und grübelte : Sie sagt , der Schuft ist wie alle ! Allmächtiger Gott , was meint sie ? Hat er ihr zu allem übrigen noch das moralische Gefühl geraubt ? Ist sie auch schon verdorben ? Er sah Josy wieder und atmete auf : Sie ist so unschuldig - sie versteht nicht einmal , was der schuftige Patron angestellt hat ! Der Abschied war unsäglich traurig . Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die Messingtafel an der Glastür . Auf dem Namen » Doktor Georges Geyer , praktischer Arzt « funkelt gelb die Sonne . Neben Plattner steht Josy , wie immer in Schwarz , mit bleichem , schmalem Gesicht , mit ungeduldigen Augen , denn bis zum letzten Moment fürchtet sie einen jähen Zusammenstoß . » Adieu ! adieu ! « rufen die älteren Kinder . Den dreijährigen Uli , die einjährige Nina nimmt der Großvater mit ; das Mädchen ist mit ihnen voraus auf den Bahnhof , wird sie auch während der Eisenbahnfahrt versorgen . Rot vor Zorn deutet Plattner auf die sonnenglitzernde Namentafel . » Und das soll auch bleiben ? « » Ja , « macht Josy herausfordernd . » Aber ' s ist ja nicht wahr ! Er wohnt ja ganz wo anders ! « ruft Plattner . Ein Blick auf die Kinder macht ihn still . Er erschrickt . Fast hätten sie sich gezankt , harte Worte gesagt , hier an der Schwelle der Trennung . Auch Josefine besinnt sich . » Nein , so sollst du nicht gehen , Vater ! Wir kommen mit . Holt eure Hüte , Kinder . « Als sie gerüstet da standen , und Plattner sie stumm und trübe musterte , blitzte ihr ein plötzlicher Argwohn auf . » Ich trage keinen Schleier . Soll ich einen Schleier umbinden , Vater ? Du scheust dich vielleicht , mit mir so über die Straße zu gehen ? « » Komm , komm ! « sagte Plattner müde . » Aber du wirst angestarrt werden , Vater . Sie werden dich alle sehen wollen . Ich kenne diese grausame Neugier , « rief sie schneidend . Ohne zu antworten , ergriff Plattner das kleine Rösli an der Hand und ging mit ihm hinunter . In Josys Augen spielten grünliche Funken . Sie wollte ihren Hut wieder abnehmen . » Komm , komm , Mama ! Der Zug fährt weg ! « drängte Hermann . So kamen sie dann auf die Straße . Aber nur gleichgültige Worte wurden gewechselt , und ein gespannter argwöhnischer Zug wich nicht aus den Gesichtern . Erst als sie die Bahnhofshalle betraten , unter dem Kohlendampf und dem Pfeifen der Züge sich durch den Menschenstrom arbeiteten , schob sich Josefine an ihres Vaters Seite . » Aber das ist alles dummes Zeug , nicht wahr ? alles dummes Zeug . « Sie sprach hastig , sie überstürzte sich im Reden . » Ich habe dir noch nichts von meinen Plänen gesagt . Man muß natürlich Pläne machen . Mit dem dummen Zeug , dem Kummer und so weiter verliert man alle Zeit und Kraft . Und nun reist du fort ! O , wie schade ! Ich habe einen Plan , weißt du , einen Hauptplan - du schickst mir Laure Anaise , nicht wahr ? Und dann , wenn ich sehe , daß es geht , schreib ich dir . Du hilfst mir ja doch , gelt ? Ach , es ist eigentlich keine Minute zu verlieren , und nun haben wir diese drei Tage - O , schon einsteigen ? Kaum , daß ich die Kinder noch küssen kann ! « Noch aus dem Fenster rief Plattner seiner Tochter zu : » Das Türschild ist absolut unnötig , führt nur irre ! « Das letzte , was er sah , war ihr hartnäckiges Kopfschütteln . Dann kamen große , graue Dampfwolken und legten sich zwischen die Abschiednehmenden , und die geschwenkten Taschentücher wurden unsichtbar ... Josefine weinte viel auf dem Rückwege . Stumm und gedrückt gingen die Kinder neben ihr . Einmal blieb sie stehen : » Kinder , nun ist der liebe , liebe Großvater fort ! Aber wir danken es ihm tausend- , tausendmal , daß er zu uns gekommen ist . « » Tausendmal , « sagten die Kleinen mechanisch . Und den ganzen Nachmittag , während sie sich in der verödeten Wohnung bewegten , das nötigste besorgten , ohne fremde Hilfe , ward Josy nicht müde , den beiden von dem lieben Großvater zu erzählen , und daß man ihm tausendmal danken müsse . » Er hat uns aber nichts mitgebracht , « sagte Hermann blinzelnd . » Und Uli und Nina ? « fragte Röslis unsicheres Stimmchen , » sind sie nicht lieb ? Wollen wir sie nicht mehr haben , Mama ? « » Nein , aber ich möchte wissen , in welchem Spital Papa ist ! « flüsterte der Bub seinem Schwesterchen zu . » Es ist sicher , daß Mama ihn gar nicht lieb hat , sonst würde sie ihn doch besuchen . Und ich geh dann einmal , ich gehe von Tür zu Tür und frage : Ist mein Pappe nicht hier ? « » Ich geh auch , « flüsterte Rösli mit großen Augen . » Nein , du nicht , das ist nur was für Männer , « er stieß sie vertraulich an . » Weißt , Rösli , der Pappe ist überhaupt schon lang tot , die Mama will ' s nur nicht sagen . Er ist ausgegangen und nicht heimgekommen , einmal am frühen Morgen ; wir haben noch geschlafen . Er ist gewiß ermordet . Man muß sein Grab suchen . Ich will ihm einen Kranz hinlegen von Efeu und Immergrün . Das ist für die Toten . « » Und weiße Rosen sind auch für die Toten . Und ich will auch , « sagte Rösli , ängstlich an den Bruder geschmiegt . » Nein ,