gern hatte ? Sie wusste es längst , aber immer hatte sie sich gescheut , es ihn merken zu lassen . Sie mochte ihn auch gern , gewiss , aber in anderer Art , und alles in allem hatte Lena viel mehr für ihn übrig . Lena mit ihrem frischen , lustigen , fröhlichen Wesen passte ja auch viel besser zu ihm , denn er war im Grunde auch lustig und heiter und nur immer so schrecklich verlegen ihr und Vater gegenüber . Es that ihr ja von Herzen leid , aber wahrhaftig , sie konnte nicht anders . Sie hatte ganz andere Zukunftspläne , als die Frau eines Mannes zu werden , mit dem sie schon von Kindheit an gut Freund gewesen war . Hinaufarbeiten wollte sie sich , wie so viele in Berlin es vor ihr gethan hatten . All ' ihren Fleiss wollte sie zusammen nehmen , bis sie es zu einem feinen Geschäft mit einem grossen , prachtvollen Laden gebracht hatte , wie sie hier so viele sah . Dann sollten Vater und Schwester bei ihr wohnen und es so recht von Herzen gut bei ihr haben und dann , ja dann , wenn dann ein Mann bei ihr anklopfte , den sie lieb hatte mehr als alles auf der Welt , dann sollte er sie haben , ob er arm oder reich war , und herrlich und in Freuden wollten sie miteinander leben . So ganz in Gedanken versunken , bis an das Kinn bepackt , war Lotte zu Hause angelangt . Als sie über den Hof schritt , hörte sie von ihrer Wohnung her , in der alle Fenster offen standen , um die köstlich warme Sonne einzulassen , eilfertige kurze Hammerschläge , die indess verstummten , während sie die Treppen hinaufstieg . Die Thür zur Küche war halb geöffnet . An dieser Thür aber prangte etwas , was Lotte noch nie gesehen und was ihr die Röte der Freude bis unter das goldbraune Stirnhaar trieb : ein grosses weisses Porzellanschild mit der weithin leserlichen schwarzen Inschrift : » Charlotte Weiss , Putzmacherin « . Hinter der Thür aber lachte Lena vor Freude über ihre gelungene Ueberraschung . - Bei Tisch - die Herrichtung eines einfachen Mittagsbrodes hatte Lena bis zur ihrer Anstellung übernommen - rechneten die Mädchen und kamen zu dem betrübenden Resultat , dass von den 1500 Mark Kapital seit ihrer Abreise von der Heimat bereits über 500 Mark für Reise , Hôtel , Miete praenumerando , Einrichtung und Lottes heutige Einkäufe verausgabt waren . Lotte meinte zwar , dass damit die Ausgaben ja nun auch überstanden seien , und es jetzt ans Verdienen ginge , Lena aber , die wieder sehr praktisch geworden war , seitdem ihr erster Berliner Rausch verflogen , sah die Dinge weniger optimistisch an . Was fingen sie an , wenn ihre Einberufung nicht binnen Wochenfrist erfolgte und Lotte nicht gleich verdiente ? Selbst im günstigten Fall würde bis zu ihrer Anstellung als Telephonistin noch immer Zeit genug vergehen . Aerztliche Untersuchung , Aufnahmeprüfung , vier bis sechs Wochen unentgeltlicher Dienst , das neue Jahr würde herankommen , ehe sie würde mitverdienen helfen können ! Lena wurde plötzlich sehr niedergeschlagen und fing an , sich Vorwürfe darüber zu machen , dass sie für sich selbst nicht an eine interimistische Thätigkeit gedacht hatte . Welche ? Da wäre freilich guter Rat teuer gewesen . Lotte durfte von dieser Depression beileibe nichts merken . Lena dankte Gott , dass sie den Kopf so hübsch oben trug , und ganz Hoffnung , ganz glückliche Arbeitsstimmung war . Um doch wenigstens selbst auch gleich etwas zu thun , machte sie sich daran , ihre Kenntnisse in Geographie , Aufsatz und Rechnen für die Aufnahmeprüfung wieder aufzufrischen . Lotte nahm indess selbstverständlich zuerst den bestellten Hut für Marie Weber in Arbeit . Ob es daran lag , dass sie ganz etwas besonders gutes machen wollte , ob ihr von den vielen Modellen , die sie täglich in den Schaufenstern sah , zu vielerlei verschiedene Arrangements vorschwebten und sie verwirrten , kurz und gut , was ihr nie vordem begegnet war , sie konnte mit dem Hut nicht zustande kommen . Immer wieder hatte sie die Form anders besteckt . Einmal mit Schleifen und Blumen , dann mit Federn , schliesslich nur mit Band . Eine ganze Menge Material war schon beschädigt und unansehnlich gemacht worden , und noch immer wollte es nicht das Richtige werden . Kein Wunder , dass das endlich fertig gestellte Machwerk Marie Weber nicht zusagte . Das junge Mädchen war rücksichtsvoll genug , sich nicht weiter darüber zu äussern , bezahlte auch den ausgemachten Preis , aber die Schwestern sahen es ihr an , dass sie keine zweite Bestellung machen würde , und auch auf ihre Weiterempfehlung schwerlich zu rechnen sei . An diesem Abend weinte Lotte bitterliche Thränen , die ersten heissen seit dem Abschied von der Mutter Grab . Ihr Selbstvertrauen war tief herabgedrückt , ihre Hoffnungsfreudigkeit auf Null gesunken . Ein besonderer Glücksumstand war es , dass gerade an einem der folgenden Tage Lenas Einberufung eintraf . Nun gab es Neues zu denken und mitzusorgen , und auf Tage hinaus stand für die gutherzige , zärtliche Lotte nichts anderes als Lenas nächste Zukunft auf dem Spiel . Trotzdem die Schwester kerngesund war , erwartete Lottchen sie mit Herzklopfen von der Untersuchung bei dem Kassenarzt zurück . Würden Lenas Seh- und Hörkraft , ihre Lunge und die Blutzusammensetzung auch Gnade vor des Gestrengen Augen finden ? Nachdem die kleine schwerblütige Grüblerin über diese Sorge glücklich hinaus war , kam Lenas Aufnahmeprüfung an die Reihe . Bis in den grauenden Morgen des Prüfungstages hatte Lotte die Schwester examiniert und schweren Herzens sich und Lena immer wieder die Frage vorgelegt , ob Lena auch gut bestehen werde . Da der prüfende Postsekretär der Kandidatin selbst keine gar zu ängstliche Herzbeklemmung verursachte , war Lena endlich über Lottes Fragen fest eingeschlafen und die kleine Aufgeregte hatte die grösste Mühe