melancholischen Antlitzes . Während aber mein Vater versonnen und sehnsüchtig aussah , beseelte den Oheim eine wilde Unrast . Grau und verwittert seine Haut , wie Fichtenrinde , struppig der große Bart , keuchend sein Odem . Die Augen lagen in tiefen Höhlen unter buschigen Brauen und glommen düster . Wie wir so auf der Gasse stunden , nur trübe von der Wagenlaterne beleuchtet , stumm und bewegten Herzens , da ja diese Stadt unser neues Vaterland sein sollte , war mir seltsam zumute . Hörete die Mutter heimlich weinen , den Vater aber mit gefalteten Händen die Worte sprechen : » Arm zages Pilgramherze , Irrst lange schon im Dunkeln . Da siehst du eine Kerze Durch Nacht und Nebel funkeln . Gewiß , wer die entzündet Dem Irrenden zur Hut , Hat also ihm verkündet : Komm her , ich bin dir gut ; In meiner treuen Klause Sei endlich nun zu Hause . « Du lieber Boberfluß , dein Murmeln tönet hold durch mein Gedenken , so ich des Nachts im Kämmerlein die zurückgelegte Lebensreise betrachte . Dann seh ich frischgemut wie in den Knabentagen deine Wellen an der Sonne blinken und über moosige Felsen hüpfen , vorbei an Stauden und Gebüsch , an Häusern und Gartenmauern . Aus einem finstern Walde bei Schatzlar kommst du her , wo vorzeiten eine Glashütte gestanden . Zwingest und windest dich schäumend durch die Berge bis zu meinem guten Hirschberg , dessen Stadtmauern du gen Mitternacht berührest , um dicht dabei den Zackenfluß zu verschlucken . Als ich mit meinen Eltern nach Hirschberg gezogen kam , war die Stadt noch schön gebaut und volkreich , hatte gedoppelte Mauern , Brustwehre , Schanzen und Gräben , drei starke runde Tortürme und andere Fortifikationen . War bewohnt von Ackerbürgern , Kaufleuten , Handwerkern , insonderheit Webern . Die lebten ein lustig Leben , liebten wackern Schmaus und Trunk , Gesang und Tanz . Zogen Feiertags vor die Tore zum dörfischen Kretscham , hatten viel Freude am Armbrustschießen und küreten jährlich einen Schützenkönig , so am besten den Vogel auf der Stange getroffen . Waren dabei gar betriebsam und kunstfertig . Das Weibesvolk wirkte Borten und Schleier , die weithin nach Polonien und Böheim , sogar nach Reußenland zu den Moskowitern verführet wurden . Vor der Stadtmauer auf den Uferwiesen des Zacken und Bober lagen die schlohweißen Gewebe hingebreitet , ähnlich Schneeresten im Märzen . Schwatzende Mägde schritten barfüßig über den Rasen , aus gesiebten Kannen Wasser auf die Bleiche zu gießen . Das Hirschbergische Leben behagte uns allen weidlich . Gern war der Vater im neuen Amte , die Mutter erfreute sich eines reicheren Haushaltes , und ich empfing mit aufgeschlossenen Sinnen all das Neue und Wunderschöne der Gebirgslandschaft . Vernachlässigte dabei die Studia mit nichten . Nachdem ich allbereits zu Magdeburg » amo , amas , amat « gelernt hatte , drang ich jetzo unter Vaters Leitung in der Grammaticae tiefere Gründe ein und galt als ein tüchtiger Scholar . Die Stunden meiner Muße verbrachte ich gern einsam vor den Stadttoren . Ging abends etwa auf den Hausberg , wo vorzeiten ein fest Gehäus gestanden , vom Herzog Boleslao erbaut , von den Hussiten aber in Asche gelegt , daß nunmehr bloß etliche Mauerfragmenta aus dem Busche ragen . Hier bin ich oft gesessen , in ein Buch vertieft , zum Exempel in die Beschreibung Schlesiens durch Caspar Schwenkfeld . Meditierete dann über die wunderlichen Abenteuer , so dieser Autor vom verrufenen Rübenzagel berichtet . Wie einmal mein Vater mit mir auf den Hausberg gegangen ist , habe ich den Blick auf die blaue Schneekoppe geheftet und nach einer Weile gesprochen : » Sage mir , lieber Vater , was vermeinest du über den Rübenzagel ? Mag wohl etliche Wahrheit in diesem Glauben an den Geist der Berge sein ? « Zur Antwort gab mein Vater : » Was gemeiniglich in Spinnstuben und Schenken vom Rübenzagel laut wird , sind Fabulae . Gleichwohl gibt es einen Geist der Berge . Denn versenkest du dein Schauen in die Art unseres Gebirges , so spürest du darin eine eigne Lebendigkeit . Sie ist ein Teil des göttlichen Odems , der die ganze Welt durchflutet , und ohne dessen Spiritum kein Erdending bestehen mag - das Wasser nicht ohne Undinen , der Fels nicht ohne Kobolde , und kein Elementum ohne seine Elementargeister . Drum gebe ich Unrecht gleichermaßen denen , so den Rübenzagel für eitel Aberglauben halten , als auch jenen anderen , so ihn für eine teuflische Riesengestalt ausgeben . Es lebt der Herr der Berge und ist ein Geist , aber nur im Gemüt spürest du ihn . Er ist groß und gütig , freilich auch rauh und wetterwendisch , wie halt unseres Gebirges Art. « Mich freute solcher Bescheid . » So ist also der Rübenzagel kein Teufel , und wir brauchen uns nicht vor ihm zu fürchten ? « » Nein , Johannes , das brauchen wir mitnichten . Der Teufel , den wir Menschen zu fürchten haben , hauset nicht in Wäldern und Gebirgen , sondern in uns selber , im menschlichen Herzen . « Derweilen uns das Gespräch in solch Meditieren einspann , regten sich raunend die Gebüsche im Winde , und es erlosch mählich das Abendrot ob den Tannenwipfeln . Auf dem Heimwege blieben wir noch ein Weilchen stehen bei der Quelle an des Hausbergs Fuße , das Mirakelbörnel benamset . Gedachten der alten Mär , dorten liege ein Schatz vergraben , den die Jungfer Praxedis bewache . Und in tiefer Dämmerung , wann Fledermäuse schattenhaft um uns huschten , und ein Nebel aufstieg , schien aus dem Dickicht die Jungfer im weißen Gewande mir zuzuwinken , daß ich den Schatz heben solle . Im zweiten Frühjahre unseres Hirschberger Aufenthaltes hat sich ein Omen begeben . Durch die Luft kamen grausam viel Heuschrecken geschwirrt , aus dem südlichen Reußenlande . Haben im Fluge die Sonne verdunkelt , und wo sie niederfielen , ward der Boden ein