» Ich will dein Lieblingskraut hineinlegen « , sagte sie und gab ihm das Buch in seine Hände . – – Endlich kam der letzte Tag der Ferienzeit und der Morgen der Abreise . Auf ihre Bitte erhielt Elisabeth von der Mutter die Erlaubnis , ihren Freund an den Postwagen zu begleiten , der einige Straßen von ihrer Wohnung seine Station hatte . Als sie vor die Haustür traten , gab Reinhard ihr den Arm ; so ging er schweigend neben dem schlanken Mädchen her . Je näher sie ihrem Ziele kamen , desto mehr war es ihm , er habe ihr , ehe er auf so lange Abschied nehme , etwas Notwendiges mitzuteilen – etwas , wovon aller Wert und alle Lieblichkeit seines künftigen Lebens abhänge , und doch konnte er sich des erlösenden Wortes nicht bewußt werden . Das ängstigte ihn ; er ging immer langsamer . » Du kommst zu spät « , sagte sie , » es hat schon zehn geschlagen auf St. Marien . « Er ging aber darum nicht schneller . Endlich sagte er stammelnd : » Elisabeth , du wirst mich nun in zwei Jahren gar nicht sehen – – wirst du mich wohl noch ebenso liebhaben wie jetzt , wenn ich wieder da bin ? « Sie nickte und sah ihm freundlich ins Gesicht . – » Ich habe dich auch verteidigt « , sagte sie nach einer Pause . » Mich ? Gegen wen hattest du das nötig ? « » Gegen meine Mutter . Wir sprachen gestern abend , als du weggegangen warst , noch lange über dich . Sie meinte , du seist nicht mehr so gut , wie du gewesen . « Reinhard schwieg einen Augenblick ; dann aber nahm er ihre Hand in die seine , und indem er ihr ernst in ihre Kinderaugen blickte , sagte er : » Ich bin noch ebenso gut , wie ich gewesen bin ; glaube du das nur fest ! Glaubst du es , Elisabeth ? « » Ja « , sagte sie . Er ließ ihre Hand los und ging rasch mit ihr durch die letzte Straße . Je näher ihm der Abschied kam , desto freudiger ward sein Gesicht ; er ging ihr fast zu schnell . » Was hast du , Reinhard ? « fragte sie . » Ich habe ein Geheimnis , ein schönes ! « sagte er und sah sie mit leuchtenden Augen an . » Wenn ich nach zwei Jahren wieder da bin , dann sollst du es erfahren . « Mittlerweile hatten sie den Postwagen erreicht ; es war noch eben Zeit genug . Noch einmal nahm Reinhard ihre Hand . » Leb wohl ! « sagte er , » leb wohl , Elisabeth . Vergiß es nicht . « Sie schüttelte mit dem Kopf . » Leb wohl ! « sagte sie . Reinhard stieg hinein , und die Pferde zogen an . Als der Wagen um die Straßenecke rollte , sah er noch einmal ihre liebe Gestalt , wie sie langsam den Weg zurückging . Ein Brief Ein Brief Fast zwei Jahre nachher saß Reinhard vor seiner Lampe zwischen Büchern und Papieren in Erwartung eines Freundes , mit welchem er gemeinschaftliche Studien übte . Man kam die Treppe herauf . » Herein ! « – Es war die Wirtin . » Ein Brief für Sie , Herr Werner ! « Dann entfernte sie sich wieder . Reinhard hatte seit seinem Besuch in der Heimat nicht an Elisabeth geschrieben und von ihr keinen Brief mehr erhalten . Auch dieser war nicht von ihr ; es war die Hand seiner Mutter . Reinhard brach und las , und bald las er folgendes : » In Deinem Alter , mein liebes Kind , hat noch fast jedes Jahr sein eigenes Gesicht ; denn die Jugend läßt sich nicht ärmer machen . Hier ist auch manches anders geworden , was Dir wohl erstan weh tun wird , wenn ich Dich sonst recht verstanden habe . Erich hat sich gestern endlich das Jawort von Elisabeth geholt , nachdem er in dem letzten Vierteljahr zweimal vergebens angefragt hatte . Sie hat sich immer nicht dazu entschließen können ; nun hat sie es endlich doch getan ; sie ist auch noch gar so jung . Die Hochzeit soll bald sein , und die Mutter wird dann mit ihnen fortgehen . « Immensee Immensee Wiederum waren Jahre vorüber . – Auf einem abwärts führenden schattigen Waldwege wanderte an einem warmen Frühlingsnachmittage ein junger Mann mit kräftigem , gebräuntem Antlitz . Mit seinen ernsten grauen Augen sah er gespannt in die Ferne , als erwarte er endlich eine Veränderung des einförmigen Weges , die jedoch immer nicht eintreten wollte . Endlich kam ein Karrenfuhrwerk langsam von unten herauf . » Holla ! guter Freund « , rief der Wanderer dem nebengehenden Bauer zu , » geht ' s hier recht nach Immensee ? « » Immer gradaus « , antwortete der Mann und rückte an seinem Rundhute . » Hat ' s denn noch weit bis dahin ? « » Der Herr ist dicht davor . Keine halbe Pfeif Tobak , so haben S ' den See ; das Herrenhaus liegt hart daran . « Der Bauer fuhr vorüber ; der andere ging eiliger unter den Bäumen entlang . Nach einer Viertelstunde hörte ihm zur Linken plötzlich der Schatten auf ; der Weg führte an einem Abhang , aus dem die Gipfel hundertjähriger Eichen nur kaum hervorragten . Über sie hinweg öffnete sich eine weite , sonnige Landschaft . Tief unten lag der See , ruhig , dunkelblau , fast ringsum von grünen , sonnbeschienenen Wäldern um geben ; nur an einer Stelle traten sie auseinander und gewährten eine tiefe Fernsicht , bis auch diese durch blaue Berge geschlossen wurde . Quer gegenüber , mitten in dem grünen Laub der Wälder , lag es wie Schnee darüber her ; das waren blühende Obstbäume , und daraus hervor auf dem hohen