denken ; ich bin erst achtzehn Jahre gewesen . “ Er lachte laut auf ; es war auch keine Spur mehr von dem gestrigen Schatten in dem heiteren Gesichte . „ Darf ich Dir jetzt Adieu sagen , Großmama ? “ fragte er , „ ich möchte noch einmal in den Ahnensaal hinaufgehen , um der schönen Agnese Mechthilde einen Abschiedsbesuch zu machen . Sieh , Großmama , da kann ich Dir gleich eine Beruhigung geben , “ fügte er hinzu , „ wenn ich nicht ein Mädchen finde , die ihr ähnlich sieht , dann heirathe ich überhaupt nicht , denn sie ist mein Ideal einer Frau . “ „ Du meinst die Mechthilde mit den rothen Haaren ? “ fragte ganz erstaunt die alte Dame . „ Ja ! “ nickte der Enkel . „ Ich habe eine Schwäche für rothes Haar . Apropos , Großmama – darf ich das alte Buch behalten , das Du gestern Abend mit hinunter brachtest ? “ „ Gewiß , es ist eine Familienchronik , und ich hatte sie für Dich bestimmt . “ „ Danke tausendmal ! Auf Wiedersehen zu Mittag ! “ Er küßte ihr die feine Hand , und gleich darauf schlossen sich die rothen Falten des Thürvorhanges hinter ihm . Ein Liedchen pfeifend , schritt er den Corridor entlang und stand bald im Ahnensaal vor dem Bilde der schönen Agnese Mechthilde . Von dem dunkel gehaltenen Hintergrund hob sich der zierliche Kopf fast plastisch ab ; üppiges goldenes , beinahe röthliches Haar barg sich , von der weißen Stirn zurückgestrichen , unter einem Häubchen von Silberstoff . Unter dieser Stirn , unter den scharf gezeichneten Brauen , die seltsam contrastirten mit dem hellen Haar , blickten große dunkle Augen hervor , mit dem Ausdruck eines tiefen unergründlichen Schmerzes sahen sie den Beschauer an , so träumend , so leidversunken , als suchten sie ein verlornes Glück . Es webte ein mattes Dämmerlicht in dem großen Raume . Army zog den Vorhang des zunächst liegenden Fensters zurück , und nun flutheten die Strahlen der kalten klaren Wintersonne über die rothen Haare des schönen Weibes ; es schienen goldene Fäden darin aufzusprühen , und wieder übten die Augen auf ihn den alten Zauber , diese träumenden , so unergründlich schmerzlichen Augen . [ 670 ] Da hörte er einen leisen Schritt und die kleine rosige Hand seiner Schwester legte sich ihm auf die Schulter . „ Hier steckst Du , Army ? Wir wollen zu Tische gehen . Komm hinunter , Army ! Du mußt ja nachher bald fort , und ich habe Dich den ganzen Morgen noch nicht gesehen . “ Er zog das junge Mädchen an sich . „ Schau mich einmal an , Nelly ! “ bat er , und hob mit der Hand das Köpfchen ein wenig in die Höhe , „ bist Du fröhlich oder bist Du mir noch böse ? “ Ihre Augen feuchteten sich , als sie dem Bruder in ’ s Gesicht sah , aber sie schüttelte lächelnd den Kopf . „ Böse ? Nein , o nein ! Aber komm doch – es ist so kalt hier . “ Er nahm ihre Hand , und sie schritten der Thür zu ; ehe er sie schloß , wandte er sich nochmals zu dem Bilde um . „ ‚ Darumb nimb war , wasz für Haar ! Ist solches roth , hatz groß Gefahr ‘ , “ flüsterte er vor sich hin . – – Kaum eine Stunde später stand die alte Sanna droben an einem der Fenster des Corridors ; sie blickte dem scheidenden Army nach . Er hatte Abschied genommen von der weinenden Mutter ; nun ging er eben über den Schloßhof , und Nelly folgte ihm im schlichten Mäntelchen ; sie hatte es sich nicht nehmen lassen , dem Bruder nahe zu sein bis zur letzten Minute des Abschiedes . „ Ganz die Großmutter ! “ murmelte die alte Sanna vor sich hin , „ das Herz lacht Einem , wenn man ihn nur anschaut . “ Sie hielt sich die Hand über die Augen , um besser sehen zu können . „ Es wird ihm nicht fehlen , “ dachte sie weiter , „ er kann anklopfen wo er will : die Reichste , die Schönste wird sein , und solch Malheur , wie sein Vater hatte , wird ihn doch nicht verfolgen . O , wenn meine Baronin noch erleben könnte , daß hier im Schloß wieder ein fröhliches glänzendes Leben aufblüht ! Sie thäte noch einmal jung werden und schön . O Du blutiger Heiland , wie wollte ich Dir auf den Knieen danken dafür ! “ Indessen schritten die Geschwister die alte Lindenallee hinunter ; es war ein wunderbar schönes Winterbild , das vor ihnen lag . Unten , wo die Allee endete , schimmerten die weißen schneebedeckten Berge herüber , von den Bäumen wie in einen Rahmen gefaßt ; seitwärts blickten die Häuser des Dorfes mit ihren beschneiten Dächern hervor ; fast aus jedem Schornstein stieg eine Rauchsäule kerzengerade in die kalte Winterluft , und zur andern Seite zog sich der Wald hin im herrlichen Schmuck des Anhanges ; über Weg und Steg lag eine blendend weiße Decke gebreitet – todtenstill war es in der Natur ; nur ein Schwarm Krähen zog mit heiserem „ Krah ! Krah ! “ von den Bäumen empor und stiebte den weißen Schmuck der Aeste ab , der nun langsam in glitzerndem Gefunkel zur Erde schwebte . Und über dem Ganzen lag der rosige Duft der untergehenden Sonne , der in der Ferne in einem wundervollen Violett verschwamm . Die Blicke des jungen Mannes schweiften über die anmuthige Landschaft . „ Sieh , Nelly , “ sagte er , „ das Alles , soweit Dein Auge reicht , war einmal unser . “ „ Auch die Papiermühle ? “ fragte die Kleine und deutete hinüber zu dem schiefergedeckten Giebel derselben . „ Die Mühle selbst nicht , aber ein