unseligen Nachbarschaft , der ihr selbst in das Herz schnitt . Sie liebte den Pavillon , wie ein Kind einen alten Hausfreund seiner Eltern liebt , der es auf den Knieen schaukelt , ihm ergötzliche Geschichtchen erzählt und die schützende Hand abwehrend ausstreckt , wenn es gestraft werden soll . Sie hatte sich stets in dem alten , achteckigen Häuschen lieber aufgehalten , als drüben im großen Wohnhaus . Hier hatten sich die interessanten Lebensläufe ihrer Puppen abgewickelt , in dem gemütlichen Salon war das kindliche Herz erfüllt gewesen von dem Selbstbewußtsein der gebietenden Hausfrau , denn sie durfte ihn benutzen als Empfangszimmer für ihre kleinen Besuche aus der Stadt , deshalb hieß er auch „ Lilli ’ s Haus “ . Die alten Wände waren Zeugen ihrer ganzen Kindesglückseligkeit gewesen , aber sie [ 434 ] hatten auch ihr leidenschaftliches Weinen und Klagen gehört , wenn im Wohnhause gepackt worden war zur Heimreise . „ Du hast dem gestrengen Herrn natürlich ebenso energisch seinen Standpunkt klar gemacht , wie bei dem Annexionsversuch , Tante ? “ fragte sie hastig . „ I nu freilich . Ich habe ihm erklärt , der Pavillon stände ganz gut an seinem Platz und mit meinem Willen würde nicht ein Ziegel daran weitergerückt ; darauf hin hat er mich gerichtlich verklagt . “ „ Der Unhold ! “ „ Und das Recht ist ihm zugesprochen worden . Ich habe die Weisung erhalten , binnen acht Tagen mein Besitztum von dem fremden Grund und Boden zu entfernen . “ „ Abscheulich ! … Und Du kannst es über ’ s Herz bringen , Tante Bärbchen ? “ „ Ich lasse nicht einen Stein anrühren . “ Sie deutete nach dem Bild der Großmutter . „ Die müßte sich im Grabe umdrehen , wenn das mit meinem Willen geschähe … Mag der saubere Herr höchsteigenhändig das Niederreißen besorgen , dagegen kann ich freilich nichts tun . “ „ Und damit wird er nicht viel Federlesens machen , passen Sie nur auf , Frau Hofrätin ! “ sagte Dorte , die vor wenig Augenblicken eingetreten war und einen Teller voll frischgebackener Waffeln auf den Tisch gestellt hatte . „ Er hat ’ s eilig . Ja , wär ’ das Fenster nicht , das ‘ nüber in seinen Garten geht , da ständ ’ ihm das Häuschen noch lange nicht im Wege . Aber da könnte ja der alte Sauer einmal den Laden aufmachen und hinübergucken nach der schönen Dame , das wär ’ erst gefährlich ! “ „ Wer ist denn die Dame ? “ fragte Lilli lachend . „ Wahrscheinlich seine Frau , “ meinte Tante Bärbchen zögernd . „ Ach , glauben Sie doch das nicht , Frau Hofrätin , “ eiferte Dorte , ohne die verweisenden Blicke ihrer Herrin zu bemerken , „ seine Liebste ist ’ s … Fräulein Lilli , da drüben geht es zu wie bei den Heiden , und eifersüchtig ist er wie ein Türke . Keine Menschenseele in der ganzen Stadt weiß , wie die Person aussieht , die bei ihm wohnt , nicht einmal sein eigener Kutscher und Bedienter sollen es wissen . Der Mohr steht Schildwache vor ihrer Tür und trägt ihr auch das Essen hinein … Gott verzeih ’ mir ’ s , wie nur ein Christenmensch solch ’ ein schwarzes Ungetier um sich leiden mag ! Ich erschrecke immer zu Tode , wenn der den Mund aufmacht , und denke an den Walfisch , der den Jonas verschluckt hat … Die Dame muß immerfort einen dicken Schleier vor dem Gesicht tragen , und wenn sie spazieren fährt , da sind die Vorhänge an den Wagenfenstern fest zugemacht . Ich hab ’ einmal draußen vor der Gartentür gestanden , da fuhr der Wagen vorbei , und in dem Augenblick zog und zerrte drinnen eine Hand an dem Vorhang ; das waren Fingerchen , wie von Marzipan , und Ringe haben d ’ ran gesteckt , die haben geblitzt , wie lauter Karfunkel . Er muß ein wahrer Unmensch sein , daß er das arme Weib so einsperrt ; er sieht aber auch danach aus . Wenn er auf sein Gut reitet – das schöne , große Liebenberg hat er doch gekauft – da kommt er auf seinem pechschwarzen Rappen die Chaussee hergebraust , daß es einem himmelangst wird , so trotzig und befehlshaberisch sieht er aus . “ „ Er ist wie sein Vater , “ sagte Tante Bärbchen zu Lilli , „ dem war auch die Welt zu eng und der Platz , auf dem er stand , zu niedrig . Er pfropfte auf den alten , ehrenhaften Stamm der Dorns ein adliges Reis ; das befand sich aber sehr übel in der bürgerlichen Atmosphäre , und da hat er sich flugs auch den Adel gekauft … Gekaufter Adel ! Das heißt , in den ursprünglichen Begriff übersetzt , gekauftes Verdienst … Unsinn , Unsinn ! Gemahnt mich an den sauberen Ablaßkram , nur in umgekehrter Weise , allein die Welt will nun einmal solchen Firlefanz und Hocuspocus , und Schlauköpfe giebt ’ s zu allen Zeiten , die ernsthafte , gläubige Gesichter dazu machen und ihren Nutzen daraus ziehen . “ Sie schob das Spinnrad von sich und schüttelte die Spelzen von dem weißen Tuch , das auf ihren Knieen gelegen hatte . „ Ich bin da auf ein ärgerliches Thema gekommen , “ sagte sie aufstehend ; „ Unfruchtbare Gedanken , mit denen sich ein alter Weiberkopf , der sich auf die Ewigkeit vorzubereiten hat , gar nicht mehr befassen sollte … Stürzt heute alle die alten Götzen um , morgen wird , die Welt um ein neues goldenes Kalb tanzen . … Komm ’ , Lilli , schenke mir eine Tasse Tee ein . Gelt , der riecht frisch und unverdorben ? … Hab ’ die Blätter selbst im Walde zusammengesucht ; der macht gesundes Blut und rote Backen , und die kannst Du brauchen , kleines Mondscheingesicht . “ Sie