den Deich durchbrochen und hier sich eingewühlt . Aber der Deich , wie er gegenwärtig lag , war vor dem Rand der Wehle zurückgetreten ; das Wasser spritzte auf den Weg , als das Mädchen daran vorübereilte ; zwei graue Tauchenten , die inmitten der schwarzen Tiefe sich auf den Wellen schaukeln ließen , verschwanden lautlos unter der Oberfläche . Hinter der Wehle machte der Deich gegen Westen einen Bogen , und bald führte von hier aus ein schmaler grasbewachsener Weg zwischen Gräben in den Koog hinein . Als das Mädchen das Ende desselben erreicht hatte , von wo aus es nur noch von Heck zu Heck über die Fennen zur Stadt hinaufging , gewahrte sie unten am Ausgang des Deiches die Gestalt eines Mannes ; fern , fast nur wie einen Schatten . Wie von einem jähen Schreck fuhr sie zusammen ; ihr Fuß , der schon den Brettersteg am Heck betreten hatte , zuckte zurück , während ihre Arme wie zum Halt sich um den Heckpfahl schlangen . Gleich einem vom Sturm geworfenen Vogel hing sie an dem morschen Holze ; ihre Lippen waren regungslos geöffnet , nur ihre dunklen Augen waren lebendig , sie folgten wie gebannt dem fernen Schatten , wie er mehr und mehr auf dem Hintergrunde der Stadt verschwand . Einen Laut , so leise wie das Springen einer Knospe , verwehte der Wind von den jungen Lippen in die leere Luft ; dann schwang sie sich über den Steg und ging wie träumend weiter . Mitunter kamen die Rinder erhobenen Schweifes auf sie zugerannt ; aber sie sah es nicht , und die Tiere standen und glotzten sie mit ihren dummen Augen an , bis sie vorüber war . – Drüben auf dem Deiche stand , unbeachtet von den jungen Augen , noch eine andere Gestalt und hob sich wie eine riesige Silhouette von dem hellen Mittagshimmel ab ; es war eine weibliche , die nach oben zu in einem ungeheuren Hute abschloß , wie ihn die Damenwelt vor etwa dreißig Jahren trug . Dieser Hut stand so lange am Himmel , bis drunten aus dem Kooge das weiße Kleid verschwunden war . Es war inzwischen Winter geworden . – Der erste Streifen des Dezember-Morgenrotes stand am Himmel und warf seinen Schein in die Dämmerung einer Künstlerwerkstatt . Abgüsse antiker Bilderwerke und einzelne Modelle von des Künstlers eigener Hand standen überall umher ; an der einen Wand hingen Reliefstücke eines Bacchuszuges , an der anderen von den inneren Friesen des Parthenon ; aber alles warf noch tiefe Schatten , nur einem Flöte spielenden Faun waren von dem jungen Licht des Morgens die Wangen rosig angehaucht . In der Ecke rechts vom Eingange ragte , aus dunklem Ton geformt , die übermenschliche Gestalt einer nordischen Walküre aus der dort noch herrschenden Dämmerung hervor ; aber nur der obere Teil mit dem einen Arm , den sie dräuend in die Luft erhob , war vollendet ; nach unten zu war noch die ungestalte Masse des Tons , als wäre die Gestalt aus rauhem Fels emporgewachsen . Es mochte die furchtbare Brunhilde selber sein , die hier finsteren Auges auf die heiteren Griechenbilder herabsah . – – Von draußen drehte sich ein Schlüssel in der Eingangstür . Der Künstler selbst war es , der jetzt in seine Werkstatt trat , ein schlanker , jugendlicher Mann mit grauen , hell blickenden Augen und dunklem Lockenkopf . Doch weder fremde , noch eigene Gebilde schienen heute seinen Blick zu reizen ; achtlos ging er an ihnen vorüber und griff wie mit sehnsüchtiger Hast nach einem offenen Briefe , der auf der Scheibe eines Modellierblockes lag ; dann warf er sich in einen danebenstehenden Sessel und begann zu lesen . Aber nur an einer bestimmten Stelle des Briefes , die er gestern schon mehr als einmal gelesen hatte , hafteten seine Augen . » Du traust es mir wohl zu , Franz « – so las er heute wieder – , » daß ich unseren beschworenen Vertrag gehalten habe . Weder einem profanen , noch einem heiligen Ohre habe ich Deine Tat verraten ; gewissenhaft habe ich jede Begierde zur Nachforschung über Person und Namen Deiner Geretteten in mir ertötet ; ja selbst , als eines Tages das Geheimnis mir so nahe schien , daß ich nur einen Gartenzaun auseinander zu biegen brauchte , bin ich , wenn auch zögernd , mit katonischer Strenge vorübergegangen . – Auch auf der andern Seite ist alles stumm geblieben , und selbst unserer alten Badehexe muß durch irgendwelche Zauberkraft der Mund wie mit sieben Siegeln verschlossen sein . – Und dennoch , ohne mein Zutun beginnt der Schleier sich vor mir zu heben . Es gibt eine sehr junge Dame in unserer Stadt , kühn wie ein Knabe und zart wie ein Schmetterling . Obgleich sie erst mit den letzten Veilchen aus der Schulstube ans Tageslicht gekommen ist , so mag doch schon so mancher junge Gesell in schwüler Sommernacht davon geträumt haben , sie winters im geschlossenen Ballsaal an den Flügeln zu haschen ; und ich will ehrlich sein – und zürne mir nicht – , zu diesen kühnen Träumern habe auch ich gehört . Die alte Bürgermeisterin – mir ist das zufällig zu Ohren gekommen – , die eine Art von Götzendienst mit diesem Kinde treibt , hatte mit vorausberechnender Kunst eine weiße Kamelie für sie gezogen , und das Glück war diesmal günstig gewesen , eben am Tage vor dem Balle war sie aufgeblüht . – Aber weder die Kamelie , noch das blonde Götterkind selbst erschienen bei dem Feste ; keine silbernen Füßchen berührten den Boden , nur die Alltagsmenschenkinder mit erhitzten Gesichtern flogen , keines Künstlerauges würdig , durcheinander . Und so ist es fortgegangen . Auch auf dem gestrigen Balle blieb alles dunkel ; nichts als der gewöhnliche Erdenstaub . – Nur in den vertrautesten Kreisen , zu denen ich leider nicht gehöre , soll sie zu erblicken sein ; ja schon seit dem Nachsommer soll