Krämerordnung der Dinge keine Zeit hat , herausfordert und bestehen läßt . Rechts vom Schreibtisch drückte sich ein hohes Bücherregal an die Wand , in dessen Fächern es auch recht bunt aussah . Fräulein Hedwig besaß entschieden wenig Sinn für häusliche Ordnung . In seinem Sessel vor dem Schreibtisch sitzt Doctor Leonhard Irmer . Er hat sich zurückgelehnt , der Kopf hängt ein Wenig der Brust zu , die Arme liegen auf den Lehnen des Sessels . Die Augen zumeist halb geschlossen , blinzelnd , öfter ganz überlidert . Das gedämpfte Licht der mit einem grünen Schirm bedeckten Lampe fällt auf sein Gesicht . Dieses Gesicht hat einen großen , fesselnden Zug , einen außergewöhnlichen Stil . Leidend , sehr leidend erscheint es mit seiner mehr krankhaft weißen , denn verschossen angeröthelten Farbe . Stirn gefurcht , um Nase und Mund pointirte Schmerzensfalten . Hinter dieser hohen Stirn ist viel gedacht worden , diese Unterpartie des Gesichts hat sich wohl oft genug für ein bitteres , ironisches Lächeln hergeben müssen . Ein gestutzter , weißgrauer Bart liegt um Kinn und Wangen . Das spärliche Kopfhaar vertheilt sich in einigen dünnen , sprödfasrigen Strähnen über die Platte . » Guten Abend , lieber Papa ! « Hedwig begrüßt ihren Vater mit angenommener Munterkeit . » Guten Abend , mein Kind ! Du bist recht lange heute ... « Herr Doctor Irmer spricht langsam , schleppend , halblaut , undeutlich . Mehr mit den Lippen , denn mit dem inneren Munde . » Findest Du , Papa ? Ich bin etwas langsam gegangen - mag sein ! Hier ist die Volkszeitung . Soll ich Dir jetzt vorlesen oder nach Tisch ? Das Buch von Dühring war nicht vorräthig . Ich habe es bestellt . In acht Tagen werden wir ' s haben . Brauchst Du ' s zu irgend einer Arbeit ? ... « Der Vater schüttelt den Kopf . » Na ! dann schadet ' s ja nichts ! Dann können wir ja warten . Emma holt wohl ein zum Abendbrot ? Schmerzt der Kopf noch so , Papa ? Wenn Du Dich nur entschließen könntest , wieder einmal eine Straße zu gehen - die ewige Stubenluft thut Dir nicht gut - « » Morgen vielleicht ... morgen , Hedwig ... Ich möchte Dir eigentlich noch vor Tisch ... vor Tisch einige Zeilen dictieren - willst Du ... ja ? ... Du weißt : zu dem Aufsatze Poesie und Philosophie in ihrem gegenseitigen Verhältniß - aber nachher - nachher stört uns doch das Essen wieder - - was steht denn heute in der Volkszeitung ... ? « Hedwig rückt sich einen Stuhl neben den Sessel ihres Vaters , faltet die Zeitung auseinander und liest zuerst die Telegramme . Vater und Tochter haben mit der Zeit ein eigenthümliches Verhältniß zu einander gefunden . Irmer ist ein hoher Fünfziger , Hedwig dreiundzwanzig Jahre alt . Sie hat sich , allerdings mit einer gewissen Aeußerlichkeit , in die Anschauungen ihres Vaters eingelebt , sie hat es gelernt , sich seinen Gewohnheiten zu fügen . Sie ist seine Gehilfin , seine Schülerin , seine einzige , zuverlässige Lebensstütze geworden . Die Stürme ihrer Seele sind vorüber , ihr Blut ist todt , sie braucht sich nicht mehr zu bezwingen , sie kann alles mechanisch , alles hübsch automatenhaft bewältigen . Ihr Vater fragt nicht viel darnach , ob sie sich zur gläubigen , wirklich überzeugten Anhängerin entwickelt . Er besitzt den Egoismus des Kranken , des Leidenden , des Hülflosen . Er lebt ganz in der Welt seiner Gedanken . Die andere Welt , der Mutterboden der geistigen , dünkt ihn so ziemlich verschollen . Die Sphäre der Idee hat für ihn fast etwas Körperliches , formell Reales angenommen . Er sinnt über die Räthsel der Dinge nach . Er sieht , denkt , träumt , visionirt , combinirt , gewinnt . Nichts ist ihm das Individuum mehr . Nicht reizt es ihn mehr , individuelle Entdeckungen zu machen . Damit hat er abgeschlossen . Ob er auch schon über die Tendenz der Selbsterkenntniß hinausgekommen ? Kaum . Er wird auch noch nicht wissen , wer er ist . Hedwig hat keine Neigung , sich über ihren Vater zu wundern . Sie hat eben überhaupt keine Neigungen mehr . Liebt sie ihren Vater ? Er erhält sie , sie darf bei ihm wohnen , zusammenwohnen mit ihm in den wenigen , engen Räumen , für die er den Miethszins nothdürftig zusammenarbeitet . Ein paar Heller sind ihnen noch aus früheren , volleren , runderen Zeiten geblieben . Die beiden Leute kommen einigermaßen aus . Hedwig kann sich sogar noch ein » Dienstmädchen « halten . Es ist ein farbloses , eintöniges Leben , das sie lebt . Wird es ihr öfter nicht doch zu Sinn , als müßte sie aufspringen , einmal laut ... laut aufschreien - aufschreien , wie Jesus , ehe er am Kreuze verreckte - und dann hinausstürzen aus dieser lähmenden Enge - irgendwohin - - irgend Etwas , von dem sie sich beängstigend-unklar bezwungen fühlt , befriedigen - ? In dieser dämonischen Oscillation sich ausleben ? ... Wird es ihr also nicht öfter doch zu Sinn ? Nein ! Sie kann sich nicht erinnern , von solchen elementaren Erschütterungen heimgesucht zu sein . Vielleicht dann und wann einmal ein jähes Aufzucken - mehr war ' s nicht - nein ! mehr nicht . Manchmal sagt sie sich ganz klar und vernunftsmäßig : dies und das im Leben müßte doch eigentlich auch für mich noch einen Reiz besitzen , da es doch Millionen Andere auch reizt - in irgend einem Stärkegrade reizt - ? Hm ! Das Theater ! Die Musik ! Geht nicht durch die Träume ihrer Nächte manchmal ein Schatten , der ihr in die Seele prickelt ? Ist die Luft nur voll von Stecknadeln ? Da sitzt ein Stück comprimirten Lebens vor ihr - ihr Vater . Ein Menschenalter liegt hinter ihm . Von allen Seiten ist das Leben