Semmel , alles schien das Leben gerade da wieder anzuknüpfen , wo sie es vor Jahren verlassen hatte , und mechanisch wie früher stand Fastrade von ihrem Stuhle auf , um sich vor den Samowar zu stellen und den Tee zu machen . Die Baronesse erzählte unterdessen , erzählte geläufig und klagend von all dem Traurigen , das sich in den Jahren ereignet hatte . Nach dem Essen mußte Fastrade zu ihrem Vater gehen und vorlesen , sonst war es die Baronesse , die dort im Schlafzimmer die Memoiren des Herzogs de Saint Simon vortrug , bis er eingeschlafen war . Fastrade fand ihren Vater im Bette liegend mit geschlossenen Augen , er öffnete die Augen auch nicht , als sie eintrat , und murmelte nur ein leises » so , so « . Als sie sich jedoch an den Tisch mit der grünverhangenen Lampe setzte und das Buch zur Hand nahm , hörte sie die Stimme ihres Vaters klar und in dem früher gewohnten , belehrenden Tonfall das Wort Pflichtenkreis sagen . Sie las nun . Im Hause war es ganz still geworden , vom Bett her klang das schwere und mühsame Atmen des alten Mannes herüber , und all das war so furchtbar bedrückend , daß Fastrade es hörte , wie ihre eigene Stimme zuweilen zitterte und fast versagte , während sie die langwierige Geschichte von dem Streit der französischen Herzöge um den Vortritt vortrug . Endlich öffnete Christoph leise die Tür und machte ein Zeichen , daß es genug sei . Als die Baronesse Fastrade in ihr Zimmer führte , weinte sie wieder und sagte : » Kind , nach all diesen Jahren werde ich zum ersten Male wieder mich glücklich zu Bett legen . « Als sie allein war , blieb Fastrade mitten in ihrem Zimmer stehen und ließ die Arme schlaff herabhängen . Eine dunkele Traurigkeit machte sie todmüde . All das still zu Ende gehende Leben um sie her schwächte auch ihr Blut , nahm ihr die Kraft weiterzuleben ; » wir sitzen still und warten , bis eines nach dem anderen abbröckelt « , klang es wie eine leise Klage in ihr Ohr , und dann bäumte sich etwas in ihr auf , sie hätte die Traurigkeit von sich abreißen mögen wie ein lästiges Kleid . Schnell ging sie zum Fenster , öffnete die schweren Fensterläden , stieß das Fenster auf und schaute in den Garten hinab . Im Scheine großer , unruhig flimmernder Sterne lag die Winternacht da , weiß und schweigend , die Luft schlug ihr feucht und kalt entgegen , Bäume ragten wie große weiße Federn gegen den Nachthimmel auf , und an ihnen vorüber konnte Fastrade in eine Ferne sehen , die von einer weißen Dämmerung verschleiert unendlich schien . Hier war Raum , hier konnte sie atmen , hier in der Kühle schlief das große , starke Leben , zu dem sie gehörte . Und wie sie so hinausschaute in all das Weiße , mußte sie an das Krankenhaus denken mit den langen , weißen Korridoren , den weißen Türen , hinter denen das Leiden und die Schmerzen wohnten , aber die Leiden und der Schmerz dort waren etwas wie eine berechtigte Einrichtung , man diente ihnen , man lebte für sie , und auch das Mitleid war eine Einrichtung , man trug es leicht wie an einer Gewohnheit und stand nicht hilflos davor wie hier als vor einer großen Qual . Wenn sie dort aus den Krankenstuben kam , fand sie draußen in den Korridoren geschäftiges Leben , eilige Ärzte in weißen Kitteln rannten an ihr vorüber , man rief sich etwas Heiteres zu , man lachte und man fühlte sich tapfer und nützlich in diesem frischen , fast munteren Kampfe gegen die Feinde des Lebens . Fastrade fror , aber sie empfand wieder , daß sie warmes junges Blut in ihren Adern hatte , empfand die Kraft ihres Körpers , und sie fühlte ihr Leben wieder als etwas , auf das sie sich trotz allem freuen durfte . Schnell schloß sie das Fenster , jetzt wollte sie schlafen . Viertes Kapitel Es war noch ganz finster , als Fastrade erwachte . Es mußte Zeit sein , die Nachtwache abzulösen , dachte sie und setzte sich im Bette auf , aber als sie hinaushorchte , herrschte draußen tiefes Schweigen , statt des Ab- und Zugehens leiser Schritte , das im Krankenhause nie verstummte . Da erinnerte sie sich , sie war zu Hause . Sie lehnte sich wieder in die Kissen zurück , hob die Arme empor , faltete die Hände über dem Scheitel und starrte in die Finsternis hinein . Anfangs war es ein Gefühl starken Wohlbehagens , liegen bleiben , schlafen zu dürfen , wie oft hatte sie sich im Krankenhause das gewünscht , allein der Schlaf kam nicht , und die Bilder von gestern abend stiegen wieder auf , das bleiche Gesicht ihres Vaters , die schmale , schwarze Gestalt der Tante Arabella , wie sie mitten in dem großen Saale stand und hilflos weinte . Sie fuhr auf , nein , diese schmerzhafte Hoffnungslosigkeit , die sie gestern abend krank gemacht , sollte nicht wieder über sie kommen . Sie zündete die Kerze an und begann sich anzukleiden . Das erfrischte sie ; sie dachte an Kinderzeiten , wenn die kleine Fastrade es vergessen hatte , den französischen Aufsatz zu machen , und sich frierend am Wintermorgen bei Kerzenschein ankleidete , während alles um sie her noch schlief . Draußen in der langen Zimmerflucht herrschte noch Finsternis . Ab und zu ging eine Magd mit lautlosen Schritten , ein Lichtstümpfchen in einem Leuchter in der Hand , und die kleine Flamme ließ große Schatten die Wände entlang irren . Vor den mächtigen Kachelöfen hockten graue Gestalten , schichteten Holz in das Ofenloch , zündeten es an , und die feuchten Scheite begannen laut und ärgerlich zu prasseln . Verwundert und fast ängstlich wie auf ein Gespenst schauten die Mägde Fastrade an , als