es wohl sonst seine Art war , stehen , um ihre Rückkehr zu erwarten . Lucie hatte inzwischen die Schlucht erreicht und blickte neugierig hinein ; es war ein reizendes Stück Waldeinsamkeit , das sich hier vor ihren Blicken aufthat . Rauschend und silberhell kam der Bach von der Höhe herab und stürzte , über glatte Kiesel und moosige Steine , an dunklen Felswänden vorüber , in den Wald hinein . Darüber wölbten sich hohe Buchen und dazwischen grünte weiches Moos und rankte sich blühendes Gesträuch – es war ein Ort , so recht zum Träumen und Sinnen geschaffen , aber gerade dies lag der jungen Dame himmelweit entfernt . Ihr erster Blick galt dem Orte selbst , ihr zweiter einem Himbeerstrauch , der , in der Felswand wurzelnd , mit einer Fülle dunkelrother Beeren über den Bach hinaushing . Das sehen und einen unbezwinglichen Appetit danach verspüren , war für Lucie Eins ; vergessen war das Versprechen , sogleich zurückzukommen , vergessen das drohende Stirnrunzeln des Bruders . Ohne sich einen Augenblick zu besinnen , trat sie sofort den Weg nach der Felswand an ; daß er mitten durch den Bach ging , kümmerte sie durchaus nicht . Ihr Kleid zusammennehmend , sprang sie leicht wie eine Elfe von Stein zu Stein . Das Wasser rieselte unter ihren Füßen und durchnäßte völlig die beiden Residenzstiefelchen , die für Spaziergänge im Gießbach wohl nicht berechnet waren , aber das erhöhte nur ihr Vergnügen ; sie lachte laut auf , wenn die hellen Wassertropfen emporspritzten oder das niederhängende Gezweige ihre Stirn streifte . Der kleine Strohhut hatte sich schon beim ersten Schritt als zu lästig erwiesen , er hing am Arme und mußte einstweilen die duftende Fülle der im Walde gepflückten Blumen bergen ; die Locken , von keinem Bande mehr gehalten , wehten lose um Hals und Schultern ; dabei ging es vorwärts , über Felsgeröll , Baumwurzeln und Wassersturz , immer aufwärts , den Bach hinauf . Je schwieriger der Weg , desto größer wurde der Eifer , das junge Mädchen war nur eine Jugendlust , ein jubelnder Uebermuth , und jetzt endlich stand sie oben , hell beschienen von dem Sonnenstrahl , der durch das Laubdach drang und gerade auf das rosige Kinderantlitz fiel , mit flatternden Locken , mit glühenden Wangen und strahlenden Augen , und streckte die Hand nach dem ersehnten Gesträuche aus . Aber plötzlich ließ sie dieselbe wieder sinken und stieß einen leisen Ausruf des Schreckens aus . Drüben vom Rande der Felswand blickten ein Paar große unheimlich tiefe und dunkle Augen starr zu ihr herüber , und als sie erschreckt noch weiter zurückwich , tauchte eine Gestalt in langem schwarzem Gewande aus dem Gebüsch hervor , und stand hochaufgerichtet ihr gegenüber . Die erste Regung Luciens war , trotz der so nachdrücklich betonten sechszehn Jahre , eine ganz gründliche Gespensterfurcht , und ihre erste Bewegung ein Versuch davon zu laufen , aber schon im nächsten Augenblick siegte die Vernunft . Gespenster am hellen Mittage ! Während die Sonne so goldig durch die Buchenzweige schien und der Bach zu ihren Füßen so lustig plätscherte , als wolle er sie auslachen über ihre kindische Angst – sie nahm allen Muth zusammen und wagte einen zweiten Blick hinüber . [ 22 ] Da sah sie nun allerdings , daß es ein Mensch war , der dort drüben stand , ein Mann in langem geistlichem Talar , der bisher im Moose gelegen und von dort aus vermuthlich den ganzen Spaziergang durch den Gießbach mit angesehen hatte . Das Buch , in dem er gelesen , lag noch am Boden , er selbst aber stand mit verschränkten Armen und blickte düster und unverwandt auf sie hin . Also ein Geistlicher , der wahrscheinlich seine Predigt einstudirte , und der hatte sie so erschreckt ! Luciens ganzer Uebermuth kam zurück ; ohne sich weiter um den fremden Zuschauer zu kümmern , der ihr jetzt ganz und gar kein Interesse mehr einflößte , begann sie eine gründliche Plünderung des Himbeergesträuches und schickte sich dann an , den Weg , den sie gekommen war , wieder hinabzusteigen . Jetzt aber mußte sie bei dem Fremden vorüber , er stand noch immer wie angewachsen , ohne sich zu regen , und dabei stand er gerade auf einem der großen Steine , die den Pfad durch den Bach bildeten . Der unhöfliche Mann dachte nicht daran , auch nur einen Schritt zur Seite zu treten , trotzdem er doch sah , daß sie hinab wollte . Lucie begann sich über diese Rücksichtslosigkeit zu ärgern , sie setzte nachdrücklich ihr Füßchen in ’ s Wasser , daß es hoch aufspritzte , um ihm begreiflich zu machen , wie sehr störend ihr sein Standpunkt sei , und warf ihm einen ihrer allerungnädigsten Blicke zu . Dabei begegnete sie aber zum zweiten Male seinen Augen , die noch immer unbeweglich auf ihrem Antlitz ruhten , gerade so starr und düster wie vorhin . Es mußte doch etwas Gespensterhaftes in dem Manne sein , denn dem jungen Mädchen ward auf einmal glühend heiß unter diesem seltsamen Blick , die ganze vorige Angst kam verdoppelt zurück , sie wünschte sich weit weg in die schützende Nähe des Bruders und doch stand sie wie gefesselt von einer fremden Macht und wagte keinen Schritt vor- oder rückwärts zu thun . So vergingen in paar beängstigende Secunden , da endlich wich der unheimliche Fremde langsam zur Seite , er gab den Weg frei und wie ein gescheuchtes Reh flog Lucie an ihm vorüber , den Bach hinab , und in den Wald hinein . Hier kam ihr Bernhard , durch ihr langes Außenbleiben beunruhigt , bereits entgegen . „ Sind das etwa die gewünschten zwei Minuten ? Du scheinst wirklich – aber was hast Du denn , Kind , Du siehst ja ganz verstört aus ! “ Lucie hing sich fest an seinen Arm , jetzt , wo sie sich geschützt wußte , brach der alte Uebermuth schon wieder durch ,