haben uns doch schon früher - ja , nein - Pardon , damals kannte ich Sie ja noch gar nicht . Leben Sie wohl - es ist spät , und wenn ich noch weiterschreibe , könnte ich vielleicht zu indiskret werden . 6 Dankend quittiert , cher ami . Ihre Niederträchtigkeiten sind mir viel lieber als Ihre sentimentalen Anwandlungen . Lassen wir Frau N ... begraben sein , wenn Sie es verschmerzen können . Und mein Ruf ... nein , wissen Sie - in diesem Punkt muß ich Sie doch wohl etwas enttäuschen . Ich stehe gar nicht so sehr über diesen Dingen , wie Sie meinen . Manchmal finde ich es verzweifelt unbequem , einen schlechten Ruf zu haben . Wäre ich noch einmal achtzehn Jahre alt , so würde ich die Sache anders angreifen , mich entweder ganz in die Tiefe begeben oder darauf schauen , gesellschaftlich durchaus oben zu bleiben . Der Mittelweg ist in diesem Fall an Freuden vielleicht reicher , aber jedenfalls bei weitem der unbequemste . Die Leute wissen so oft nicht , für was sie einen nehmen sollen . Und der schlechte Ruf verpflichtet . Man kann sich so vieles nicht leisten , was eine unbescholtene Frau ruhig tun darf . Jedes männliche Wesen , mit dem man über die Straße oder ins Restaurant geht , wird einem aufgerechnet . Sind es zufällig vier oder fünf an einem Tag , so werden alle vier oder fünf gebucht . Folglich ist es peinlich , wenn man mit einem alten Professor oder mit drei grünen Jungen gesehen wird , oder wenn ein Jugendfreund in Velvethosen uns anspricht . Man dürfte sich nur mit solchen sehen lassen , die einem stehen oder die man sich gerne nachsagen läßt . Bedenken Sie nur , wie viele Schwierigkeiten sich daraus ergeben und was für komplizierte Schiebungen manchmal notwendig sind . Es gab eine Zeit - zu meinem Leidwesen muß ich es erwähnen - wo ich mich in einer solchen Lebensekstase , in einem so fortgesetzten Herzenstumult befand , daß ich wenig oder gar keinen Blick für dergleichen Äußerlichkeiten hatte . Es wird mir in der Erinnerung wirklich schwer , mich da hineinzudenken , aber ich weiß es als historische Tatsache . Und dazumal habe ich wohl mein Renommee schon so übel zugerichtet , daß es sich nie wieder ganz erholt hat . Das war dumm , ungeheuer dumm , und ich würde heute jedem blutjungen Mädel , das leben und kompromittieren verwechselt , aufs dringendste raten , seinen Ruf zu wahren , bis es in dieser oder jener Welt - ich meine in Lebekreisen oder in der Gesellschaft - eine feste Position hat . Die Ausnahmestellung zwischen beiden Welten ist vom Übel , außer wenn sie ungemein glänzend finanziert ist . Und Sie ? - fragt mein Freund , der Doktor . - Cher ami , Anwesende sind immer ausgenommen . Ich weiß in jeder Blüte den Honig zu finden und lasse das Gift wohlweislich darin . So habe ich auch gar keine Neigung , unter diesen Kalamitäten zu leiden , sie sind mir höchstens lästig und machen mich gelegentlich nervös . Nehmen wir an , ich kenne einen wirklich reizenden Menschen , mit dem ich mich sehr gerne unterhalte , aber er trägt Künstlerhüte oder einen unmöglichen Kragen - läßt es sich auch nicht abgewöhnen , denn er befindet sich ganz wohl dabei . Es würde mir sicher Vergnügen machen , einen Abend mit ihm zusammen im Cafe zu sitzen - mein Ruf verbietet es mir . Der Schlapphut würde sofort zu meinen Intimen gerechnet , und das lasse ich nicht gerne auf mir sitzen . Auch wenn es ein noch so wertvoller Mensch ist , lieber Doktor . In M ... gab es in alten Zeiten ein verschwiegenes und entlegenes Weinrestaurant , das ich zu solchen Zwecken kultivierte . Ich will Ihnen die Adresse gern verraten und auch , daß ich manche meiner männlichen Bekannten dort getroffen habe - wenn sie mit der Toilette oder der sozialen Rangstufe ihrer Begleiterinnen nicht ganz einverstanden waren . Man wechselte dann einen stummen Blick , verstand und ignorierte sich . Und die , mit denen ich hinging , pflegten sich über meine Vorliebe für dieses mesquine Lokal zu wundern . Eben diese Leute , die keinen Wert auf ihr Äußeres legen , gehen mit Vorliebe in elegante Restaurants , um zu zeigen , daß auch sie zu leben verstehen . Oder man muß in solchem Fall den bösen Schein durch irgendeinen starken Gegensatz korrigieren . Erinnern Sie sich noch an den deprimierten Jüngling , den ich mir vergangenes Jahr an die Sohlen geheftet hatte , wie Sie so hübsch zu sagen pflegten ? Er war zum Verzagen langweilig , aber unwiderstehlich , absolut unwiderstehlich elegant . Als ich ihn gerade kennengelernt hatte und noch nicht unterzubringen wußte , fanden Lily - Ihre Lily - und ich zufällig ein Inserat in der Zeitung , das uns frappierte . Es lautete : Elegante Begleitdogge zu verkaufen - oder zu kaufen gesucht , das weiß ich nicht mehr . Nach diesem Inserat wurde der Jüngling dann benannt und eingereiht . Bei mir war gerade saison morte , ich hatte eine Herzensangelegenheit , die mich sehr in Anspruch nahm und in jeder Beziehung ganz nach Wunsch war , bis auf eine pathologische Vorliebe für farbenfrohe Krawatten . Ich machte es mir zur Lebensaufgabe , ihn davon zu heilen . Wie oft , ach , wie oft saßen wir stundenlang im Laden und ließen uns Krawatten , immer nur Krawatten vorlegen . Ich bot all meinen Einfluß auf , aber selbst wenn nach schwerem Kampf eine annähernd glückliche Wahl zustande gekommen war , so entdeckte er sicher im letzten Moment noch irgendein furchtbares Blau , Gelb oder Violett , das er durchaus haben mußte . Ich habe ihn wirklich geliebt , aber die farbenfrohen Krawatten kosteten mich meine Seelenruhe . Auf die Länge war es geradezu aufreibend . Meine einzige Erholung war die elegante