“ Er strich sich über die glatt anliegenden spärlichen Haare und murmelte mit einem Seufzer : „ Es ist kein Wunder , daß ich kahl wurde , — wo sollte die Kraft herkommen , die noch ein Haar auf meinem Scheitel erzeugte , nachdem ich zehn Jahre lang dieser Verdammnis unterworfen war ! Das zehrt das Mark aus den Knochen und das Blut aus den Adern . “ Die Frau sah ihn verwundert an . „ Aber , Leuthold , ich habe Dir doch immer so kräftig gekocht ! “ Leuthold blickte auf , wie aus einem Traume erwachend , dann gingen seine Züge in jenen Ausdruck der Ironie über , die seine unbefangenen Mitmenschen immer für die wohlwollendste Freundlichkeit hielten . „ Du hast Recht , Bertha ! “ sagte er dann , „ Dein oberster Grundsatz ist : Essen und Trinken , — der meine : Denken und Arbeiten . Wie viel praktischer der Deine ist , zeigt Figura deutlich ! “ Er blickte lächelnd auf die ungeheuren Formen seiner Ehehälfte . „ Na warte nur , — wenn wir erst in der Residenz sind , will ich Dich schon herausfüttern . Gib Acht , was ich Dir jeden Tag für Diners hinstellen werde ! “ sagte Bertha . „ Das wird auch nötig sein , denn wir werden oft Tischgäste haben . Weißt Du , die Menschen sind darin wie die Hunde , — wo sie Braten riechen , da gehen sie gerne hin ; mit guten Diners macht man sich die besten Freunde und die wichtigsten Streitfragen sind schon oft durch den Gaumen entschieden , die wärmsten Gefühle durch ein Glas Wein eingeflößt worden ! — Man hat solche Freunde freilich nur , so lange man ihnen zu essen gibt , — aber das können wir ja tun , so lange wir sie brauchen , nachher waren sie doch nur unnützer Ballast , den man über Bord wirft . “ „ Ja , da hast Du Recht , Du bist doch ein gar zu kluges Kerlchen ! “ rief Bertha und versuchte ihren Gemahl mit begeisterter Bewunderung in die Wangen zu kneifen , mußte jedoch wegen Mangels an dem hiezu erforderlichen Material von ihrem Vorhaben abstehen . — „ Ach , Gott ! “ rief sie mit der liebenswürdigsten Naivetät , vergnügt wie ein Kind in die Hände klatschend , „ wenn er nur bald stürbe ! “ Der Gatte sah sie streng an . „ Ich hoffe , daß , wenn der Fall , den ich so sehnlich herbeiwünsche wie Du , wirklich eintritt , kein menschliches Auge etwas Anderes an Dir zu sehen bekommt als Tränen ! Und wärst Du zu ungeschickt , sie zu heucheln , — so müßte ich dafür sorgen , daß Du sie wirklich vergießest , — denn der Anstand muß gewahrt werden , koste es , was es wolle ! Das merke Dir . “ — Bertha faltete entsetzt die Hände . „ Gott sei mir gnädig ! Ich glaube . Du wärst im Stande , mich alle Tage so lange zu peinigen und zu martern , bis meine Augen das nötige Maß Salzwasser vergossen hätten ! Das sähe Dir ähnlich ; Dir geht zuletzt noch das Urteil der Leute oder der Anstand , wie Du ’ s nennst , über Weib und Kind und über Alles . “ Sie war aufgesprungen und man hörte deutlich das Geräusch ihrer arbeitenden Lungenflügel . Leuthold be ­ trachtete sie mit Wohlgefallen , wie sie so vor ihm stand mit rollenden Augen und aufgeworfenen Lippen . Es war doch einmal eine Bewegung über sie gekommen , freilich nur die des Zornes , aber da das Genie immer leidenschaftlich ist , so sieht auch umgekehrt die Leidenschaft oft genial aus und leiht den unbedeutendsten Menschen einen vorübergehenden Nimbus . „ So gefällst Du mir ! “ sagte Leuthold , zog sie zu sich herab und ließ behaglich seine kühle Hand über ihre warmen Schultern gleiten . In demselben Augenblick er ­ scholl aus dem Nebenzimmer die Stimme eines Kindes . Gretchen wacht auf “ , rief Bertha , vergaß ihren Zorn und ging mit so schnellen Schritten hinein , daß sich die Dielen unter ihrer Last ächzend bogen und der Gatte die Erderschütterung auf seinem Sofa spürte . Bald kehrte sie zurück mit einem hübschen , etwa dreijährigen Kinde auf dem Arme , das sie trotz seiner Stärke und Größe auf- und niederschaukelte wie einen Gummiball . Sie warf es nun mit mütterlichem Stolz ihrem Manne auf den Schoß und dieser preßte das schwere Fleischklümpchen an den schmalen flachen Brustkasten , den es in der Wucht des Falles fast eingedrückt hätte . Er liebkoste entzückten Angesichts das Kind , aus seinen Augen brach ein Strahl , wie wenn die Wintersonne über einer Schneelandschaft aufgeht . Denn er besaß nicht nur Vaterliebe , sondern auch etwas , was dieser zum Verwechseln ähnlich ist : Vater-Eitelkeit ! „ ’ S ist merkwürdig “ , sagte die glückliche Mutter , „ wenn man denkt , daß das Dein Kind ist ! “ — „ Weshalb ? “ fragte Leuthold überrascht . „ Ei nun , daß solch ein schwächlicher hagerer Mann , wie Du , solch dickes Riesenmädchen zur Tochter haben kann ! — Das kommt mir gerade vor , als ob so ein dünner Ährenstengel gleich Groschensemmeln statt Körnern trüge ! “ Sie lachte unbändig über diesen Einfall , ohne zu bedenken , daß der Gemahl sich eben nicht sehr geschmeichelt dadurch fühlte . „ Man sagt “ , fuhr sie fort , „ was lange währt , wird gut ! — Na , ’ s hat lange gewährt , bis wir das Mädel bekamen , aber es wurde auch gut ! “ Dann steckte sie die kleine runde Hand des Kindes in ihren geräumigen Mund , als wolle sie sie abbeißen und machte „ Wau , wau , wau ! “ Die Kleine jauchzte und dieser , eine Mutter so sehr entzückende Ton verfehlte