sich der » Prinz « , der kein andrer war als Prinz Louis , bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisierung , zum Adjutanten erbeten hatte . Neugierig , woher er komme , stürmte man mit Fragen auf ihn ein , aber erst als er sich in dem Ledersofa zurechtgerückt hatte , gab er Antwort auf all das , was man ihn fragte . » Woher ich komme ? Warum ich bei den Carayons geschwänzt habe ? Nun , weil ich in Französisch-Buchholz nachsehen wollte , ob die Störche schon wieder da sind , ob der Kuckuck schon wieder schreit und ob die Schulmeisterstochter noch so lange flachsblonde Flechten hat wie voriges Jahr . Ein reizendes Kind . Ich lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen , und wir steigen dann in den Turm hinauf , weil ich eine Passion für alte Glockeninschriften habe . Sie glauben gar nicht , was sich in solchem Turme alles entziffern läßt . Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden . « » Und eine Blondine , sagten Sie . Dann freilich erklärt sich alles . Denn neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht bestehn . Und nicht einmal die schöne Mama , die schön ist , aber doch am Ende brünett . Und blond geht immer vor schwarz . « » Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben « , fuhr Nostitz fort . » Es hängt doch alles noch von Nebenumständen ab , die hier freilich ebenfalls zugunsten meiner Freundin sprechen . Die schöne Mama , wie Sie sie nennen , wird siebenunddreißig , bei welcher Addition ich wahrscheinlich galant genug bin , ihr ihre vier Ehejahre halb statt doppelt zu rechnen . Aber das ist Schachs Sache , der über kurz oder lang in der Lage sein wird , ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu befragen . « » Wie das ? « fragte Bülow . » Wie das ? « wiederholte Nostitz . » Was doch die Gelehrten , und wenn es gelehrte Militärs wären , für schlechte Beobachter sind . Ist Ihnen denn das Verhältnis zwischen beiden entgangen ? Ein ziemlich vorgeschrittenes , glaub ich . C ' est le premier pas , qui coûte ... « » Sie drücken sich etwas dunkel aus , Nostitz . « » Sonst nicht gerade mein Fehler . « » Ich meinerseits glaube Sie zu verstehn , « unterbrach Alvensleben . » Aber Sie täuschen sich , Nostitz , wenn Sie daraus auf eine Partie schließen . Schach ist eine sehr eigenartige Natur , die , was man auch an ihr aussetzen mag , wenigstens manche psychologische Probleme stellt . Ich habe beispielsweise keinen Menschen kennengelernt , bei dem alles so ganz und gar auf das Ästhetische zurückzuführen wäre , womit es vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht , daß er überspannte Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat . Wenigstens von einer Ehe , wie er sie zu schließen wünscht . Und so bin ich denn wie von meinem Leben überzeugt , er wird niemals eine Witwe heiraten , auch die schönste nicht . Könnt aber hierüber noch irgendein Zweifel sein , so würd ihn ein Umstand beseitigen , und dieser eine Umstand heißt : › Victoire ‹ . « » Wie das ? « » Wie schon so mancher Heiratsplan an einer unrepräsentablen Mutter gescheitert ist , so würd er hier an einer unrepräsentablen Tochter scheitern . Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu geniert und erschrickt vor dem Gedanken , seine Normalität , wenn ich mich so ausdrücken darf , mit ihrer Unnormalität in irgendwelche Verbindung gebracht zu sehen . Er ist krankhaft abhängig , abhängig bis zur Schwäche , von dem Urteile der Menschen , speziell seiner Standesgenossen , und würde sich jederzeit außerstande fühlen , irgendeiner Prinzessin oder auch nur einer hochgestellten Dame Victoiren als seine Tochter vorzustellen . « » Möglich . Aber dergleichen läßt sich vermeiden . « » Doch schwer . Sie zurückzusetzen oder ganz einfach als Aschenbrödel zu behandeln , das widerstreitet seinem feinen Sinn , dazu hat er das Herz zu sehr auf dem rechten Fleck . Auch würde Frau von Carayon das einfach nicht dulden . Denn so gewiß sie Schach liebt , so gewiß liebt sie Victoire , ja , sie liebt diese noch um ein gut Teil mehr . Es ist ein absolut ideales Verhältnis zwischen Mutter und Tochter , und gerade dies Verhältnis ist es , was mir das Haus so wert gemacht hat und noch macht . « » Also begraben wir die Partie « , sagte Bülow . » Mir persönlich zu besondrer Genugtuung und Freude , denn ich schwärme für diese Frau . Sie hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen , und selbst ihre Schwächen sind reizend und liebenswürdig . Und daneben dieser Schach ! Er mag seine Meriten haben , meinetwegen , aber mir ist er nichts als ein Pedant und Wichtigtuer und zugleich die Verkörperung jener preußischen Beschränktheit , die nur drei Glaubensartikel hat – erstes Hauptstück : › Die Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas als der preußische Staat auf den Schultern der preußischen Armee ‹ , zweites Hauptstück : › Der preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich ‹ , und drittens und letztens : › Eine Schlacht ist nie verloren , solange das Regiment Garde du Corps nicht angegriffen hat . ‹ Oder natürlich auch das Regiment Gensdarmes . Denn sie sind Geschwister , Zwillingsbrüder . Ich verabscheue solche Redensarten , und der Tag ist nahe , wo die Welt die Hohlheit solcher Rodomontaden erkennen wird . « » Und doch unterschätzen Sie Schach . Er ist immerhin einer unserer Besten . « » Um so schlimmer . « » Einer unsrer Besten , sag ich , und wirklich ein Guter . Er spielt nicht bloß den Ritterlichen , er ist es auch . Natürlich auf seine Weise . Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske . « » Alvensleben hat recht