» O doch , doch ; das Fräulein kennt und weiß mehr , viel mehr , und sie soll uns selber sagen , was sie von Ungarn weiß . « » Es ist nicht viel und wohl eigentlich zuwenig , wenn ich bedenke , daß ich nun schon ins dritte Jahr eine Wienerin bin , und außerdem hinzurechne , daß Wien , ich möchte sagen , die Vorhalle von Ungarn ist , die Tempelstufe . « Der Liguorianer , ein ausgesprochener Steirer , freute sich des kleinen Spottes und Egon kaum minder . Der alte Graf aber gab sich das Ansehen , als nähme er ' s ernsthaft , und sagte : » Vorhalle , Tempelstufe ; davon dürfen unsere Wiener nichts hören , die sich das Herz der Welt bedünken . Im übrigen schuldet uns das Fräulein immer noch ihren Bericht über Ungarn , und ich kann ihr ein Examen rigorosum auf diesen Punkt hin nicht ersparen , schon weil ich recht behalten möchte . « » Nun , ich gebe gern , was ich weiß « , entgegnete das Fräulein , » und ich unterscheide deutlich zwei Grade der Erkenntnis : einen romantischen und einen lyrischen . Das sind freilich keine rechten Unterscheidungen , denn die Romantik kann lyrisch und die Lyrik kann romantisch sein ; aber ich bitte nichtsdestoweniger , es gelten zu lassen . « » O gewiß « , sagte die Gräfin . » Also das Romantische . « » Ja , damit fing es an . Es war , als ich noch ein Kind war und auf unserem Kirchplatze , gerade vor unserer Tür , alljährlich zweimal die Jahrmarktsbuden standen : Buden mit Naschwerk und Pfefferkuchen und dazwischen allerlei Bänkelsänger und Leiermänner . Und immer wo solch ein Leiermann stand , stand auch eine buntbemalte Leinewand , auf der eine Geschichte , meist in zwölf Bilderfeldern , abgebildet war . Auf dem ersten Bilde lag die Welt allemal in bürgerlichem Frieden , und eine junge Mutter beugte sich über ein Wiegenkind ; auf einem der Mittelbilder trat dann in gebotener dramatischer Steigerung ein schwarzer , bärtiger Mann aus einem Waldesdunkel hervor und an die junge , zufällig des Weges kommende Mutter heran , während auf dem zwölften und letzten Bilde Mal für Mal ein Gerüst aufgeschlagen war mit einem niedrigen Stuhl darauf , und auf eben diesem Stuhle saß der bärtige Mann aus dem Waldesdunkel . Aber jetzt mit verbundenen Augen und einem Rotmantel mit dem Schwerte hinter sich . Und wenn ich dann dem Liede , das dazu gesungen wurde , begierig und angstvoll zuhörte , so vernahm ich jedesmal , das sei geschehen im schönen Ungarlande zwischen Stuhlweißenburg und Debreczin , und ich darf wohl sagen , ich kenne bis diese Stunde keine Stadt und keinen Namen , die mir so mit Schreck und Grusel imprägniert erschienen wie diese beiden . « » Ei , das beklag ich , meine Gnädigste « , sagte der Graf . » Da wird unser altes Schloß Arpa darauf verzichten müssen , Sie je in seinen Mauern zu sehen , denn Stuhlweißenburg ist unsere nächste große Stadt . « » Oh , ich hab es auch überwunden . Und Ungarn selbst hat es mich überwinden gelehrt . « » Mit Hülfe der zweiten Epoche ? « » Ja , die gnädigste Gräfin erraten es ; mit Hülfe der zweiten Epoche . Da war ich in einer Pension . Aber ich war schon fast erwachsen und in Vorbereitung auf das , was aus mir werden sollte . Da hatten wir von Zeit zu Zeit auch Deklamierübungen , und bei solcher Gelegenheit war es , daß eine Mitschülerin von mir ein Lied von Lenau vortrug . « » Ah , von Niembsch ! « » Ich kannte Lenau schon . Er ist überhaupt sehr beliebt in Norddeutschland , und den Teich , den regungslosen , in den der Mond seine bleichen Rosen flicht , kennt jedes dreizehnjährige Mädchen und jubelt in ihrem kleinen Herzen , wenn die berühmte Stelle von dem süßen Deingedenken kommt , am meisten aber , wenn sie zum Schluß erfährt , daß dies süße Deingedenken auch ein stilles Nachtgebet gewesen sei . « Feßler lächelte vor sich hin , und auch die Gräfin , die nach Art aller vornehmen alten Damen eine Vorliebe für kleine Gewagtheiten hatte , war ganz enchantiert und nickte dem Bruder zu . » Wohl , ich kannt ihn also « , nahm Franziska wieder das Wort . » Aber speziell das Gedicht , das an jenem Tage deklamiert wurde , das kannt ich nicht , und als es zu Ende war , war ich so hingerissen , daß ich auf die Mitschülerin zustürzte und sie umarmte und küßte , was mir beiläufig einen nachträglichen Verweis zuzog . « » Und wie hieß es ? « » Ich weiß es nicht mehr sicher , aber ich glaube fast , es hieß Nach Süden . Und vielleicht erkennen Sie ' s , wenn ich Ihnen den Inhalt in aller Kürze skizziere . « » Wir bitten darum . « » Es leitet sich mit einer Gewitterschilderung ein , und die halb schon wieder von Licht durchglühten Wolken ziehen südwärts auf Ungarn zu . Der Dichter selbst aber folgt dem Zuge dieser Wolken und begleitet ihr Südwärtsziehen mit dem sehnsuchtsvollen Ausrufe : Ja , nach Süden steht mein Herz ! « » Und nun ? « » Und nun , auf dem dunklen Hintergrunde der Wolken , erwächst ihm fatamorganaartig ein Heimatsbild : ein Waldtal und ein Mühlbach , und an dem rauschenden Mühlbach erblickt er die Geliebte , die , sein eigenes Sehnsuchtsgefühl erwidernd , in Verlangen nach ihm aussieht und Wind und Wellen um ihn befragt . Aber Wind und Wellen ziehen weiter und weigern ihr die Antwort , und das Lied selbst verklingt in der wunderbaren Strophe : Dunkler wird der Tag und trüber , Lauter wird der Lüfte Streit - Hörbar rauscht die Zeit vorüber An des Mädchens