Stirn , aber der strenge , verachtende Zug , der bei jenem Auftritt ihre Lippen umzuckt hatte , war einem kindlichen Lächeln gewichen , und in der Haltung ihres Kopfes lag etwas demütig Madonnenhaftes . Bei den täppischen Schrittchen ihres kleinen Pflegebefohlenen leuchteten ihre Augen auf und richteten sich mit dem Ausdruck von Befriedigung auf ihre Mutter , die totenblaß in der Tür lehnte . Es schwebte zwar ein freundlicher Zug um den Mund der alten Frau , aber es war jenes starre Lächeln , das manchmal die Züge überschleicht , während der ausdruckslose Blick andeutet , daß die Seele nichts davon weiß . Als Marie sah , daß die kleinen Künste und Fortschritte des Kindes fast nicht bemerkt wurden , rief sie ihre jüngere Schwester und übergab ihr das Kleine . Dann umschlang sie ihre Mutter mit beiden Armen und führte sie nach einer kleinen Tür in der Kirchhofsmauer , hinter welcher beide verschwanden . » Sie gehen an das Grab meines Vorgängers « , sagte der Schullehrer . » Armes Weib , möchte sie Trost und Beruhigung dort finden ! « Joseph aber lief in tiefer Bewegung abermals auf und ab . » Nein ! « rief er endlich aus . » Wie konnten die Menschen nur den Mut haben , diese Frauen zu beschuldigen ! Wie fangen sie es an , einen so schmählichen Verdacht festzuhalten ? « » Glauben Sie mir « , sagte der Lehrer , » die Ringelshäuser fühlen das moralische Übergewicht dieser beiden nicht . Kommt ihnen je eine dunkle Ahnung davon , so nennen sie ' s Hochmut – Sie haben sich vorhin überzeugen können . Das Recht aber , diese Eigenschaft zu besitzen , gestehen sie nur dem reichen Manne zu ; dem beugen sie sich auch willig – wie ja der Bauer , nicht anders als viele andere Leute auch , geneigt ist , nach Geld und Gut den menschlichen Wert zu bemessen ... Nun können Sie sich denken , daß jene unglückliche Familie in den Augen der Gemeinde zwiefach verdammungswürdig ist , denn man nennt sie arm und hochmütig ... « Hier wurde er unterbrochen . Vom Tanzplatz her kam Hand in Hand eine große Schar Mädchen . Sie traten vor Joseph , und eine derselben hub unter dem Gekicher der anderen an : » Der Anton , Euer Bruder , sagt , Ihr könntet so gewaltig schön singen ... Seht , singt eins – da habt Ihr des Schulzen Michel seine Zither . « » Aber « , riefen die anderen , als Joseph Miene machte , seinen Vortrag auf seinem bisherigen Platze zu halten , » kommt lieber mit hinauf unter die Linden , dort sitzen die Weiber , die möchten Euch auch gern hören . « » So mögen sie hierherkommen « , antwortete Joseph kurz und fing an , die Zither zu stimmen . Die Mädchen redeten leise und eifrig miteinander und blickten hinauf nach dem Haus der Frau Lindner . Endlich sagte eine entschlossen : » Das geht ein für allemal nicht ; denn da könnte sich wohl gar am Ende Schulmeisters Marie einbilden , Ihr sänget ihretwegen ... Guckt , das Haus ist just gegenüber ! « Es war ein Glück , daß die Dämmerung hereingebrochen war , denn Josephs Gesicht ward flammendrot , und an dem leidenschaftlichen Blick , den er auf das genächtete Häuschen richtete , würden die gesamten Dorfschönen höchstwahrscheinlich kein geringes Ärgernis genommen haben . » Die sieht nicht danach aus « , entgegnete er endlich , » als ob sie auf mein Lied hören würde , geschweige denn , das sie denken möchte , es gelte ihr . « Und er begann mit schöner , weicher Baritonstimme das Volkslied : Ach , wär ' es möglich dann , Daß ich dich lassen kann ! Hab ' dich von Herzen lieb , Das glaube mir . Während des Gesanges kam der Mond langsam heraufgezogen und überflutete das Dorf mit seinem Silberglanze fast taghell . Und Bäume , Blumen und Menschen hatten ein anderes Aussehen in diesem geisterhaften Lichte , dessen feiner , bleicher Strahl tönend an verborgene , ungekannte Saiten unseres Innern schlägt , so daß wir anders empfinden und uns selbst rätselhafter sind als im klaren Sonnenlicht . In der Geißblattlaube , von der dichten Blätterwand verdeckt , lehnte Marie regungslos . Sie konnte den Zauber nicht begreifen , der sie bewog , den einschmeichelnden Tönen immer wieder zu lauschen und nach dem Sänger hinüberzublicken ... Die Stimme des Fremden klang so warm und innig , und ein ebensolcher Blick war heute aus seinen dunklen Augen auf sie gefallen , als sie , die Mutter stützend , den Tanzplatz verlassen hatte ... Ihr Herz pochte heftig , und helle Tränen tropften an ihren Wimpern . Ihr Gebet am Grabe des Vaters hatte beruhigend auf ihr tiefverletztes Ehr- und Kindesgefühl gewirkt ; und nun drangen diese Klänge in ihre Seele und erweckten den Schmerz aufs neue ... Etwas anderes konnte es doch nicht sein ? * Der Sommer war verflogen . Die Sonne hüllte ihr bleiches Gesicht verdrossen in graue Nebelschleier , als wolle sie die fruchtberaubten Bäume und Felder nicht sehen , auf die sie erst so emsig das Gold der Reife gestreut ; oder als fürchte sie die Schauer des Herbstwindes , der , die müden Zweige unbarmherzig schüttelnd , einen goldgelben Blätterregen über Weg und Steg warf und die langen Silberfäden des Altweibersommers mutwillig vor sich her trieb , obgleich sie sich an gelben Grashalmen und dürren Blumenkronen anzuklammern suchten . Wie öde und einsam lag jetzt Ringelshausen zwischen den Bergen , die , nun ihres Laubgewandes entkleidet , große , verwitterte Felsblöcke zwischen den braunen Stämmen der Bäume unverhüllt und drohend zeigten ! Wenn der Leser übrigens glaubt , daß die Ringelshäuser mit der immer lebloser werdenden Natur harmonierten , dann irrt er sich . Ja , wenn das einfache Wörtchen » Kirmse « nicht wäre ! Aber das hat auf dem Lande einen so