflößen , sagte er mit ruhiger Miene : Warum fragen Sie nicht bei dem Franzosen an ? Bei Louis Armand , der so viel Theilnahme für Murray zu haben scheint , vielleicht in seine Pläne eingeweiht ist , vielleicht nicht ganz zufällig die Veranlassung war , daß Murray ihn begleitete , mit ihm das Forsthaus besuchte ... Wer weiß Das ? Die Ludmer lehnte sich ganz entschieden dagegen auf , irgendwie noch den Kreis ihrer Vertrauten zu erweitern . Auch war ihr Alles , was sie von Louis Armand wußte , zuwider . Aber die Aufgabe ? drängte Hackert , als sie zögerte ... Würden Sie sich wol der Aufgabe unterziehen , flüsterte die Ludmer endlich mit gedämpfter , heiserer Stimme , indem ihr zahnloser Mund süßsäuerlich und verführerisch schmunzelte ; würden Sie wol auf irgend eine Art vor der gerichtlichen , wie Sie wissen , langsamen Prozedur , zu erfahren suchen können , welches Geheimniß hinter diesem Murray steckt ... ob es ein wirklicher Engländer ist ... welche Absicht ihn hierherführte ... welches sein Interesse an Auguste Ludmer , meiner Nichte , war ... warum er nach Hohenberg reiste ... was ihn in das Forsthaus führte , in Begleitung des Blinden ... welches seine Beziehung zu Louis Armand , vielleicht gar zu den Brüdern Wildungen und all ' den Männern ist , die nicht werden ertragen können , daß Prinz Egon sich Paulinen von Harder , meiner Gebieterin und ich kann wohl sagen , meiner Pflegetochter , anschließt ... warum ist Murray mit einem Pistol bewaffnet ? Warum das Attentat auf einen unglücklichen Blinden ? Warum hat man Murray hier im Hotel garni bei Helene d ' Azimont gesehen , bei der schönen Gräfin , von der Sie gehört haben werden , daß sie mit dem Prinzen Egon liirt war ? Warum schloß sich Murray mit dem Jesuiten Rafflard ein , der sich zu allen nur erdenklichen Intriguen hergeben soll und sich auch wol nicht wird gescheut haben , gegen die Geheimräthin , aus Rache für den Bruch mit Helene d ' Azimont und dem Prinzen , irgend eine Schlechtigkeit zu unternehmen , kurz , Herr Hackert , die Welt ist so böse , so böse , und es ist nothwendig , daß man weiß , wer unsre Freunde und Feinde sind ! Die Last war abgeschüttelt . Die lauernde , grübelnde Umsicht der Alten stand nach diesen Worten in schwefelgelber Glorie da . So hatte diese Frau im Stillen über ihre geliebte Pauline gewacht ! So hatte sie beobachtet , zusammengereimt und schweigend die Schärfe ihrer durchbohrenden Augen geübt ! Pauline tändelte und phantasirte so hin . Die Ludmer wachte und lieh ihr den Verstand , der der klugen Geheimräthin , wenn sie das Eine ganz beschäftigte , für das Andere ganz fehlte . Sie hatte immer die Katastrophe erwartet , die jetzt hereinzubrechen schien . Bartusch ' s Anzeige , daß ihm der Taufschein Paul Zeck ' s , den sie haben wollte , um ihn zu vernichten , von einer wunderbaren unsichtbaren Gewalt geraubt worden war , hatte sie schon stutzig gemacht . Von Paul Zeck wußte sie nur so viel , daß er todt war . Die Ursula hatte diese Versicherung gegeben , hatte sich dann verheirathet und war ihr verschollen . Nun geschah so viel Räthselhaftes , die Scene , die im Forsthause von Kümmerlein und Mullrich überrascht wurde , war so verworren , daß die Ludmer ein andres Licht begehrte , als das die Gerichte aufstecken konnten , und wenn es das rechte Licht war , das sie fürchtete , wollte sie es früher wissen ! Pauline schien ihr allmächtig . Pauline konnte nach ihrer Vorstellung , unterstützt von dem Ministerpräsidenten und dem des Obertribunals , ihrem Schwiegervater , Alles zu Stande bringen , was bei Andern an dem Vorbau der neuen » Justizunabhängigkeit « scheiterte . Deshalb wollte sie , ehe sie Paulinens Ruhe aufschreckte , rasch und sicher wissen , wer hinter jenem räthselhaften Fremden verborgen war . Hackert besaß eine Art von Vertraulichkeit , die jeden Gebildeten und feiner Erzogenen beleidigt haben würde . Bei der Ludmer war sie ganz