darauf starrte er mit brennenden Augen an . Warum bin ich nicht seinesgleichen , dachte er ingrimmig , und hab ' eine Fahne , der ich folgen , für die ich leben und sterben kann ? Jeden Kongoneger beneide ich um seinen Götzen ! Die Gräfin grämte sich um ihn und scheute sich doch , durch ein unvorsichtiges Wort das leicht verletzbare Gemüt noch tiefer zu verwunden . Nur zuletzt vor seiner Abreise zog sie ihn in ihr Zimmer - einen dunkel getäfelten Raum mit schweren alten Renaissancemöbeln und großen rotsamtenen Stühlen , wie Sitze für Könige oder Condottieri - und er träumte wieder zu ihren Füßen wie einst , wenn sie dem atemlos Horchenden von der fernen sonnigen Heimat und dem stolzen alten Palazzo der Savelli erzählte . » Was fehlt dir , Konrad ? Sag ' mir , was ist ' s ? « frug sie ihn . » Nichts - nichts ! « und er wich ihren forschenden Augen aus . » Du bist der Alte nicht mehr ! « Ein hartes » Nein « kam von seinen Lippen , und er sprang auf . » Da draußen , Großmutter , zieht man uns eine Haut nach der anderen ab , bis es auf unserem Körper keine Stelle mehr gibt , die nicht jeder Luftzug mit Messerschärfe schmerzhaft träfe . « Und er ging mit großen Schritten hinaus , ohne eine Antwort abzuwarten . Als die alten Füchse das drittemal den schaukelnden Landauer mit dem jungen Gebieter darin den Schloßberg aufwärts zogen , stand die grade Falte tief eingemeißelt wie eine Narbe zwischen seinen Brauen . Die Großmutter war krank . Sehr weiß , sehr durchsichtig saß sie tagaus , tagein in ihrem roten hohen Sessel ; sie war stets in ganz weiche , spinnwebdünne , schneeige Wollentücher gewickelt und leuchtete vor den finsteren Wänden und schwarzen Schränken , wie der irrende Schatten einer Ahnfrau nächtlicherweile in den dunklen Gängen alter Schlösser leuchten mochte . Aber ihr Geist lebte das intensivste Leben . Sie sprach nur noch in knappen Worten , als hätte sie zu langen Sätzen keine Zeit mehr . » Wir haben viel zu tun miteinander , « sagte sie ihrem Enkel statt jeder zärtlichen Begrüßung . Sie ließ ihm kaum Zeit , sich umzukleiden . Dann saß er stunden- und tagelang vor ihr an dem großen , mit Papieren voll endloser Zahlenreihen bedeckten Eichentisch und hörte mit einem Staunen , das sich immer mehr zur Bewunderung steigerte , von der Arbeit ihres Lebens . Aus tiefster Zerrüttung hatte diese schöne Frau mit den weißen Händen , von der er , wenn sie in ihren Gemächern verborgen geblieben war , nichts anderes geglaubt hatte , als daß sie sich in ihre geliebten Dichter vergrub oder ihren Körper pflegte , der nie eine Altersspur verriet , den großen Besitz der Hochseß zu neuer , ungeahnter Blüte emporgeführt . Dokumente um Dokumente legte sie dem Enkel vor und erklärte sie mit sachlicher Kühle . Ein sarkastisches Lächeln kräuselte nur einmal ihre Lippen , als auf die regelmäßigen Auszahlungen an die Tanten die Rede kam . Sie blieben stets gleich niedrig trotz des wachsenden Reichtums . » Natalie und Elise Hochseß « , sagte sie , » hüten seit fünf Jahrzehnten die hohen Traditionen dieses Hauses . Sie haben niemals ihre Kleider , niemals ihre Zimmer , niemals ihre Gesinnungen geändert . Sie werden dir die Wäscheschränke des Schlosses , die ich ihrer Verwaltung überließ , in tadelloser Ordnung , mit stets erneuten Häkelspitzen geschmückt , übergeben . Sie haben auch bereits , um dir alle Mühe zu sparen , in der kleinen Hilde Rothausen die Schloßfrau für dich ausgesucht . Sie werden sich zu ihren Vätern versammeln ohne einen Flecken auf ihrer jungfräulichen Ehre , ohne eine Narbe auf ihren Herzen . Auch ohne eine Schwiele , die von harter Ackerarbeit zeugte , an ihren Händen . Von dem , was ich geschaffen habe , ich , der sie jedes Kleid heimlich als einen Raub an der Familie Hochseß nachrechneten , wissen sie nichts - brauchen sie nichts zu wissen . « Konrad nickte nur . Seit seiner Kindheit hatte ihn nichts so sehr entsetzt wie die Fledermäuse , die abends lautlos den Turm umkreisten und , wenn der Vollmond hell am Himmel stand , große schwarze Schatten warfen . In seinen Träumen vermischte sich das Bild der Nachtgeschöpfe mit dem der Tanten . Er spielte nie mit den Geschenken , die von ihnen kamen . Und so verstand er die Großmutter nicht nur , er dankte ihr für ihr Verständnis . Während seines Aufenthaltes erholte sich die Gräfin Savelli zusehends . Sie erschien wieder wie einst auf der Terrasse unter den Lorbeerbäumen . Noch um einiges dürrer geworden und noch steifer im Rückgrat saßen die Tanten am Teetisch , die schmalen Lippen fest zusammengekniffen , - ein lebendiger Vorwurf . Von der Einweihung Konrads in die Geschäfte des Hauses hatte man ihnen weder eine Mitteilung gemacht , noch waren sie , wie es Familienrücksicht geboten hätte , zugezogen worden . Der alte Schulmeister , der auf dem Schlosse das Gnadenbrot aß , erfuhr von dem Ereignis durch Konrads harmlose Bemerkungen und erzählte es ihnen . Er war ein guter lutherischer Christ und hatte sich seit seines Zöglings Fortzug den Fräuleins von Hochseß , die allsonntäglich in der Dorfkirche saßen und jeden Karfreitag pünktlich zum Abendmahl gingen , auch nicht versäumten , täglich in ihrem Wohnzimmer mit den blank gescheuerten Dielen und der sehr bunten Kopie der Sixtina an der Wand eine Andacht zu lesen , mehr und mehr angeschlossen und saß auch jetzt mit der Wahrung respektvollen Abstandes zwischen ihnen . » Es ist Ihnen , Frau Gräfin , als einer Ausländerin , wohl unbekannt geblieben , « begann Natalie spitz , » daß es der Tradition fränkischer Adelsgeschlechter widerspricht , einen Knaben von achtzehn Jahren in die Geschäfte einzuführen . « » Noch dazu ohne Beisein der Schwestern seines in Gott ruhenden Vaters , «