Wer zu der Seejungfer wollte , der mußte durch den düstern , von alten verfallenen Gebäuden eingeschlossenen Klosterhof . Im Flügel rechts befand sich eine Thür , deren hoher , gewölbter Bogen noch sehr schöne Spuren eines kunstreichen Meißels trug ; an der Thür selbst aber waren einzelne Breter aus dem Gefüge gewichen , was seltsam contrastirte mit dem ungeheuren Schloß und den massiven , eisernen Beschlägen , die für alle Zeiten gemacht zu sein schienen . Dieser Eingang führte in ein kellerartiges Gewölbe ; am Ende dieses liefen Ganges lief eine schiefe , halsbrechende Treppe in das obere Stockwerk . Hier wohnte die Seejungfer und da war es licht und sonnenhell , wenn auch klein und eng – man vergaß in dem sauberen Wohnstübchen mit dem ungeheuren Kachelofen und den weißgescheuerten tannenen Möbeln sofort den unheimlichen Eingang . An dem offenen Fenster , das hinaus auf die Mauer führte , saß Magdalene . Zu ihren Füßen stand ein Korb mit frisch gebügelter Wäsche , und der Fingerhut an der Hand und ein Stück Leinenzeug auf ihrem Schooße zeigten , daß sie beschäftigt war , die Wäsche auszubessern . Aber die Nadel ruhte . Betrachtete man diese hohe Mädchengestalt , so mußte sich unwillkürlich der Blick des Beschauers fragend nach der Zimmerdecke richten , ob sie wirklich beabsichtige , so niedrig , schief und angeräuchert hängen zu bleiben über diesem schönen Haupte , das so stolz auf dem Nacken saß , über dieser ausdrucksvollen Stirn und den wunderbaren Augen darunter . … Das altmodische Schränkchen mit den Glasthüren und den grünen Wollvorhängen stand offen . Die Bücherreihen darin sahen nicht mehr neu aus , einige davon erschienen sogar recht abgegriffen , auch standen sie durchaus nicht so schön steif da , wie die wohlgeordneten Truppen vornehmer Bibliotheken , die zwar ausgezeichnet equipirt werden , sehr selten aber in ’ s Treffen kommen – man sah vielmehr einzelne , die flüchtig und halb hineingesteckt waren , [ 578 ] um vielleicht in Folge eines raschen Gedankens gleich wieder bei der Hand zu sein . Es standen ehrenwerthe Namen auf den kleinen , rothen Vignetten , Namen , vor denen die ganze Welt sich beugt und die hier in einem ärmlichen Erdenwinkel den ganzen Segen ihres Wirkens in ein von der sogenannten Welt völlig ausgeschlossenes Gemüth streuten . Der alte Maler , der Magdalene im Zeichnen unterrichtet hatte , war ein vielseitig gebildeter Mann gewesen . Er hatte das junge Mädchen zuerst auf den kostbaren Schatz im Glasschranke aufmerksam gemacht und ihr nach und nach selbst die Bücher in die Hand gegeben , wie sie in strenger Reihenfolge ihrem sich ungemein rasch entwickelnden , feurigen Geist nützen mußten . Nach stillschweigender Uebereinkunft zwischen ihm und der Seejungfer brachte er stets die langen Winterabende im warmen , gemüthlichen Stübchen derselben zu und las , von Suschens unermüdlich schnurrendem Spinnrad traulich accompagnirt , Magdalenen vor , oder erklärte ihr die Stellen , die ihr dunkel geblieben waren . Als ein von der undankbaren Welt vergessener Mann war er jedoch nicht ohne Bitterkeit . Ein entschiedener Feind der meisten socialen Einrichtungen , zog er oft mit schneidender Ironie gegen dieselben zu Felde und beleuchtete grell ihre Lächerlichkeiten und Widersprüche . Daß diese Saat üppig ausschoß in einem jungen Herzen , dessen heißes Empfinden überall an die zurückweisenden Schranken der Welt stieß und so in sich verglühen mußte , konnte wohl nicht anders sein . Auf diese Weise kam es , daß , während der Geist des jungen Mädchens jubelnd das Reich der ideale betrat , welches ihr alter Freund in den Werken großer Meister vor ihr aufschloß , ihr Gemüth einem finsteren Dämon verfiel , dem tiefsten Mißtrauen gegen die Menschen , geschöpft aus den Lebenserfahrungen des verbitterten Alten und aus einer trüben Kindheit . Magdalene hatte den Kopf an die Fensterbekleidung gelehnt . Sie merkte es nicht , daß eine kleine Weinranke von draußen hereinkam und sich schmeichelnd auf ihr Haar legte ; auch den kleinen , vorwitzigen Sperling sah sie nicht , der nahe an ihre Schulter herantrippelte und Brodkrumen suchte , die sie ihm oft hinstreute . Sie blickte träumerisch vor sich hin und hielt in der herabgesunkenen Hand mehrere zusammengeheftete Papiere . Es waren alte , vergilbte Blätter , eine Anzahl von dem verstorbenen Leberecht zierlich geschriebener Verse enthaltend – Gedichte voll Schwung und Gluth , voll tiefen Leidens und schmerzlicher Resignation . Auf dem Titelblatt stand „ An Friederike “ . Langsame Tritte draußen auf der knarrenden Treppe schreckten das junge Mädchen aus ihrem Nachsinnen auf . Sie eilte nach der Thür und nahm der eintretenden Seejungfer einen leeren Korb und den Mantel ab , den sie sorgfältig an den Nagel hing , dann schob sie der Muhme den alten Sorgenstuhl des verstorbenen Schusters hin und holte den Nachmittagskaffee aus der Küche . Die Seejungfer sah ihrer Geschäftigkeit freundlich zu , gleichwohl hatte sie einen etwas mürrischen , unzufriedenen Zug um den Mund , der sich auch durchaus nicht unterdrücken lassen wollte . Sie sagte deshalb , nachdem sie die schwarze Bürgerhaube der Schonung wegen mit einer buntkattunenen Hausmütze vertauscht hatte : „ Höre , Lenchen , ich bin der Frau Schmidt begegnet . Sie wollte mir zehn Groschen geben , weil Du sie durchaus nicht genommen hättest , sagte sie . Guck , mein Töchterchen , “ fuhr die Alte fort , „ es heißt in der Bibel : ‚ Brich dem Hungrigen dein Brod ’ , das hat mir mein seliger Vater oft genug gesagt , obgleich es bei uns nicht ein einziges Mal vorgekommen ist , daß sich ein Anderer an den Spruch gehalten hätte , und wir waren manchmal recht in Noth . Na , das thut nichts , ich hab ’ mich mein Lebtag an das Wort Gottes gehalten , so viel ich konnte : aber es hat Alles seine Grenzen … Da hast Du nun einen ganzen Tag fest gearbeitet an dem Leichencarmen für der Schmidt ihr Kind , hast viel schönere Rosen und