Geroldshofes , war ihr Faktotum gewesen . Er hatte unter unsäglichen Mühen das verwahrloste Grundstück wieder ertragsfähig gemacht . Der alte Mann war deshalb auch mit seiner Herrin gegangen , als sie sich in das Eulenhaus zurückzog , und bewohnte heute noch sein Stübchen im Erdgeschoß , als eine Art Kastellan , wie es die alte Dame testamentarisch angeordnet hatte . Und er wachte über jeden Mauerstein , der loszubröckeln drohte , über jeden Unkrautkeim , den der Wind von Wald und Wiesen herüberwehte . » Er zählt die Grasspitzen ! « sagte Fräulein Lindenmeyer , die ehemalige Kammerfrau der verstorbenen Herrin . Auch ihr war ein Asyl im Eulenhaus für Lebenszeit zugesichert worden . Sie bewohnte das vornehmste Zimmer im Erdgeschoß , die freundliche Eckstube , wo sie mit ihrem Strickzeug und einem Leihbibliotheksroman Tag für Tag am Fenster sitzen und die drüben vorbeilaufende Landstraße überblicken konnte . Diese zwei alten Menschen hausten einträchtig nebeneinander . Sie kochten auf einem Herd und zankten sich nie , wenn auch Fräulein Lindenmeyer oft genug heimlich empört ihre Schokoladen- und Weinsuppentöpfchen von dem aufdringlich duftenden Sauerkraut- oder Lauchgericht des Gärtners weit wegrückte . Klaudine hatte den beiden Alten ihre und ihres Bruders Ankunft mitgeteilt und sah nun mit Genugtuung dort über den Baumwipfeln ein dünnes Rauchsäulchen aufsteigen und langsam zerfließen . Fräulein Lindenmeyer kochte jedenfalls einen guten Nachmittagskaffee . Fernherüber krähte der Haushahn , der mit seinen sechs Hennen in einem Mauerwinkel des zerstörten Kreuzgangs residierte , und hoch über dem Rauchschleier des Schornsteins kreisten Heinemanns weiße Tauben , winzig und glänzend wie Silberflitter am blauen Frühlingshimmel . Nunmehr machte die Straße eine weite Schwenkung nach rechts , und da trat allmählich das ruinengeschmückte kleine Wiesen- und Garteneiland aus dem Waldschatten hervor . Dort lag das aus Bruchsteinen erbaute enge Haus , das einst der Brandfackel der rebellischen Bauern tapfer widerstanden , das Gemäuer rauh und rauchgeschwärzt und von einem Netz frischer Mörteladern förmlich übersponnen . Ein Adelsitz war das freilich nicht , und die grauen Röcke der in die Kirchenruinen zurückgedrängten Eulenbrut hatten jedenfalls immer besser hineingepaßt als lange Hofdamenschleppen . Immerhin ! Es war trotz alledem ein gemütliches Nest für genügsame Menschenkinder , und es lag mitten im schwellenden Grün . » Just in der allerschönsten Zeit , gnädiges Fräulein ! « sagte Heinemann , den Wagenschlag öffnend . » Die Beete noch dick voll Narzissen und Tulpen und die Bauernrosen mit Köpfen zum Aufplatzen , und dazu laufen die Kinder schon mit Maiblumensträußchen im Wald ' rum ! « Er war bei Herankommen des Wagens bis auf die Straße herausgelaufen . Barhäuptig , den vollen , heißen Nachmittagsonnenschein auf seinem starren , graugelben Haarwulst , half er den Ankommenden beim Aussteigen . » Ja gelt , da riecht ' s gut , kleines Fräulein ! « lachte er , indem er die kleine Elisabeth aus dem Wagen hob und für einen Augenblick auf dem Arm behielt . Das Kind sog mit sichtlichem Wohlbehagen die herüberwehende Luft ein . » Alles eitel Duft , alles ein Blühen , wohin der Mensch guckt , Kindchen ! Ja , der liebe Herrgott meint es gut mit dem alten Heinemann ! « Er hatte recht . Ein wahres Gewoge von Narzissendüften und dem berauschenden Odem aus tausendfältigen Kelchen des Flieders erfüllte die Luft . » Wollen wir nun zu Fräulein Lindenmeyer gehen ? « fragte er die Kleine mit lustigem Augenzwinkern . » Dort steht sie mit ihrem allerschönsten Bandwerk auf dem Kopfe ! Hat den ganzen Morgen Kuchen eingemengt und kein einziges Ei im Hause heil und ganz gelassen . « Klaudine ging lächelnd an ihm vorüber an der Tür im Staketenzaun , wo zwischen zwei Eibenbäumchen der altmodische Kopfputz von granatroten Bändern auf Fräulein Lindenmeyers grauem Scheitel sichtbar wurde . Dieses gute alte Mädchen hatte bei dergleichen Gelegenheiten stets ein feierliches Zitat aus Schiller oder Goethe in Bereitschaft . Heute aber zitterten ihre eingefallenen Lippen im Ringen mit der inneren Bewegung – kam doch der schöne , edle Mann da , ihr Stolz , der ehemalige Herr auf dem schönsten Gute weit und breit , und suchte Zuflucht im Eulenhaus ! Aber er nahm heiter gelassen ihre bebende kleine Rechte , die eben das Batisttüchelchen an die geängstigten nassen Augen drücken wollte , mit warmem Druck zwischen seine Hände . » Ich möchte wissen , ob Fräulein Lindenmeyer mich immer noch so gut versteht und vertritt wie einst , wenn es galt , dem blöden Jungen bei der Großmama etwas zu erwirken ? « sagte er in sanft scherzendem Ton , wobei er sich tief bückte , um in ihr Gesicht zu sehen . Da strahlten ihre Augen auf . » Ei , nun ja , ich denke doch ! « antwortete sie . » Die Glockenstube ist hergerichtet ! Ach ja , himmlisch schön ist ' s da oben ! Ein richtiges Poetenwinkelchen ! Welche fühlende Seele sollte das nicht verstehen ? « Er lächelte und drückte nochmals ihre Hand , während sein aufleuchtender Blick über den Garten hinflog . Dem südlichen Tor der Kirchenruine entgegengesetzt , wenn auch ziemlich weit abgerückt , erhob sich der Glockenturm der Klosterkirche . Die verstorbene Besitzerin hatte Turm und Wohnhaus durch einen kleinen Zwischenbau verbunden , der im Erdgeschoß zu einem Winteraufenthalt der Pflanzen eingerichtet war , im oberen Stock aber eine auf beiden Seiten von einem Geländer eingefaßte Plattform bildete , zu welcher sowohl von den Zimmern des Wohnhauses wie der gegenüberliegenden unteren Turmstube Glastüren führten . Über alles hinweg aber blinkten hoch oben die Fenster der Glockenstube , die ihren Namen behalten hatte . Und nun hinein in den letzten Zufluchtsort der Verarmten ! Während Heinemann Koffer und Korb vom Wagen hob , schritten die anderen dem Hause zu . Einen Augenblick blieb Klaudine allein vor der Haustür stehen , sie bog sich zur Seite , anscheinend um den Duft einer ihre Schulter streifenden Fliederblüte einzuatmen , aber ihre Gedanken irrten weit ab . Über diese Schwelle war sie vor drei