erschien auf der Schwelle . Trotz ihrer siebenzig Jahre konnte man wohl von ihr sagen : sie kam schwebenden Schrittes näher ; trotz ihrer siebenzig Jahre war sie eine wunderlich jugendliche Großmama . Sie trug nicht einmal die wohlthätig verhüllende Mantille des Alters ; ein weißer , auf den Rücken geknüpfter Spitzenfichu legte sich knapp um Brust und Taille , und auf der perlgrauen Seidenschleppe bauschte ein reichgarniertes Ueberkleid . Ihr ergrautes , aber noch von glänzenden Streifen der ehemaligen Goldfarbe durchzogenes Haar war in dicken Puffen um die Stirn gesteckt , und über dieser Haarkrone lag schleierartig weißer Blondentüll , dessen lange Enden den Hals und die untere Kinnpartie , diese unerbittlichen Verräther des vorgerückten Alters , zugleich verhüllten . Sie kam nicht allein . Neben ihr schlüpfte ein wunderliches Wesen herein , eine im Wachstum sehr unterdrückte Gestalt , nicht gerade unproportioniert in den Gliedern , aber doch auffallend klein und erschreckend mager , und auf diesem dürftigen Körper saß der starkentwickelte Kopf einer jungen Dame von vielleicht vierundzwanzig Jahren . Die drei im Zimmer anwesenden Frauenköpfe trugen ein und denselben Familienzug – man erkannte sofort die enge Beziehung zwischen der Großmutter und den Enkelinnen ; nur bei der Jüngsten erschien das edle , ebenmäßige Profil zu sehr in die Länge gezogen ; auch trat das Kinn breiter und energischer hervor . Sie hatte einen kränklichen Teint und seltsam bläuliche Lippen . Durch ihr blondes Haar schlangen sich feuerfarbene Sammetbänder – sie war überhaupt in eleganter Gesellschaftstoilette ; nur hing origineller Weise da , wo andere Damen ein Margarethentäschchen tragen , ein ovales Weidenkörbchen , weich gefüttert mit blauen Atlaskißchen , zwischen denen ein Kanarienvogel saß . „ Nein , Henriette ! “ rief Flora ungeduldig und heftig , als das Vögelchen sofort sein Nest verließ und wie ein Pfeil über ihren Kopf hinflog , „ das leide ich absolut nicht . Deine Menagerie lässest Du draußen ! “ „ Ich bitte Dich , Flora – Hans hat weder Elephantenfüße noch Hörner am Kopfe ; er tut Dir nichts , “ sagte die kleine Dame gleichmüthig . „ Komm , Hänschen , komm ! “ lockte sie das Thierchen , das droben an der Decke kreiste ; es kam sogleich pflichtschuldigst herunter und setzte sich auf ihre ausgestreckten Zeigefinger . Flora wandte sich achselzuckend ab . „ Ich begreife Dich und die Anderen drüben wahrhaftig nicht , Großmama , “ sagte sie scharf . „ Wie mögt Ihr nur Henriettens Kindereien und Narrheiten dulden ? Sie wird Euch nächstens auch ihre sämmtlichen Tauben- und Dohlennester in den Salon schleppen . “ „ Ei ja – warum denn nicht , Flora ? “ lachte die Kleine und zeigte eine Reihe feiner , scharfer Zähnchen . „ Die guten Leute müssen sich ja auch gefallen lassen , daß Du wo möglich mit der Feder hinter dem Ohr einhergehst und stets alle Taschen voll Stubengelahrtheit mitbringst – “ „ Henriette ! “ unterbrach sie die Präsidentin streng verweisend . Es war eine wahrhaft fürstliche Hoheit in jeder ihrer Bewegungen ; auch in der graciösen Art , wie sie dem Kommerzienrat ihre schlanke Hand begrüßend hinreichte , lag bei sehr viel Güte und Freundlichkeit dennoch eine nicht zu verkennende Herablassung . „ Wir haben drüben erfahren , daß Du endlich zurückgekommen bist , lieber Moritz ; sollen wir noch länger warten ? “ fragte sie mit ihrer schönen , immer noch weichen Frauenstimme . Noch vor zehn Minuten hatte er mit dem festen Vorsatz , schleunigst in den Frack zu schlüpfen , das Haus betreten – jetzt sagte er zögernd und unsicher : „ Theuerste Großmama , ich möchte Sie bitten , mich für heute zu entschuldigen – der Vorfall in der Mühle – “ „ Nun ja , der Vorfall ist traurig genug , aber weshalb sollen auch wir darunter leiden ? … Ich weiß wahrhaftig nicht , wie ich Dich vor meinen Freunden entschuldigen soll . “ „ Sie werden doch nicht so schwer von Begriffen sein , die guten Freunde , um nicht zu verstehen , daß Käthe ’ s Großpapa gestorben ist ? “ warf Henriette über die Schulter herüber ein – sie stand vor einem Bücherbrett und las , wie es schien , eifrig die Vignetten . „ Henriette , ich verbitte mir ernstlich Deine naseweisen Bemerkungen , “ sagte die Präsidentin . „ Du magst meinetwegen Deinen feuerfarbenen Haarschmuck ein wenig moderieren ; denn Käthe ist Deine Stiefschwester , mir und Moritz aber liegt diese Verwandtschaft so weltenfern , daß wir für uns dem Trauerfall officiell keinerlei Bedeutung zugestehen können , so sehr ich ihn auch beklage . Ich möchte überhaupt nicht , daß die Sache an die große Glocke geschlagen würde – Bruck ’ s wegen – je weniger über den Vorfall gesprochen wird , desto besser . “ „ Mein Gott , seid Ihr denn Alle so ungerecht gegen den Doktor ? “ rief der Kommerzienrat in ausbrechender Verzweiflung . „ Ihm ist auch nicht der allergeringste Vorwurf zu machen ; er hat seine ganze Kunst , sein ganzes Wissen aufgeboten – “ „ Lieber Moritz , darüber mußt Du meinen alten Freund , den Medicinalrath von Bär , hören ! “ unterbrach ihn die Präsidentin und klopfte ihn leicht auf die Schulter . Sie winkte bedeutungsvoll mit den Augen nach Flora , die an ihren Schreibtisch getreten war . „ O , geniere Dich nur nicht , Großmama ! Glaubst Du denn , ich sei so blind und dumm , um mir nicht selbst zu sagen , wie Bär urtheilt ? “ rief das schöne Mädchen bitter . Ihre Lippen zuckten wie im Krampf . „ Uebrigens hat Bruck bereits sich selbst gerichtet , er hat nicht gewagt , mir heute Abend noch unter die Augen zu treten . “ Henriette hatte bis dahin mit dem Rücken gegen die Anderen gestanden . Jetzt wandte sie sich um ; eine hohe Röthe schoß in ihr fahles Gesicht und erlosch ebenso rasch wieder . Das