besaß den Stolz der beiden Eltern in doppeltem Maße und sie war die einzige im Schlosse , die mir von jeher nicht wohlwollte . Mit einer Feinheit zeigte sie mir , daß ich nicht ihresgleichen sei , die bei einem Kinde in Erstaunen setzen mußte . Überhaupt war sie kein guter Charakter . Die Anbetung und die Schmeicheleien , die schon in früher Jugend ihrer schönen kleinen Persönlichkeit gezollt wurden , machten sie vor der Zeit kokett und herausfordernd . Männern gegenüber entwickelte sie von jeher eine bezaubernde Liebenswürdigkeit . Zuerst waren es der Vater , der Hauslehrer oder etwaige Vettern , welche die Ferien auf Schloß Bendeleben verlebten , an denen sie ihre Macht übte . Sie wickelte sie alle um den Finger . Dann – doch davon später . Hanna , die jüngere Tochter , mit mir in einem Alter , war ein schüchternes , liebliches , blondes Kind . Wir waren und blieben Herzensfreundinnen bis zu ihrem frühen Tode . Uns stand Ruth stets feindlich gegenüber , und tausend kleine Zänkereien kamen vor , tausend kleine Demütigungen wurden mir zuteil , ohne daß ich mich zu beklagen wagte . So vergesse ich eine Szene nie : es war eines Tages ein Hausierer ins Schloß gekommen , der allerlei zu verhandeln hatte : Garn , Zwirn , Nadeln und bunte Tüchelchen und Bänder . Nur wer lange auf dem Lande gelebt hat , kann sich vorstellen , welch einen Zauber so ein häßlicher , alter Jude auf sämtliche weibliche Gemüter im Hause ausübt . Es ist ein ordentlicher Jubel , sieht man ihn , den Kasten am verschossenen grünen Bande tragend , von weitem kommen . Man erinnert sich , daß dieses oder jenes fehlt , und man kauft und handelt , daß es eine wahre Lust ist . Auch Frau v. Bendeleben stand in der großen Halle des Schlosses mit dem Hausierer , und wir natürlich erwartungsvoll daneben . Die weibliche Dienerschaft hatte dem Alten schon verstohlen Winke gegeben , worauf er ernsthaft versicherte : » Wenn wird gekauft haben die gnädige Frau Baronin und die gnädigen Fräulein Töchter , werde ich auch kommen zu den Mägden . « Als Frau v. Bendeleben mit ihrem Handel fertig war , erteilte sie uns zu unserer größten Freude die Erlaubnis : » Jede von uns dürfe sich ein Band aussuchen , das sie uns schenken wolle . « Ruth griff mit ihren kleinen Händen sofort nach einem blauen Bande , das mir auch sehr gut gefiel . Sie hielt es sich an ihre dunklen Locken und fragte , ob es ihr gut stehe ? Hanna wählte irgendeine andere Farbe , nur ich stand noch unentschlossen da . Nachdem für Ruth von dem blauen Bande abgeschnitten worden war und auch Hanna das ihrige bereits in den Händen hielt , fragte sie : » Nun , und du , Gretchen ? « – » Ich möchte auch von dem blauen Bande « , sagte ich , » bitte schneiden Sie ab . « Ruth , die sich ihr Band , wie um es zu probieren , um den Hals geschlungen hatte , riß es bei diesen Worten plötzlich ab . Sie warf den kleinen Kopf zurück , unter den langen Wimpern hervor traf mich ein unendlich geringschätziger Blick . Dann wandte sie sich um , und das Band der Kammerjungfer ihrer Mutter zuwerfend , sagte sie zu dem erstaunten Mädchen : » Da , Lisette , ich schenke es dir . « Im ersten Moment begriff ich nicht , was dies bedeuten solle , dann aber stieg mir das Blut siedendheiß in die Wangen . Hanna hielt mich schnell umfaßt , als wolle sie die Unart von mir abwehren . Der alte Jude aber schaute mit klugen , lächelnden Mienen bald mich , bald Ruth an , wahrend er das unglückliche blaue Band vor mich auf den Tisch legte . Es lag eine so furchtbare Demütigung in diesem Auftritt , daß ich mich wie Hilfe suchend nach Frau v. Bendeleben umwandte . Doch die besichtigte mit so viel Interesse die kleinen Sachen in dem Kasten des Hausierers , daß es schien , als habe sie nichts von dem bemerkt , was soeben vorgegangen . Freilich war es ja auch vermessen von mir , mit der Tochter des alten adligen Hauses gleiche Bänder tragen zu wollen , als ob ich die Schwester sei . Sie hatte mir gezeigt , mit wem ich d ' accord sein konnte , die Kammerjungfer und ich – das paßte besser , und doch noch nicht vier Jahre später , da streckte sie die Hand nach dem aus , was mir gehörte , da trat es ihrer Ehre nicht zu nahe , etwas für sich in Anspruch zu nehmen , was der kleinen bürgerlichen Pfarrerstochter zu eigen war ! Oh , ich habe sie einmal glühend gehaßt , dieses stolze , eitle Geschöpf . Sie hat mein ganzes Lebensglück zerstört . « Die Augen der alten Dame blitzten zornig auf , und noch jetzt , nach so vielen Jahren , war die Röte der Beschämung auf ihrem Gesichte emporgeflammt . » Sie hätten sich an diese Szene gar nicht erinnern sollen , liebes Fräulein « , sagte ich . » Doch , mein liebes Kind , Sie müssen ihren Charakter verstehen lernen . Sehen Sie , solche Szenen kamen öfter vor , und wäre nicht Hanna gewesen und hätte mir nicht die ungemütliche Häuslichkeit in dem kleinen Pfarrhause so entsetzlich mißfallen , ich wäre damals so gern dorthin zurückgekehrt . Aber mein Vater , der den ganzen Tag über sich seinen archäologischen Studien widmete ( er hatte sich einen großen Namen erworben in diesem Fache ) , die alte Kathrin mit dem verdrießlichen Gesicht , ewig spinnend in der unheimlich öden und ungemütlichen Wohnstube , wo jede Spur von Zierlichkeit geschwunden war , keine Blumen , kein Teppich vor dem verschossenen Sofa , keine Decke auf dem Tische – selbst die Gardinen hatte die Alte kassiert –