, dort blieben sie ungestörter mit ihren Puppen und Bildchen und Seidenflöckchen , mit ihren Geheimnissen und ihrem endlosen Gezwitscher und Gekicher . Das große alte Kaufmannshaus , welches Eugenies Eltern gehörte , barg eine Unmenge von Ecken und Winkeln , köstlich zum Spielen und um sich zu verstecken . Dunkle Korridore gab es da , in denen auch bei Tage einsame Gasflammen brannten und dünnbeinige Kommis eilig an den kleinen Mädchen vorüberstrichen — hinter vergitterten , staubigen Fenstern das Komptoir , und darin saß Herr Wutrow , ein verschrumpftes , taubes , grobes Männchen , auf einem hohen Drehstuhl — ein Hof mit ungeheuren leeren Kisten und graue , schmutzige Hintergebäude , angefüllt mit einer Schar Arbeiter und Arbeiterinnen , die in kahlen Räumen Cigarren drehten . Die Fabrik — das Komptoir — die Korridore — alles roch nach Tabak . Der süßlich-scharfe Geruch drang sogar bis in die großen Wohnzimmer des Vorderhaues . Hier ließ Frau Wutrow beständig das Parquett bohnen und die Spiegelscheiben der Fenster putzen , deshalb war es immer kalt und zugig . Aber der Tabaksgeruch blieb trotzdem haften . Auf Agathe übte das Haus , in dem alles ganz anders war als bei ihren Eltern , eine geheimnisvolle Anziehung aus . Sie fürchtete sich vor den Kommis und den Arbeiterinnen und noch mehr vor Herrn Wutrow selbst , sie hatte eine instinktive Abneigung gegen Frau Wutrow , und mit Eugenie zankte sie sich sehr oft , lief dann schluchzend nach Haus und haßte ihre Freundin . Aber Eugenie holte sie immer wieder , und alles blieb wie zuvor . Eugenie konnte niemals ordentlich spielen . Sie hatte ihre Puppen nicht wirklich lieb und glaubte nicht , daß es eine Puppensprache gäbe , in der Holdewina , die große mit dem Porzellankopf , und Käthchen , das Wickelkind , munter zu plaudern begannen , sobald ihre kleinen Mütter außer Hörweite waren . Agathe verdankte ihrer Freundin verschiedene Strafpredigten , weil Eugenie sie verführte , mit ihr in allerlei Nebengassen der Stadt herumzubummeln , an den Klingeln zu reißen und dann fortzulaufen , alten Damen , die an Parterrefenstern hinter Blumentöpfen saßen , die Zunge herauszustrecken und sich mit Schuljungen zu unterhalten . Am liebsten hielt Eugenie sich in der Fabrik auf . Sie schlich sich an die Männer heran und streichelte die schmutzigen Röcke der Arbeiterinnen und steckte ihnen Kuchen und Äpfel zu , die sie heimlich aus ihrer Mutter Speisekammer holte , damit die Mädchen ihr dafür Geschichten erzählten . Beständig mußten die Aufseher sie fortjagen — im Umsehen war sie wieder da . Ja — und Eugenie wußte auch , daß Walter eine Braut hätte , mit der er sich küßte , und wenn die Lehrer das hörten , käme er vor die Konferenz . Meta Hille aus der dritten Klasse wäre sein Schatz — na so eine ! — Ja — ja — ja — ganz gewiß , wahrhaftig ! ! Hatte Eugenie etwas Derartiges herausgespürt , so schüttelte sich ihr kleines , schlankes Körperchen vor Vergnügen , sie kniff ihre grauen Augen zusammen und blinzelte triumphierend über ihr hübsches Näschen hinweg . Hei — das war fein ! Eines Sonntags Nachmittags saßen die kleinen Freundinnen auf dem untersten Ast des niedrigen alten Taxusbaumes in Wutrows Garten . Sie hielten ihre Battiströckchen mit den Fingerspitzen und wehten damit hin und her , denn sie waren von einer bösen Fee in zwei Vögel verwandelt und schüttelten nun ihr weißes und rosenrotes Gefieder . Das Spiel hatte Agathe angegeben . Sie wollte immer so gerne fliegen lernen . Und dann wußten sie nicht mehr , was sie anfangen sollten , um den Sonntag Abend hinzubringen . Arm in Arm gingen sie an den Beeten mit blühenden Aurikeln oder Stiefmütterchen , an ihren steifen Buchsbaum-Einfassungen entlang . Zwischen den Mauern der Hinterhäuser , die den altmodischen , zierlich gepflegten Stadtgarten einschlossen , wurde es schon grau und dämmerig , während hoch über den Kindern eine rosa Wolke am grünlichen Aprilhimmel langsam verblaßte . “ Du , ” flüsterte Agathe ganz leise , “ es ist doch nicht wahr — das von den kleinen Kindern . . . . Meine Mama . . . . . ” “ Pfui — geklatscht ! Du Petzliese ! ” “ Nein — ich habe ja bloß gefragt ! ” “ Ach , Deine Mama . . Mütter lügen einem immer was vor ! ” “ Meine Mutter lügt nicht ! ” schrie Agathe gekränkt . Aus dem Streit entspann sich ein heimliches Tuscheln und Flüstern zwischen den kleinen Freundinnen . Agathe rief ein paarmal : “ Pfui , Eugenie — ach nein , das glaube ich nicht . . . ” Hilfeschreie , die aus dem Abendschatten unter dem alten Taxusbaum , wo die kleinen Mädchen zusammenkauerten , hervorklangen , wie eine geängstete Vogelstimme , wenn die Katze zum Nest schleicht . Und vor Aufregung und Scham und Neugier frierend und glühend , horchte und horchte sie doch und fragte leise , sich dicht an Eugenie pressend , und schließlich in ein maßloses Gekicher verfallend . Das war zu komisch — zu komisch . . . Aber Mama hatte doch gelogen , als sie ihr erzählte , ein Engel brächte die kleinen Babies ! Eugenie wußte alles viel besser . Wie sie beide erschraken und in die Höhe fuhren , als Frau Wutrows scharfe Stimme sie hineinrief . Agathe klopfte das Herz entsetzlich — es war beinahe nicht auszuhalten . Sie getraute sich nicht in das Zimmer mit der hellen Lampe , holte eilig ihren Hut vom Flur und lief davon , ohne Adieu zu sagen . Was Eugenie ihr sonst noch erzählt hatte — nein , das war ganz abscheulich . Pfui — pfui — ganz greulich . Nein , das konnte gar nicht wahr sein . Aber — wenn es doch wahr wäre ? Und ihre Mama und ihr Papa . . . Sie schämte sich tot . Als Mama kam , ihr einen Gutenachtkuß zu geben