den Schreibtisch . « Aber statt der Antwort kam nur ein rascher energischer Schritt über den Teppich und eine besorgte Männerstimme fragte : » Verzeihen Sie mir , wenn ich störe . Die Unruhe treibt mich her . Ist es denn wirklich wahr , daß Sie reisen müssen ; wie mir meine alte Hanne sagte . « Helene Wilkens wandte den Kopf herum . » O , über diesen Dienstbotenklatsch ! « Sie lachte verlegen . Und so tief dämmerig es war , sah er doch die Verlegenheit über ihre Lüge auf ihren Wangen brennen . » Helene , « sagte er , » Sie wollen fort , aber das dulde ich nicht . Es ist meine Sache , zu gehen . – Aber ist es denn nötig ? « Er hatte ihre Hand ergriffen und hielt sie fest in der seinen . » Haben wir uns gefunden , um uns wieder zu verlieren ? « fragte er leise . » Gestern – vorgestern , alle Tage vordem schon habe ich Sie fragen wollen darum , – auch ohne durch die sonderbaren Blicke der Frau Sophie erinnert zu werden . Helene , willst du – « er stockte , sie hatte sich heftig von ihm gewandt und war in das Zimmer zurückgetreten . » Nein – nein – nicht weiter ! « stotterte sie . » Sprechen Sie nicht weiter ! Es war unüberlegt , was ich tat , – man soll nicht blindlings seinem Herzen folgen – aber nichts hat mir ferner gelegen , als mit meinem Tun für das arme Kind diese Frage heraufzubeschwören . Gewiß nicht – glauben Sie mir , ich wußte nicht , daß man selbst in weißem Haar nicht handeln kann wie man will , ohne mißverstanden zu werden . « Sie wollte an ihm vorüber , da vertrat er ihr den Weg . » Nein , zum zweiten Male lasse ich mich nicht in die Ecke stellen , « sagte er leise . » Was willst du denn , Helene : ich stände in diesem Augenblick hier , auch wenn das arme Kind dort drinnen gar nicht existierte , und mit der nämlichen Frage : Willst du mich noch , Lene ? « Es war unheimlich still in der Stube . Nichts als das leise Schluchzen der Frau , die am Flügel lehnte und nicht fähig war zu antworten . Da trat er neben sie und zog sie an sich . 30 » Helene , wollen wir nicht das alte Notenbuch wieder hervorsuchen und da wieder anfangen , wo du dein Kreuzel damals gemacht ? Wollen wir aus deinem Kreuzel nicht einen Stern machen ? Ein goldenes Glücksternchen , das über unsrer alten treuen Liebe scheinen soll ? Ja ? Du willst ? Herz , ich danke dir , – und nun sei gut , sei ruhig ! « » Ach , laß mich doch weinen , « bat sie , » ich war ja eben noch so unglücklich – und nun – « » Nun packe deinen Koffer wieder aus , ich packe den meinen . Und weißt du , wo ich hin will ? In deine Vaterstadt will ich , das alte Haus in Stand setzen für uns , denn wenn du so denkst wie ich , können wir dort erst so recht glücklich sein , wo die Erinnerung an unsere Jugend wohnt in den traulichen getäfelten Stuben ! Und in der alten Marienkirche , deren Turm in unsere Fenster sieht , da wollen wir uns trauen lassen . Nicht ? « » Ja , « sagte sie , » von dem alten Superintendenten , der neckte mich schon damals immer mit dir . Ach du , « fuhr sie fort , » und der alte liebe Garten , wie wird ihn Else genießen . « » Und wir mit ! « erwiderte er lachend . » Wir sind auch für uns da . Du weißt ja gar nicht , Lene , wie jung und schön du noch bist ! « » Aber , Otto ! « sagte sie ernstlich abweisend . Doch dann lachte sie , und es klang wirklich ganz jung und glücklich . 31 Großmutters Kathrin . meiner frühesten Kindheit schon lernte ich sie kennen und hatte heillose Angst vor ihr . Sie war Großmutters Dienstmädchen zu jener Zeit , als sich dieselbe von dieser Sorte nur noch eine hielt , das heißt , als die Kinder schon alle dem heimatlichen Neste entflogen waren , der Großvater keine Forsteleven mehr drillte und die alte Dame ihren Haushalt bedeutend vereinfacht hatte . Sie erklärte , an einer sich gerade genug ärgern zu können , und die dicke Kathrin sorgte dann allerdings in diesem Punkte ausgiebig – für drei . Trotzdem aber blieb sie lange Jahre im Dienst der Großmutter , so lange , bis die alte Dame eines Tages zu ihr sagte : » Höre , Kathrin , wenn du nun aber wirklich noch heiraten willst , dann mach Ernst ; übers Jahr wirst du vierzig und es könnte leicht keiner mehr kommen ! « Das schrieb sich die Dicke hinter die Ohren , und drei Wochen nach dem vierzigsten Geburtstage trat sie mit ihrem Erwählten , einem zehn Jahre jüngeren klapperdürren Schuster , vor den Altar , zum sprachlosen Erstaunen ihrer Herrin , die von dieser Verlobung keine Ahnung gehabt . Hatte doch Kathrinchen noch vier Wochen vorher einem anderen erklärten Bräutigam im Garten ihre Stelldicheins gegeben ; indessen , man war ja bei Kathrin an Überraschungen in dieser Hinsicht gewöhnt . Sie war ein Original , diese dicke Kathrin , wie es kein zweites gab , voll Fehler , sogar grober Fehler ; aber eine Tugend besaß sie doch , die sie in vergangenen Zeiten zu einer Heiligen 34 gestempelt haben würde , das war eine beispiellose Treue und Aufopferungswilligkeit für ihre Herrschaft . Meine Großmutter hat noch auf dem Sterbebette der alten Dienerin gedankt für ihre hingebende treue Pflege , denn es muß leider hier gesagt