Herzens hörte . Das Angesicht des Knaben war grade vor dem meinen ; aber die Augen lagen schon wieder im Schatten , nur die roten , fest geschlossenen Lippen waren noch von der Sonne beleuchtet . Ich zögerte einen Augenblick , ich fühlte , wie mir der Atem schwer wurde , wie mir das Blut mit Heftigkeit ins Gesicht schoß ; aber ich wagte es und drückte leise meinen Mund darauf . – Zitternd , als hätte ich einen Raub begangen , kletterte ich wieder hinab und brachte die Tische an ihre Stelle . Dies alles hatte ein plötzliches Ende . An meinem vierzehnten Geburtstag kündigte mein Vater mir an , daß ich die nächsten drei Jahre bis nach meiner Einsegnung , die dort erfolgen solle , bei der Tante in einer großen Stadt sein würde . – Und so geschah es . Ich war wieder , wie in den ersten Jahren meiner Kindheit , auf den Raum einiger Zimmer beschränkt , ohne Wald , ohne Garten , ohne ein Plätzchen , wo ich meine Träume spinnen konnte . Ich sollte alles lernen , was ich bisher nicht gelernt hatte , ich wurde dressiert von innen und außen , und die Tante , unter deren Augen ich jetzt mein ganzes Leben führte , war eine strenge Frau , die von den hergebrachten Formen kein Tüttelchen herunterließ . Der einzige , der etwas über sie vermochte , war vielleicht der kleine Rudolf , dessen allzu leidenschaftliche Anhänglichkeit mich gegenwärtig zu beunruhigen beginnt . Mit ihm vereint gelang es mitunter , uns zu einer gemeinschaftlichen Wanderung in die Anlagen vor der Stadt loszubitten . – Der Aufenthalt wurde erst erträglich , als der Musikunterricht mir größere Teilnahme abgewann und als ich durch Vermittlung meines Lehrers die Erlaubnis erhielt , einem Gesangvereine beizutreten . Freilich wurde sie nur widerwillig gegeben ; denn die Gesellschaft war eine aus allen Ständen gemischte – mauvais genre , wie die Tante mit einer ablehnenden Handbewegung zu sagen pflegte . Mich kümmerte das nicht . In den Pausen hielt ich mich zu der Schwester einer Hofdame und einer schon ältlichen Baronesse , die beide leidenschaftliche Sängerinnen waren ; ein paar Leutnants von der Linie traten zu uns , und wir plauderten , bis der Taktstock wieder das Zeichen gab . Ich hätte von den übrigen kaum einen Namen anzugeben vermocht . Später waren dann die Bedienten zeitig da , um uns nach Hause zu geleiten . Dann und wann kam ein kurzer förmlicher Brief meines Vaters , der mich ermahnte , in allem der Tante Folge zu leisten , oder ein längerer des Oheims , der kaum etwas anderes enthielt als das Gegenteil davon , bisweilen freilich auch einen Bericht über Schloß und Garten , der mich mit Heimweh nach diesen einsamen Orten erfüllte . Endlich war der dreijährige Zeitraum verflossen ; Tante Ursula und mein Vater kamen , um mich nach Hause zu holen und Rudolfs Mutter übergab mich ihnen als ein nicht ganz mißlungenes Werk ihrer Erziehung . Auch mein Bruder Kuno hatte die Reise mitgemacht ; er war gewachsen , aber er sah blaß und leidend aus , und es schnitt mir ins Herz , als bei der Ankunft eine kleine Krücke mit ihm vom Wagen gehoben wurde . Wir waren bald vertraute Freunde ; auf dem Heimwege saß er zwischen mir und der Tante und ließ meine Hand nicht aus der seinen . An einem klaren Aprilnachmittage langten wir zu Hause an . Schon als wir über die Brücke in den Hof einfuhren , sah ich den Oheim neben dem Turme in der Tür stehen . Er war barhäuptig wie gewöhnlich ; sein volles graues Haar schien in der Zwischenzeit nicht bleicher geworden . » Nun , da bist du ja ! « sagte er trocken und reichte mir die Hand . Als wir im Wohnzimmer waren und ich mich aus meinen Umhüllungen herausgeschält hatte , ließ er einen mißtrauischen Blick über meine modische Kleidung gleiten . » Wie willst du denn mit den Fahnen in die Beletage deines Gartenschlosses hinaufkommen ? « sagte er , indem er den Saum meiner weiten Ärmel mit den Fingerspitzen faßte . » Und ich hab es eben expreß für dich putzen lassen . « Aber seine Besorgnis war überflüssig ; das Wesen , das in den Kleidern mit Volants und Spitzen steckte , war dem Kerne nach kein anderes als das in den knappen Kinderkleidern . Es ließ mir keine Ruhe ; mit Entzücken lief ich in den Garten , wo eben das junge Grün an den Buchenhecken hervorsprang , durch das Hinterpförtchen in den Tannenwald und von dort wie der zurück ins Haus . Ich flog die breite Treppe hinauf ; es kam mir alles so groß und luftig vor . Dann begrüßte ich die altfränkischen Herren und Damen im Rittersaal ; aber ich trat unwillkürlich leiser auf , es war mir doch fast unheimlich , daß sie nach so langer Zeit noch ebenso wie sonst mit ihren grellen Augen in den Saal hineinschauten . Droben über der Tür neben den kleinen Grafenkindern stand noch immer der Knabe mit dem Sperling ; aber mein Herz blieb ruhig . Ich ging achtlos , und ohne seinen trotzigen Blick zu erwidern , unter dem Bilde weg in das Zimmer des Oheims . Da saß er schon wieder wie sonst in seinem alten Lehnstuhl , unter seinen Büchern und seinem lebenden und toten Getier ; Don Pedro , der lahme Starmatz , krächzte noch ganz in alter Weise , als ich den Finger durch die Stangen seines Käfigs steckte ; und auch draußen vor dem Fenster saß wieder ein Käuzchen in einem großen hölzernen Bauer und schaute träumend in den Tag . Der Oheim hatte seine Bücher fortgelegt ; und während ich die bekannten Dinge eines nach dem andern wieder begrüßte , fühlte ich bald , wie seine grauen Augen mit der alten Innigkeit auf mich gerichtet waren . Als ich nach einer Weile in die Wohnstube hinabkam ,