der ihn schon bei der ersten Begegnung umsponnen hatte . Er unterlag ihm immer wieder von Neuem . [ 160 ] „ Ich bitte noch einmal , Excellenz : nehmen Sie diese harten Maßregeln zurück ! Sie können unmöglich die ganze Stadt für die Ausschreitungen Einzelner verantwortlich machen . “ „ Auch ich bin der Meinung , daß man nicht mit solcher Schärfe vorzugehen braucht . Es wird nicht schwer sein , die Schuldigen herauszufinden und sich ihrer zu versichern . “ „ Sie sollten der Sache nicht solche Wichtigkeit beilegen Excellenz . Sie verdient es in der That nicht . “ Der Gouverneur von Raven , an den all diese Mahnungen und Vorstellungen gerichtet waren , schien sehr wenig davon berührt zu werden , denn er erwiderte mit kalter Höflichkeit : „ Ich bedauere aufrichtig , meine Herren , mich in so vollständigem Widerspruch mit Ihren Ansichten zu befinden , aber ich habe den Entschluß nach reiflicher Ueberlegung gefaßt , und überdies wissen Sie , daß ich niemals eine bereits angeordnete Maßregel zurücknehme . Es bleibt dabei . “ Die Herren , welche sich im Regierungsgebäude von R. in dem Empfangszimmer des Gouverneurs befanden , schienen eine längere und lebhafte Conferenz gehabt zu haben ; sie waren sämmtlich etwas erregt , bis auf den Freiherrn selbst , der mit unerschütterlicher Ruhe in seinem Sessel lehnte . „ Ich sollte meinen , “ sagte Derjenige , welcher zuerst gesprochen , „ daß meine Stimme als die des Vertreters der Stadt doch von einigem Gewicht wäre . Um so mehr , als diesmal auch der Polizeidirector auf meiner Seite steht . “ „ Allerdings , “ bestätigte der Genannte mit vorsichtiger Zurückhaltung . „ Indeß bin ich erst zu kurze Zeit in meinem Amte , um die hiesigen Verhältnisse schon eingehend zu kennen . Excellenz werden das jedenfalls besser beurtheilen . “ „ Ich fürchte nur , “ wandte sich der Dritte der Herren , der die Uniform eines Obersten trug , an den Gouverneur , „ ich fürchte , man wird Ihre Strenge mißdeuten und sie als persönliche Besorgniß auffassen . “ Um die Lippen des Freiherrn spielte ein verächtliches Lächeln . „ Seien Sie unbesorgt ! “ entgegnete er . „ Man kennt mich in R. zu gut , um mir Furcht zuzutrauen . Der Vorwurf bleibt mir unter allen Umständen erspart . “ Er erhob sich und gab damit das Zeichen zur Beendigung der Conferenz . Freiherr Arno von Raven stand im vollsten , reifsten Mannesalter und war trotz seiner sechs- oder siebenundvierzig Jahre noch eine imponirende Erscheinung . Die hohe , mächtige Gestalt hatte schon in ihrem bloßen Auftreten etwas Gebietendes . Die stolzen energischen Züge waren nicht schön und konnten es auch wohl nie gewesen sein , aber sie waren bedeutend und charakteristisch in jeder Linie . In das volle dunkle Haupthaar mischte sich noch kein Grau , nur an den Schläfen verrieth ein leichter Silberglanz , daß die Mitte des Lebens bereits überschritten war . Dagegen sprach aus den dunklen blitzenden Augen noch die ganze Vollkraft dieses Lebens , aber der Blick hatte etwas Strenges , Finsteres und gewann , sobald er sich fest auf einen Gegenstand richtete , eine durchbohrende Schärfe . Die Haltung war ein Gemisch von ruhiger Vornehmheit und unnahbarem Stolze . Auch nicht der leiseste Zug verrieth den Emporkömmling . Der Mann sah aus , als habe er von jeher nichts Anderes gekonnt , als befehlen und herrschen . „ Es handelt sich hier nicht um mich , “ fuhr er fort . „ So lange die Schmähungen und Drohbriefe mir anonym zugingen , habe ich sie dem Papierkorb überantwortet , ohne weiteres Gewicht darauf zu legen . Wenn dergleichen sich aber offen und aller Welt sichtbar an den Mauern des Regierungsgebäudes findet , wenn man Miene macht , mich bei meinen Ausfahrten zu insultiren , und die Herren von der Bürgerschaft sich demonstrativ jedes Einschreitens enthalten , so ist es meine Pflicht , ernstlich vorzugehen . Ich bin die oberste Behörde der Provinz ; dulde ich den Unfug , der sich gegen meine Person richtet , so gefährde ich damit die Autorität der Regierung , die zu vertreten ich berufen bin und die ich unter allen Umständen aufrecht erhalten muß . Ich wiederhole Ihnen , Herr Bürgermeister , daß ich es bedaure , Polizeimaßregeln verhängen zu müssen , die vielleicht schwer empfunden werden , aber die Stadt hat sich das selbst zuzuschreiben . “ „ Wir sind es gewohnt , daß Excellenz sich in solchen Fällen nie von Rücksichten bestimmen lassen , “ sagte der Bürgermeister mit Schärfe . „ Es bleibt mir also nur übrig , Ihnen , die volle Verantwortlichkeit zu lassen – und damit wäre unser Gespräch ja wohl zu Ende . “ Der Freiherr verneigte sich kühl . „ Ich wüßte nicht , daß ich mich jemals der Verantwortung für meine Maßnahmen entzogen hätte ; es wird auch diesmal nicht geschehen . Leben Sie wohl , meine Herren ! “ Der Bürgermeister und der Polizeidirector verließen das Gemach und schritten durch die weiten Gänge des Regierungsgebäudes dem Ausgange zu . Auf dem Wege konnte der Erstere , ein etwas cholerischer alter Herr mit grauen Haaren , nicht umhin , seinem lang zurückgehaltenen Aerger Luft zu machen . „ Also haben wir mit all unsern Bitten , Mahnungen und Vorstellungen wieder einmal nichts erreicht , als ein souveränes : ‚ Es bleibt dabei ! ‘ “ sagte er zu seinem Begleiter . „ Auch Sie scheinen sich diesem berühmten Lieblingswort Seiner Excellenz zu beugen . Ihre Opposition verstummte davor sofort . “ Der Polizeidirector , ein noch jüngerer Mann mit scharfen klugen Zügen und sehr höflichen Manieren , zuckte die Achseln . „ Der Freiherr ist oberster Chef der Verwaltung , und da er erklärt hat , mich auf alle Fälle mit seiner Verantwortlichkeit zu decken , so – “ „ Fügen Sie sich seinem Willen , “ ergänzte der Andere . „ Im Grunde ist das