« ... Eines Tages hatte sich Lucinde , als Olympia nicht anwesend war , nach einem kleinen Diner bei der Herzogin , dem der Cardinal , einige Prälaten und Offiziere beiwohnten , den Scherz erlaubt , den großen rothen Cardinalshut des erstern aufzusetzen und damit vor den Spiegel zu treten ... Das Gespräch war so lebhaft , das Lachen so natürlich gewesen , daß Lucinde sich diesen kleinen Rückfall in ihre alten » Hessenmädchen « -Naivetäten glaubte beikommen lassen zu dürfen ... Una porporata ! rief Ceccone mit glühenden Augen und beifallklatschend ... Der große rothe Sammthut mit den hängenden Troddeln von gleicher Farbe stand dem schwarzen Kopfe in der That allerliebst ... » Die Päpstin Johanna ! « sagte ein Offizier , der Lucinden zu Tisch geführt hatte ... Er schien sich gut mit ihr unterhalten zu haben ... Man nannte ihn den Grafen Sarzana ... Er stand bei der Nobelgarde und war noch nicht lange von Reisen zurück ... Der Cardinal drohte ihm für sein Wort schelmisch mit dem Finger , sagte , wie zur Strafe : » Nein ! Die Gräfin Sarzana ! « ... Damit setzte er Lucinden den schönen Helm des Offiziers auf ... Eine Purpurglut überfloß sie ... Ihre verunglückte Johanna d ' Arc auf der Bühne stand wieder vor ihr ... Sie hatte keine Kraft , ein Wort zu sprechen , keine Kraft , den Helm wieder abzunehmen , bis es Herzog Pumpeo that ... Der Cardinal hatte den seinigen ergriffen ... Seit dieser Zeit wurde sie mit » Gräfin Sarzana « geneckt und von niemand mehr als von Ceccone ... Der Graf , der sie nach dieser Scene anfangs auffallend gemieden hatte , fing plötzlich sogar selbst an , den Scherz wahrmachen zu wollen ... Er zeichnete sie aus ... Lucinde wußte , daß Don Agostino ein Graf » ohne Baldachin « war , d.h. ohne Stellung zum hohen römischen Adel . Ein Marchese ist mehr als ein römischer Graf . Sie wußte , daß Graf Sarzana arm war und unter Cavalieren nach dem Schlag des alten Husarenrittmeisters von Enckefuß lebte . Galanterie und die Kunst , mit 1500 Scudi für sich und ihre Diener auszukommen , erfüllte das Leben dieser » armen Ritter « - unter denen sich Frangipanis und Colonnas befinden ... Wie sich aber die Neckereien mit der » Gräfin Sarzana « mehrten , trat ihr die Vergleichung des alten Enckefuß mit diesen römischen Rittern noch in einer andern Beziehung entgegen ... Der alte Husarenrittmeister hatte Ehrgeiz , Ritterlichkeit , Treue , Aufopferung für gute Freunde , Tugenden , die die Fehler seines Leichtsinns vergessen ließen ... Seltsam aber , sagte sie sich , diese romanische Art besitzt von alledem wenig oder gar nichts und regiert doch die Welt ! ... Die anständigsten Menschen hatte Lucinde hier gewinnsüchtig und schmutzig geizig gefunden ; ein gewisser Adel der Auffassungen , der ihr selbst noch in der äußersten Entartung des heimischen Junkerthums , im Kronsyndikus , bei ernsten Krisen erinnerlich war , fehlte hier ... Sie sah anständig gekleidete Männer Abends in die Kaffeehäuser zu den Gästen treten , die Achsel zucken und den Hut hinhalten - um einen Bajocco zu erhalten ... Selbst die Herzogin von Amarillas fand in solchen Vorkommnissen nichts als die allgemeine Consequenz des südlichen Lebens ... Mit dem äußern Schein der Demuth verband sich , wo Lucinde hinblickte , eine Gewöhnlichkeit der Anschauungen , die selbst ihre leichte Art zu denken und zu urtheilen noch überschritt ... Im Theater , das sie wegen Olympiens Koketterie besuchen mußte , sah sie zwanzig Tage hintereinander dieselbe Oper oder Farce ... An manchen Stellen , wo Rührung hervorgebracht werden sollte , zitterten wol die Stimmen der Sänger , der Schauspieler ; die Taschentücher wurden gezogen ; aber meist waren es Ausbrüche von Klagen , die ihr weit eher lächerlich vorkamen ... Anderes wieder , das selbst für sie roh und herzlos erschien , ging bejubelt oder als » großartig « vorüber ... Maßstab aller Beurtheilungen war die Klugheit oder Dummheit , die man bewiesen . Eine geschickt ausgeführte List erntete Bewunderung ... Und nicht anders im täglichen Leben . Der alte Rucca war , wie alle sagten , ein Gauner . Er stand im besten Einvernehmen mit den Cardinälen ... Sein Sohn hatte die Eitelkeit eines Affen . Seine Kameraden waren ebenso . Anmaßung , Unwissenheit überall ... Einige der römischen Junker trieben Politik und hielten sich zur » nationalen « Partei . Ihre Unzufriedenheit bestand darin - daß im Sanct-Peter bei großen Festlichkeiten » die Gesandten und die Fremden die Plätze erhielten , die ihnen gebührten « ! ... Oder sie fanden , daß der Kirchenstaat zu sehr von Paris , Neapel und Wien beherrscht wurde ; sie wollten die Herrschaft der alten Geschlechter wiederherstellen . Selten , daß sich einmal bei der Herzogin eine unterrichtete Persönlichkeit einfand . Die » Prälaten « besaßen Kenntnisse , mehr noch , angeborenen Geist ; aber eine Einbildung verband sich damit , die jedes Maß überschritt . Nach ihnen war jede Wissenschaft zuerst in Italien entdeckt worden ... Wenn Cardinal Ceccone » auf sein Alter Neuerungen liebte « , so bestanden diese nur in dem eifrigsten Verlangen , den Einfluß der fremden Cabinette zu beseitigen ... Seitdem hatte freilich der Staatskanzler auch ihm von dem » Salz « gesprochen , das auf das dem Erdboden gleichzumachende Mailand gesäet werden müßte ... Doch ging alles so keck , so sicher , so maßgebend her ! ... Diese elende Verwaltung ! ... Die Zölle befanden sich in den Händen von Pächtern , die so rücksichtslos verfuhren , daß Zahlungsunfähige wider Willen zu Flüchtlingen , Räubern und Mördern wurden ... Auf Anlaß des gestern von Hubertus niedergeschossenen Pasqualetto wußte Lucinde zwei Thatsachen . Einmal daß sämmtliche fremde Weine , die Ceccone trank und seinen Gästen vorsetzte , unversteuerte waren . Zweitens daß Graf Sarzana gesagt hatte : Diese Kugel hat den Pasqualetto für seinen letzten Räuberspaß zu früh gestraft ! Er wollte ja von