nur ein einziger , schmaler Streifen sichtbar , der glatt gescheitelt über der Stirn lag ; das Uebrige verschwand gänzlich unter einer Haube , die wohl besser für die Jahre ihrer Mutter gepaßt hätte und einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem Gesichte der kaum zwanzigjährigen Frau bildete . Dieses blasse Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen war nicht geeignet , irgend ein Interesse zu erwecken ; es hatte gar keinen Ausdruck ; es lag etwas Starres , Leeres darin , etwas , das beinahe an Stumpfheit streifte , und in diesem Augenblicke , wo sie die Näherei sinken ließ und ihre Mutter anblickte , zeigte es eine so hülflose Aengstlichkeit und Rathlosigkeit , daß Almbach sich veranlaßt fand , seiner Tochter zu Hülfe zu kommen . „ Laß Ella in Ruhe ! “ sagte er mit jenem halb ärgerlichen , halb mitleidigen Tone , mit dem man die Einmischung eines Kindes zurückweist . „ Du weißt ja , daß mit ihr nichts anzufangen ist , und was sollte sie auch wohl hier ausrichten ! “ Er zuckte die Achseln und fuhr dann bitter fort : „ Das ist der Lohn für die Aufopferung , mit der ich mich der verwaisten Knaben meines Bruders angenommen habe ! Hugo schlägt aller Dankbarkeit , aller Vernunft und Erziehung in ’ s Gesicht und geht heimlich auf und davon , und Reinhold , der hier in meinem Hause unter meinen Augen aufgewachsen ist , macht mir die schwersten Sorgen mit seinem unseligen Hange zu allen möglichen Phantastereien . Aber bei ihm wenigstens habe ich den Zügel in Händen behalten und werde ihn jetzt so straff anziehen , daß ihm die Lust vergehen soll , sich noch ferner dagegen zu sträuben . “ „ Ja , Hugo ’ s Undankbarkeit war wirklich himmelschreiend , “ stimmte Frau Almbach ein . „ Bei Nacht und Nebel aus unserem Hause zu entfliehen , zur See zu gehen , um ‚ sein Glück allein in der Welt zu versuchen ‘ , wie es in dem kecken Abschiedsbriefe hieß , den er zurückließ ! Nun , er scheint es trotzalledem draußen gefunden zu haben . Schon vor zwei Jahren kam der erste Brief des ‚ Herrn Capitain ‘ an Reinhold an , und dieser deutete erst kürzlich ganz offen auf die bevorstehende Rückkehr hin . Ich fürchte , er weiß bereits ganz Bestimmtes darüber . “ „ Ueber meine Schwelle darf Hugo nicht kommen , “ erklärte der Kaufmann mit einer feierlichen Handbewegung . „ Ich weiß nichts von seinem Briefwechsel mit Reinhold , will nichts davon wissen . Mögen sie hinter meinem Rücken correspondiren ; aber wenn der Ungerathene die Frechheit haben sollte , mir vor Augen zu kommen , so wird er den Zorn eines beleidigten Oheims und Vormundes kennen lernen . “ Während die Eltern sich anschickten , dies augenscheinlich sehr oft behandelte Thema mit der gewohnten Ausführlichkeit und Empörung zu erörtern , hatte Ella unbemerkt das Zimmer verlassen und stieg jetzt die Treppe hinunter , die nach dem zu ebener Erde gelegenen Comptoir führte . Die junge Frau wußte , daß jetzt , zur Mittagszeit , das Personal abwesend war , und das gab ihr wohl den Muth , dort einzutreten . Es war ein großer düsterer Raum , dem die kahlen Wände und die vergitterten Fenster etwas Gefängnißartiges verliehen . Man hatte sich nicht die Mühe genommen , dem Geschäftszimmer irgend einen Comfort oder auch nur ein freundlicheres Ansehen zu geben . Wozu auch ! Was zur Arbeit gehörte , war vorhanden ; das Uebrige war Luxus , und einen Luxus pflegte sich das Haus Almbach und Compagnie trotz seines notorisch nicht unbedeutenden Vermögens nie zu gestatten . Es befand sich augenblicklich Niemand im Comptoir außer dem jungen Manne , der an einem der Pulte saß und das große Hauptbuch vor sich aufgeschlagen hatte . Er sah bleich und überwacht aus , und die Augen , die sich mit den Zahlen beschäftigen sollten , hafteten unverwandt auf dem schmalen Sonnenstreif , der schräg in das Zimmer fiel . Es lag in dem Blicke etwas von der Sehnsucht und Bitterkeit des Gefangenen , dem der Sonnenstrahl , der in seine Zelle dringt , Kunde giebt von dem Leben und der Freiheit draußen . Er wandte kaum den Kopf beim Oeffnen der Thür und fragte gleichgültig : „ Was giebt es ? Was willst Du , Ella ? “ Jede andere Frau wäre bei der nun folgenden Frage wohl zu ihrem Manne getreten und hätte den Arm um seine Schulter gelegt . Ella blieb dicht an der Schwelle stehen . Es klang doch gar zu eisig , dieses „ Was willst Du ? “ Sie kam ihm offenbar ungelegen . „ Ich wollte fragen , wie es mit Deinem Kopfschmerz steht , “ begann sie schüchtern . „ Mein Kopfschmerz ? “ Reinhold besann sich plötzlich . „ Ja so . Ich denke , er ist vorüber . “ Die junge Frau schloß die Thür und kam einige Schritte näher . „ Die Eltern sind wieder recht ungehalten , daß Du gestern nicht beim Feste warst und statt dessen die ganze Nacht hindurch gespielt hast , “ berichtete sie zögernd . Reinhold runzelte die Stirn . „ Wer hat ihnen denn das wieder einmal gesagt ? Du vielleicht ? “ „ Ich ? “ Es klang wie ein halber Vorwurf in der Stimme . „ Der Buchhalter hat heute Morgen bei der Rückkehr das Gartenhaus noch erleuchtet gesehen und Dein Spiel gehört . “ Ein Ausdruck verächtlichen Spottes zuckte um die Lippen des jungen Mannes . „ Ach so ; daran hatte ich allerdings nicht gedacht . Ich glaubte nicht , daß die Herren nach ihrem Jubiläum noch Zeit und Lust zu Beobachtungen übrig hätten . Freilich , zum Spioniren sind sie immer nüchtern genug . “ „ Der Vater meint – “ begann Ella wieder . „ Was meint er ? “ fuhr Reinhold gereizt auf . „ Ist es ihm vielleicht noch nicht genug , daß