Das hohle Krachen verschlang die Abschiedspfiffe der Maria . Langsam und groß fuhr das Schiff davon . Die Matrosen in den zurückbleibenden Schiffen , das Volk am Ufer - alles schwenkte Hüte , Mützen , Tücher . Aus thränengepreßten Kehlen schrieen Tausende Hurra und vermischten das Geschrei mit den Klängen der Nationalhymne , die eine Militärkapelle am Ufer spielte . Ein unermeßlicher Lärm erfüllte eine Minute lang die Lüfte , das Leid , die Freude , den Stolz , die Angst des Einzelnen verschlingend und sich doch vermählend zu einem Ruf , der ins Weltmeer und über alle Lande hinausdonnerte , den die deutsche Flagge da auf dem Ozean predigen wollte : » Mit Gott für König und Vaterland ! « Zweites Kapitel Adrienne war zum erstenmal in ihrem Leben einsam . Ihre frühe Jugend war in einer geräuschvollen Pension verflossen ; inmitten der lärmenden Gefährtinnen hatte sie sich allein gefühlt . Ihre jungen Mädchenjahre verlebte sie in vornehmen Häusern als Gesellschafterin oder Erzieherin ; auch da umgab sie sich mit einer unsichtbaren Mauer und glaubte sich allein , wie sie denn auch fortfuhr , ihr Wesen abzuschließen , sogar noch in der Ehe . Diese Art selbstgeschaffener Einsamkeit , die sie aus Trotz künstlich sich aufrecht erhielt , war ganz verschieden von dem ungestörten Alleinsein , zu dem sie sich jetzt gezwungen sah . Sie konnte ihre Bitterkeit nicht damit sättigen , daß sich der nebenan arbeitende Gatte nicht um sie bekümmerte . Sie konnte niemand auf eine etwaige freundliche Bitte antworten : » Ich danke , ich mag nicht unter so viele Menschen gehen ; « es forderte sie eben niemand zu einem Spaziergang , einem Theaterbesuch , einer Ausfahrt auf . Sie brauchte ihr innerliches Alleinsein von keiner Umgebung mehr abzutrotzen . Die Magd , eine gutmütige , beschränkte Person , waltete ihres Amtes als Köchin und Kindswärterin zugleich in tadelloser Gewissenhaftigkeit . Das Kind lebte sein junges Pflanzendasein in gesunder Regelmäßigkeit weiter , das heißt , es schlief mehr als den halben Tag und ließ sich in seinen wachen Stunden umhertragen , wobei es sich die Welt mit ganz verständnislosen Augen ansah . Neben dieser geringen Arbeit war die sehr vereinfachte Küche bald besorgt . Auch schien es den beiden Frauen nicht der Mühe wert , für sich , in Abwesenheit des Herrn , viel zu kochen . Adrienne fing an sehr schlecht zu leben und der Magd die ganzen Küchenbestimmungen zu überlassen , welche diese nach ihren dörflichen Heimatgewohnheiten traf . Adrienne versuchte es , sich mit dem Kinde zu beschäftigen . Es war ein Vierteljahr alt und begann eben erst zu lächeln , ein Lächeln , welches natürlich bloß physischem Behagen entsprang . Adrienne hatte es sich anders gedacht , » ein Kind zu haben « . Die schönen Redensarten , welche sie in Büchern gelesen und von Frauen gehört , die mit der Mutterliebe kokettirten , von dem ausfüllenden , entzückenden Glück , welches der Besitz eines Kindes gibt , schienen ihr erlogen . Dieses kleine Menschenwesen bedurfte nur einer rein körperlichen Pflege , das Kind hatte seine Mutter , die Mutter hatte das Kind noch nicht in geistigen Besitz genommen , und dieser allein ist es , der Seelenfreuden und Seelensorgen gibt . Wohl ergriff auch ihr Herz bange Furcht , wenn das Kind je zuweilen unruhig oder fieberhaft war , das aber sind die mütterlichen Instinkte , die auch dem Tier nicht fehlen . Manchmal träumte sie sich voraus , in die Zeiten , wo aus dem schlummernden Bündelchen ein denkender Mensch , ein Mann geworden sein würde . Dann ward ihr Herz ergriffen von den bangen und seligen Ahnungen der Mutterlasten . Sie erschauerte unter dem Bewußtsein der tödlich ernsten Pflichten , die ihr denkendes Kind ihr auferlegen würde ; sie sah ihren Sohn im voraus als guten , bedeutenden Menschen oder als mißratene Frucht am Baum des Lebens . Sie schlief nächtelang nicht aus Sorge um ihres Kindes Zukunft ; sie kämpfte mit ihrem Sohn , sie lobte ihn , sie weinte um ihn , fühlte allen Stolz einer glücklichen , alle Schmach einer unglücklichen Mutter . Und dann hielt ihr die Gegenwart nichts entgegen als ein kleines , dummes , unerwachtes Lebewesen , das sich in den Armen der sorglichen , mit Kindern vielgewandten Magd behaglicher fühlte als in den zarten , unsicheren Händen der Mutter . » Nein , « sagte sie sich dann , » das Schönfärben hilft hier nichts : ein so kleines Kind ist nur eine Versprechung auf die Zukunft , und mit Versprechungen füllt man ein einsames Herz nicht aus . « Adrienne war an eine rastlose Thätigkeit gewöhnt . Sie hatte immer fleißig sein müssen , in der Pension , bei fremden Leuten , in ihrer Ehe , denn Arnold sprach viel von dem sittlichen Wert aller Arbeit , auch der Frauenarbeit , was Adrienne als Mahnung zur Unermüdlichkeit aufzufassen sich verpflichtet glaubte . Weil nun so ihre Thätigkeit immer einem gewissen Zwang entsprossen war , hatte sie sich schon von Kindheit an gewöhnt , alle Erholung heimlich zu suchen . In der Pension hatte sie gleich den anderen Mitschülerinnen heimlich gelesen ; in ihrer dienenden Stellung verbarg sie ebenfalls die Neigung ; als Frau hatte sie verstohlen in ein Buch geguckt , wenn Arnold und die Magd ausgegangen waren . Nun hörte mit dem Zwang allmälich auch die Thätigkeit auf . Die immer fleißige Nadel wurde seltener und seltener eingefädelt , aber da niemand ein Verbot oder nur eine Frage über das Lesen an Adrienne richtete , nahm sie auch kein Buch mehr zur Hand . Die Inhaltlosigkeit der Tage und die geringe Nahrung steigerten die Nervenerschlaffung der jungen Frau bis zur brütenden Schwermut . » Ich möchte sterben , « sagte sie eines Abends laut vor sich hin . Der einzige Tag , der neues Leben brachte , war der Sonntag . An diesem traf , seit Arnolds Abreise , regelmäßig ein Brief von Joachim und einer von Fanny Förster