absolut gerecht und absolut human , sein Handeln ebenso . Aber wie er zu mir stand , das war noch schlimmer und noch niederdrückender , als wenn er mein Feind gewesen wäre . Ich war nämlich für ihn gar nicht vorhanden . Er übersah mich vollständig . Warum ? Weil er mich seit dem Tage , an welchem der Vater und die Schwester meines Winnetou ermordet worden waren , als ihren eigentlichen Mörder betrachtete . Sie war aus eigenem Wunsch und auf Wunsch ihres ganzen Stammes zu meiner Frau bestimmt gewesen , ich aber hatte sie abgewiesen . Sie hieß Nscho-tschi , und sie trug diesen Namen mit Recht . Nscho-tschi heißt auf deutsch » Schöner Tag « , und als sie starb , ging eine helltagende , schöne Hoffnung der Apatschen mit ihr aus dem Leben , besonders eine liebe , große Hoffnung des alten Medizinmannes Tatellah-Satah . Sie war für ihn die schönste und beste Tochter sämtlicher Apatschenstämme , und er behauptete , daß sie damals nicht erschossen worden wäre , wenn ich mich nicht abweisend , sondern entgegenkommend verhalten hätte . Ich gab dies zwar unumwunden zu , fühlte mich aber von jedem Selbstvorwurf so vollständig frei , als ob die liebe , aufopferungsvolle Freundin heut noch lebte . Sie hatte nach dem Osten gewollt , um sich eine höhere Bildung anzueignen , und war unterwegs mit Intschu tschuna , ihrem Vater , erschossen worden , um beraubt zu werden . Nie war es Winnetou , ihrem Bruder , eingefallen , deshalb , weil sie diese Reise meinetwegen unternommen hatte , auch nur den Schatten einer Anklage gegen mich zu richten ; Tatellah-Satah aber hatte mich dafür aus seinem Buch , aus seinem Leben und aus allen seinen Berechnungen gestrichen , und zwar für immer und ewig , wie es schien . Er wohnte seit Menschengedenken in größter Einsamkeit hoch oben im Gebirge . Nur Häuptlinge durften sich ihm nahen , und auch das so selten wie möglich . Es mußte sich um Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit handeln , ehe jemand die Erlaubnis bekam , zu ihm emporzusteigen . Nur Winnetou , sein ganz besonderer Liebling , durfte kommen , so oft es ihm beliebte . Ihm wurde jeder Wunsch erfüllt , dessen Erfüllung überhaupt möglich war , aber nur der eine nicht , den er oft vergebens äußerte , nämlich der , mich einmal mitbringen zu dürfen . Und nun jetzt , nach so langer Zeit , auf einmal diese dringende Einladung ! Das konnte nur sehr ernste und sehr gewichtige Gründe haben , Gründe , die keine gewöhnlichen und alltäglichen Ziele verfolgten , sondern sich auf Besseres und Wertvolleres bezogen , als ich jetzt , da ich seinen Brief soeben erst erhalten hatte , schon zu durchschauen vermochte . Aber es stand nun fest , daß ich hinüberging und daß ich zur rechten Zeit auf dem Nugget-tsil eintreffen würde , um die mir bezeichnete Blaufichte zu mir sprechen zu lassen . Und ebenso bestimmt war es , daß das Herzle mich begleitete . Als sie das hörte , jubelte sie nicht etwa auf , sondern sie zeigte mir ganz im Gegenteile ihr ernsthaftestes Gesicht . Sie dachte an die Anstrengungen einer solchen Reise und an die Gefahren eines solchen Rittes durch den Westen . Denn daß die von nah und fern herbeieilenden vielen Häuptlinge sich nicht der Eisenbahn bedienen würden , verstand sich ganz von selbst ; das war überhaupt schon durch die Heimlichkeit , mit der Alles zu geschehen hatte , ausgeschlossen . Aber sie dachte , indem sie von diesen Anstrengungen und Gefahren sprach , nicht an sich selbst , sondern nur an mich . Es gelang mir jedoch sehr leicht , sie zu überzeugen , daß man jetzt zwar noch von einem » Westen « , aber schon längst nicht mehr von einem » wilden Westen « sprechen könne und daß ein solcher Ritt für mich nur eine Erholung , nicht aber eine Beschwerde sei . Was sie selbst betrifft , so war sie gesund , mutig , geschickt , ausdauernd und frugal genug , um mich begleiten zu können . Sie beherrschte die englische Sprache , und sie hatte durch das fleißige Zusammenstudieren und Zusammenarbeiten mit mir sich so ganz nebenbei auch eine Menge indianischer Worte und Redensarten angeeignet , die ihr zustatten kommen mußten . Auch was das Reiten betrifft , so war ihr unser letzter längerer Aufenthalt im Orient eine gute Lehrzeit gewesen . Sie hatte sich da ganz geschickt benommen und nicht nur Pferde , sondern auch Kamele gut zu behandeln gelernt . Und wie stets und überall , so zeigte sie sich auch hier als klug berechnende , wirtschaftlich vorausschauende Hausfrau . Ich hatte von einigen amerikanischen Verlagsbuchhändlern Offerten erhalten , die sich auf die Herausgabe meiner Werke in englischer Sprache für da drüben bezogen . Diese Herren sollte ich , so meinte das Herzle , bei dieser Gelegenheit persönlich aufsuchen , um , falls sie auf meine Bedingungen eingingen , mit ihnen bequemer abschließen zu können , als es aus der Ferne und brieflich möglich war . Um die Deckelbilder vorzeigen zu können , machte sie sich von den Originalen derselben photographische Kopien im Großformat , die ihr sehr gut gelangen , denn das Herzle versteht das Photographieren viel , viel besser als ich . Am besten gelang ihr der Sascha Schneidersche zum Himmel aufstrebende Winnetou . Von demselben Künstler besitze ich auch zwei prächtige , ergreifende Porträts von Abu Kital , dem Gewaltmenschen , und Marah Durimeh , der Menschheitsseele . Auch diese beiden , die für die nächsten Bände bestimmt sind , wurden photographiert , um mitgenommen zu werden , und zwar nicht auf Karton , sondern unaufgezogen , also so dünn , daß sie im Koffer fast gar keinen Raum einnahmen und zusammengerollt oder zusammengebrochen in die Rocktasche gesteckt werden konnten . Ich bitte , auch diese rein geschäftlichen Bemerkungen nicht für langweilig oder gar für überflüssig zu halten . Man wird im