in einer schlaflosen Nacht , habe ich die Flammen rekapituliert , die ich einst als studentischer Schmetterling umgaukelte . Wieder ein Beweis , was ich für eine treue Seele : ich habe im Stillen den Lebenslauf dieser unschuldigen Kinder verfolgt . Die Beobachtung ergab seltsame Resultate . Die dicke , runde Klara , die Bräumeisters-Tochter , ist mit einem Kassier verduftet ; Seraphine aus der Sendlingergasse hat ihr Herz an einen Pfaffen gehängt und hat sich aus mystischen Gewissensskrupeln in der Isar ertränkt ; die sentimentale Amalie der Professorswittwe Streuhuber ist eine tüchtige Geschäftsfrau geworden und verkauft Hosen an die Landshuter Garnison ; Fanni Kranzler vom Rochusberg hat sich dem Trunk ergeben und ist im Irrenhause gestorben ; die rabiate Bella ist zuerst Komödiantin und dann eine resolute Pensionatsmutter geworden . Was für Lebenswendungen ! Und unsere Jugendeseleien ! Noch nicht hinter den Ohren trocken , wollten wir berühmt werden und die Augen von ganz Europa - oder wenigstens von unserm Stadtviertel auf uns lenken . Berühmt werden ! Jeden Morgen war die erste Frage : wie fangen wir ' s an ? Und dabei erreichten wir zunächst , daß wir beim Examen mit Pauken und Trompeten durchfielen . Dann wiederum : sollen wir fünfaktige Dramen schreiben , um schneller ans Ziel zu kommen , wenigstens öffentlich ausgepfiffen zu werden , oder eine neue Religion oder ein neues Schießpulver erfinden , um der Menschheit ein ungeahntes Heil zu bringen ? Mit unserer Sehnsucht nach der Heilandschaft verband sich nur ganz selten die sehr praktische Erwägung : Berühmtheit bringt Moneten , jene Berühmtheit , welche von den Kindern einer materialistischen Zeit als die überhaupt allein erstrebenswerte betrachtet wird . Unser Sinn ging zunächst immer , dieses Lob dürfen wir uns nicht versagen , auf etwas Schönes ohne Hinterlist , etwas Reinliches ... Zum Teufel auch , hätten wir doch wenigstens Richard Brands Schweizer-Pillen erfunden ! Da fällt mir eben etwas sehr Menschliches ein : wenn Fräulein Flora Kuglmeier krank geworden wäre ? Wir haben gestern bei einem Ausfluge eine Menge Zeug durcheinander gegessen : Orangen , Makkaroni , Salat , Würste , Feigen ... Ich werde mich ankleiden und im Gasthofe nach ihr sehen . Sie wohnt da unten , dem Meere zu , in einem Kranze blütenreicher , duftiger Gärten , Rione Principe Umberto . Ich bin ganz gerührt , wenn ich mir das liebe Kind leidend denke , im Bett vergraben , mit der Kolik , der Ruhr oder sonst einer wüsten Krankheit ringend ; das Gesichtchen bleich , verzagt , von einem weißen Häubchen umrahmt ; auf dem Nachttischchen eine herabgebrannte Stearinkerze in einem grünspanfleckigen Messingleuchter mit zerbrochener Glasmanschette , daneben halbleere Medizinflaschen in allen Größen und Farben . Hilfesuchend streckt sie mir aus der Decke ihr feines , vom Fieber brennendes Händchen entgegen ... Ja , ich will gleich hinuntergehen . Ich erfülle eine heilige Menschenpflicht . Das hätte ich eigentlich schon vor einer Stunde thun sollen . Statt an diesem unnützen , überflüssigen , ungeheuerlichen Brief zu schreiben , für den ich doch keinen Dank ernte , höchstens eine mokante Kritik . Trotzdem will ich zum Schlusse auch Dir gegenüber das Maß meiner Güte voll machen und Dir zu Deinem bevorstehenden Geburtstage gratulieren - ich merkte ihn , weil er in den kalendermäßigen Frühlingsanfang fällt , worauf Du Dir in grenzenloser Eitelkeit immer so viel zu Gute thatest , obwohl Du diesen Datums-Vorzug mit einigen Millionen anderer Menschenkinder teilst , hochgeborener Max von Drillinger . Da ich Dich nun einmal mehr liebe , als Du verdienst , und das Schicksal - die präsumptive Krankheit - meiner armen Flora mich in weiche Stimmung versetzt , hat , so will ich ein ganzes Füllhorn innigster Wünsche auf Dein edles Haupt ausgießen . Möge das neue Lebensjahr all ' die Wechsel - so warte doch mit Deiner nervösen Grimasse ! - all ' die Wechsel - einlösen , welche Dir das alte auf Glück ausgestellt haben sollte . Im Übrigen kannst Du bleiben wie Du bist ; Du bist mir drollig und amüsant genug . Ziehe aus dem Umstande , daß die Zahl Deiner Jahre um eins vermehrt wird , nicht den voreiligen Schluß , daß Du älter geworden seist . Ich weiß , man ist gerade an solchen Tagen zu so jammerhaften Meditationen geneigt , und besonders Leute , die wie Du gar kein Talent zum Altwerden haben , sind ' s am meisten . So . Und jetzt lass ' mich gefälligst in Ruhe . Schreib ' mir gelegentlich , was die Isar neues rauscht , wie ' s der tapfern Brigitta geht , der bewundernswerten Heldin , die das Unerträglichste erträgt - Dich ! Gott mit uns . Amen . Mit Schwert und Eichenlaub Dein getreuer Joseph Zwerger . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Nachschrift . Zwei Stunden später . Flora Kuglmeier ist gekommen , Flora Kuglmeier ist gegangen ; sie ist frisch und gesund , der Name des Herrn sei gelobt ! In die Arme sind wir uns zwar nicht gesunken , aber das kommt noch . Sie ! ist ein wunderbares Geschöpf . Ein Charakter ! Da läßt sich daraufbauen . Ich habe mich nicht enthalten können , sie auszuforschen : sie kennt Dich nur vom Hörensagen , aus weiter Entfernung . Das gereicht mir zu großer Beruhigung . Nun hab ' ich ihr zum Dank viel Gutes von Dir erzählt . Entsetzlich war ' s , daß ich vor Zerstreuung , Eile , freudigem Schreck u.s.w. im Hemde die Thür öffnete . Je nun , Flora hat nicht aufgeschrieen , ist nicht in Ohnmacht gefallen - sie hat den Anblick ertragen wie ein Mann ! Das werde ich ihr all ' mein Lebtag nicht vergessen . Sie wünscht , Du möchtest die Bekanntschaft des Bildhauers Achthuber machen . Er hat sein Atelier drunten am » Gries « , im Wäscherinnen-Viertel