« Er lachte , und Johanne bemerkte seine bräunlichen Zähne , die von starkem Nikotingenuß zeugten . » O sie ist nicht gern in Sienenthal , sie - « » Essen Sie zuerst und erzählen Sie dann « . Frau Wewerka legte ihr etwas Gemüse und zwei dünne Scheibchen Hammelfleisch auf den Teller . Johanne aß einige Bissen , dann sagte sie schüchtern : » Fräulein Betty will ja auch bald hierherkommen ; nur eine gewisse Summe müßte sie beisammen haben , meint sie « . Das Ehepaar warf sich einen Blick zu . » Es war eine Thorheit « meinte Wewerka , » daß sie das Geschäft nicht gleich verkaufte . Ihr und uns wäre mit dem Gelde gedient gewesen , so hat keiner etwas . Was für ein Mensch war denn eigentlich der alte Nehring , der Besitzer des Geschäfts ? « » O der war ja schon achtzig Jahr alt « versetzte Johanne . Wewerka lächelte . » Das weiß ich . Er hatte einen Sohn , dieser war mit meiner Schwester verlobt . Sie hatten einander schrecklich gerne ; der Alte widersetzte sich aber ihrer Verbindung . Eines Tages gingen die verrückten Liebesleute in den Wald , und er schoß zuerst ihr , dann sich eine Kugel in den Kopf . Er blieb auf der Stelle tot , sie wurde gerettet ; doch trug sie eine große Gedächtnisschwäche davon . Sie lag monatelang im Spital , verlor natürlich ihre Stellung ; sie war Leiterin eines großen Putzgeschäftes hier gewesen . Nun - es war ein Elend « - der Sprecher nahm einen Schluck Wasser aus dem Glase vor sich , » ein Elend . Später wandten wir uns wiederholt an den Alten , daß er doch für das arme Geschöpf etwas thun möge ; zwingen konnte man ihn ja zu nichts . Er setzte aber allen Vorstellungen ein taubes Ohr entgegen . Erst als er starb - Verwandte besaß er nicht - erinnerte er sich der unglücklichen Kreatur , die durch seine Härte um ihr Lebensglück und ihre Gesundheit gekommen war . Ihre verlorene Jugend und ihren gesunden Verstand hat er ihr aber doch nicht zurückgeben können « . Johanne saß stumm da . Frau Wewerka seufzte und bat dann , fertig zu essen ; das Mädchen müßte sich etwas beeilen , weil heute Waschtag sei . Nach dem Hammelfleisch gabs nichts mehr , als einige Stückchen Konfekt von dem billigen , das arme Leute für die Christbäume ihrer Kinder kaufen . Herr Wewerka plauderte noch ein wenig mit Johanne , dann erhob man sich . Nachmittags wollten sie dem jungen Mädchen die Stadt zeigen . Da sie weder einen Wagen noch eine Pferdebahn benutzten , ermüdete Frau Wewerka bald , überließ Johanne ihrem Mann und kehrte nach Hause zurück . Als die beiden auf ihrem Streifzug eben vor einem glänzenden Schaufenster standen und er meinte , sie schwelge in der Pracht der ausgestellten Juwelen , sagte sie plötzlich , ihm ins Gesicht blickend : » Die Geschichte , die Sie mir heute erzählt haben , ist sehr traurig . Ich kann sie gar nicht loswerden . Nur eins verstehe ich nicht . Wenn Ihre Schwester ihn so lieb hatte , wie kams , daß sie ihn überlebte ? « Er sah überrascht in die großen , warmen Kinderaugen , die sich auf ihn gerichtet hatten . » Wie meinen Sie das , Fräulein ? « » Mein Gott , wenn - wenn man einen so lieb hat und man weiß , daß er - fort ist , für immer - ich hätte mich gleich aus dem Fenster gestürzt « ..... Er lächelte in ihr erregtes Gesicht . » Das sagt man , aber man tötet sich nicht so leicht « . » Aber er thats doch « . Sie gingen ein Stückchen weiter . » Zum Glück giebts nicht viele so entschiedene Naturen da würde die Welt ja nach drei Tagen in Trümmer geschlagen « . Johanne hatte ein Wort auf den Lippen , doch sie sprach es nicht aus . Später zog anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich . Abends war sie müde und ging bald nach dem Nachtmahl , das noch etwas kärglicher als das Mittagessen war , auf ihr Zimmer . Aber Ninive war doch herrlich , trotz allem ! Am andern Tage machte Frau Wewerka verschiedene Gänge mit ihr , zur Vorsteherin und zu den Lehrerinnen des Fröbelhauses , denen sie das junge Mädchen sehr warm empfahl . Johanne erregte in ihrer geschmacklosen , plumpen Kleidung , mit ihrer bäuerlichen Schüchternheit in der Anstalt weder Interesse noch besondere Teilnahme . Man ließ sie ein kleines Aufnahmeexamen machen , in dem sie nur ihre Lese-und Schreibekünste bekunden sollte , und steckte sie dann in die Klasse zu den andern Schülerinnen . Sie verbrachte täglich fünf Stunden in der Anstalt , und die Vorsteherin versprach ihr , wenn sie sich brav zeige , binnen einem Jahre eine Stellung , wenn auch für den Anfang eine sehr bescheidene . Es galt also ein Jahr tapfer auszuhalten . Johanne schrieb ihrem Vormund , und legte einige Zeilen Wewerkas bei . Ritter antwortete ihr , er würde ihr die nötigen Mittel für ein Jahr geben , damit sie den Kursus absolvieren könne . Dann freilich müßte sie für sich selbst sorgen , denn das Häuschen zu verkaufen liege ihm fern . Das könne sie einmal thun , wenns ihr beliebe und sie volljährig sei . Die Stunden , die Johanne nicht im Fröbelhaus verbrachte , war sie zu Hause . Herr Wewerka arbeitete viel auf seiner Stube , indeß seine Frau mit dem Dienstmädchen den kleinen Haushalt besorgte . Dann und wann empfingen sie Besuche . Meist von Herren . Dann wurde laut debattiert , geschrieen , manchmal auch deklamiert . Es waren wohl Kunstangehörige , die so lebhaft sich bejahten . Aber sie gingen nicht in goldenen Gewändern , trugen keine Kränze auf dem Haupt , rochen nicht nach den Gärten der Semiramis . Meist waren