solle alle Welt in diesen Käfig kriechen . Ihr habt Euerm innern und äußern Menschen ein Kleid zugeschnitten , und alle Welt soll nun hineinkriechen , es mag ihr zu eng oder zu weit sein . Erinnere Dich , Freund , daß ich Dich nie Deines Systems halber getadelt habe , wenn auch das System nicht das meine ist - ich bin ein Mann der Freiheit , und sitze zur Seite ihres holden Töchterleins mit den lieben , klaren Augen , der Toleranz . Du sprichst aber despotische Worte , und klagst doch wunderlich genug uns Leute der leichteren Moral des Despotismus an . Du berufst Dich zuerst auf die demokratische Tendenz unserer Zeit , der wir huldigen , und verlangst Zurückdrängen des einzelnen , damit die Allgemeinheit gedeihe . Das hat seine vollkommene Richtigkeit , und es ist niemand so sehr dafür als ich - ich hasse wie Du den Egoismus des Staates in Bevorzugung einzelner . Aber Freund , Du siehst die Sache schielend an , und das Endziel aller Bestrebungen - die Freiheit - entgeht Dir . Die einzelnen sollen nicht bevorzugt , aber jeder einzelne soll frei werden . Damit dies nun aber auf eine der Allgemeinheit ersprießliche Weise geschehe , predigen wir als höchste Blüte der Bildung : Abstreifen jeder Art von Egoismus , Humanität . Das sind nicht Gegensätze , wie Du zeichnest , sondern Stufen . Die Freiheit widerspricht aber jede Art von Formel , sie betreffe Moral oder sonst etwas - erreichten wir selbst durch solche Formeln das allgemeine Wohl , so bezahlten wir dies doch mit dem allgemeinen Wohl , d.h. mit dem Wohle der einzelnen , die von außen her nur gezwungen lebten , und nur in trostloser Gleichgewichtstheorie den allgemeinen Fall vermieden . So werden die Menschen beklagenswerte Negationen , und die Haupttugend wird wie in manchem melancholischen Christentume die Unterlassung , die Demut . Es ist aber ein größeres Ziel unserer Richtung , die Menschen selbständig zu veredeln , und die Veredelten Selbstherrscher werden zu lassen . - Die Millionen Selbstherrscher sind das äußerste Ziel der Zivilisation . Dieses Ende verschließt Deine Autoritätstheorie für immer , Dein Schluß muß eine starre Monarchie sein , der meine ist die fröhlichste , ungebundenste Allherrschaft , wo jede Individualität gilt , weil jede in sich gesetzmäßig ist und in ihrer Veredlung das neben ihr wandelnde Gesetz nicht stört . Zu diesem Ziele ist das Zurückdrängen des Individuums Weg , - bei Dir aber leider Endpunkt . Darum tadle auch ich es , wenn Konstantin jetzt , wo die große Epoche , des Demokratismus erst beginnt , ihre Vollendung für sich antizipiert , und nur sein persönliches Wohlsein im Auge habend , Unheil anrichtet . Er betrügt seine Umgebungen , die noch auf einer tiefern Stufe der Entwicklung stehen und in anderer Münze Zahlung erwarten , als er gewähren will . Unsere Ansichten verhalten sich zueinander wie zur Vereinigung zusammenlaufende und in endlose Weite auseinandergehende Linien . Du willst die Menschheit zu einer willenlosen Masse , zu einem Punkte zusammendrängen , ich will sie aus dem engen Raume der Formel ausbreiten in das unendliche Gebiet des unermessenen inneren Menschen . Darum bist Du Monarchist , ich Republikaner und mehr denn dies . Ich weiß , daß tausend solche Opfer , wie Konstantin eins vorbereitet , fallen müssen , eh ' der Tag siegreich alles erhellt ; in der unsichern Beleuchtung des dämmernden Morgens stolpern die meisten - aber ich weiß auch , daß dieser einleitende Nachteil Eurer großen Sklaverei vorzuziehen ist , welche den Menschen der Menschheit opfert . Mir ist der Staat des einzelnen wegen da , Dir der einzelne des Staates wegen . Darin ruht der große Unterschied . Ich opfere einzelne für den künftigen allgemeinen Gewinn , Du opferst alle für eine regelmäßige Maschine . Das Individuum soll allerdings mit seiner Persönlichkeit zurücktreten , um die Allgemeinheit zu fördern , aber dies soll das Ergebnis der Bildung , der überzeugten Resignation sein , ein Akt der Freiheit , und so rettet das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer . Das Opfer wird aber von Tage zu Tage geringer , da die Zahl der selbständigen Individuen größer wird und am Ende keines dem andern mehr in den Weg tritt - so wird endlich der einzelne und die Allgemeinheit frei : Dein einzelner bleibt aber ewig Sklave . Darum tadle ich es nicht einmal , wenn sich das Individuum glänzend geltend macht , ich tadle es nur , wenn ein anderes darunter leidet . Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen Ansichten über die Poesie . Sie ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln . Wenn das Individuum selbständig werden soll , so muß es sich erst verschönern , geltend machen . Daß nun die neuere Poesie , an deren Spitze sich Heine gestellt , die einzelne Figur mit Vorliebe heraushebt , und spielend an ihr herumgleitend , erst tändelnd an ihr hinabgleitend , mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem Gedanken sich begräbt - das alles ist Dir ein Greuel . Du willst keine Figur , willst nur die aus ihr abgezogene Formel , willst Sentenzen , Sätze usw. Darum verstehst Du auch die poetische Naturanschauung Heines nicht - es ist eine streng demokratische : er läßt nichts unbeachtet liegen , was einmal da ist ; Ihr esoterischen Sublimritter habt aber ein gewisses Register poetischer Gegenstände . Es ist alles poetisch oder nichts - es kommt nur auf das Glas an , womit man ' s betrachtet . Euch ist es unerhört , daß ein Knabe im Gedicht » angeln und pfeifen « kann ; Ihr habt eine prüde Poesie . Natürlich könnt Ihr auch die kleinen poetischen Gemälde nicht verstehen , weil Ihr keine Bilder ohne Unterschrift wollt . Konsequent setzt Ihr auch die schönen Uhlandschen Balladen und Romanzen den breit erklärenden Schillerschen nach . Ich tu natürlich das Gegenteil . Daß das Gedicht mitten im Klange aufhören und darum