von mehr verwandtschaftlicher als befreundeter Seite her , in erster Reihe der in der Alsenstraße wohnende Major von Gryczinski , ein noch junger Offizier mit abstehendem , englisch gekräuseltem Backenbart und klugen blauen Augen , der vor etwa drei Jahren die reizende Jacobine de Caparoux heimgeführt hatte , eine jüngere Schwester Melanies und nicht voll so schön wie diese , aber rotblond , was , in den Augen einiger , das Gleichgewicht zwischen beiden wiederherstellte . Gryczinski war Generalstäbler und hielt , wie jeder dieses Standes , an dem Glauben fest , daß es in der ganzen Welt nicht zwei so grundverschiedene Farben gäbe wie das allgemeine preußische Militär-Rot und das Generalstabs-Rot . Daß er den Strebern zugehörte , war eine selbstverständliche Sache , wohl aber verdient es , in Rücksicht gegen den Ernst der Historie , schon an dieser Stelle hervorgehoben zu werden , daß er , alles Strebertums unerachtet , in allen nicht zu verlockenden Fällen ein bescheidenes Maß von Rücksichtsnahme gelten ließ und den Kampf ums Dasein nicht absolut als einen Übergang über die Beresina betrachtete . Wie sein großer Chef war er ein Schweiger , unterschied sich aber von ihm durch ein beständiges , jeden Sprecher ermutigendes Lächeln , das er , alle nutzlose Parteinahme klug vermeidend , über Gerechte und Ungerechte gleichmäßig scheinen ließ . Gryczinski , wie schon angedeutet , war mehr Verwandter als Freund des Hauses . Unter diesen letzteren konnte der Baron Duquede , Legationsrat a. D. , als der angesehenste gelten . Er war über sechzig , hatte bereits unter van der Straatens Vater dem damals ausgedehnteren Kreise des Hauses angehört und durfte sich , wie um anderer Qualitäten so auch schon um seiner Jahre willen , seinem hervorstechendsten Charakterzuge , dem des Absprechens , Verkleinerns und Verneinens , ungehindert hingeben . Daß er , in Folge davon , den Beinamen » Herr Negationsrat « erhalten hatte , hatte selbstverständlich seine milzsüchtige Krakeelerei nicht zu bessern vermocht . Er empörte sich eigentlich über alles , am meisten über Bismarck , von dem er seit 66 , dem Jahre seiner eigenen Dienstentlassung , unaufhörlich versicherte , » daß er überschätzt werde « . Von einer beinah gleichen Empörung war er gegen das zum Französieren geneigte Berlinertum erfüllt , das ihn , um seines » qu « willen , als einen Kolonie-Franzosen ansah und seinen altmärkischen Adelsnamen nach der Analogie von Admiral Duquesne auszusprechen pflegte . » Was er sich gefallen lassen könne « , hatte Melanie hingeworfen , von welchem Tag an eine stille Gegnerschaft zwischen beiden herrschte . Dem Legationsrat an Jahren und Ansehn am nächsten stand Polizeirat Reiff , ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden Backenknochen , auch Feinschmecker und Geschichtenerzähler , der , solange die Damen bei Tische waren , kein Wasser trüben zu können schien , im Moment ihres Verschwindens aber in Anekdoten exzellierte , wie sie , nach Zahl und Inhalt , immer nur einem Polizeirat zu Gebote stehn . Selbst van der Straaten , dessen Talente doch nach derselben Seite hin lagen , erging sich dann in lautem und mitunter selbst stürmischem Beifall oder zwinkerte seinen Tischnachbarn seine neidlose Bewunderung zu . Diese Tischnachbarn waren in der Regel zwei Maler : der Landschafter Arnold Gabler , ebenfalls , wie Reiff und der Legationsrat , ein Erbstück aus des Vaters Tagen her , und Elimar Schulze , Porträt- und Genremaler , der sich erst in den letzten Jahren angefunden hatte . Seine Zugehörigkeit zu der vorgeschilderten Tafelrunde basierte zumeist auf dem Umstande , daß er nur ein halber Maler , zur andern Hälfte aber Musiker und enthusiastischer Wagnerianer war , auf welchen » Titul « hin , wie van der Straaten sich ausdrückte , Melanie seine Aufnahme betrieben und durchgesetzt hatte . Die bei dieser Gelegenheit abgegebene Bemerkung ihres Eheherrn , » daß er gegen den Aufzunehmenden nichts einzuwenden habe , wenn er einfach übertreten und seine Zugehörigkeit zu der alleinseligmachenden Musik offen und ehrlich aussprechen wolle « , war von dem immer gutgelaunten Elimar mit der Bitte beantwortet worden , » ihm diesen Schritt erlassen zu wollen , und zwar einfach deshalb , weil doch schließlich nur das Gegenteil von dem Gewünschten dabei herauskommen würde . Denn während er jetzt als Maler allgemein für einen Musiker gehalten werde , werd er als Musiker sicherlich für einen Maler gehalten und dadurch , vom Standpunkte des Herrn Kommerzienrats aus , in die relativ höhere Rangstufe wieder hinaufgehoben werden . « Diesem Verwandten- und Freundeskreise waren die zu heute sieben Uhr Geladenen entnommen . Denn van der Straaten liebte die Spät-Diners und erging sich mitunter in nicht üblen Bemerkungen über den gewaltigen Unterschied zwischen einer um vier Uhr künstlich hergestellten und einer um sieben Uhr natürlich erwachsenen Dunkelheit . Eine künstliche Vier-Uhr-Dunkelheit sei nicht besser als ein junger Wein , den man in einen Rauchfang gehängt und mit Spinnweb umwickelt habe , um ihn alt und ehrwürdig erscheinen zu lassen . Aber eine feine Zunge schmecke den jungen Wein und ein feines Nervensystem schmecke die junge Dunkelheit heraus . Bemerkungen , die , namentlich in ihrer » das feine Nervensystem « betonenden Schlußwendung , von Melanie regelmäßig mit einem allerherzlichsten Lachen begleitet wurden . Das van der Straatensche Stadthaus - wodurch es sich , neben anderem , von der mit allem Komfort ausgestatteten Tiergarten-Villa unterschied - hatte keinen eigentlichen Speisesaal , und die zwei großen und vier kleinen Diners , die sich über den Winter hin verteilten , mußten in dem ersten , als Entree dienenden Zimmer der großen Gemäldegalerie gegeben werden . Es griff dieser Teil der Galerie noch aus dem rechten Seitenflügel in das Vorderhaus über und lag unmittelbar hinter Melanies Zimmer , aus dem denn auch , sobald die breiten Flügeltüren sich öffneten , der Eintritt stattfand . Und wie gewöhnlich , so auch heute . Van der Straaten nahm den Arm seiner blonden Schwägerin , Duquede den Melanies , während die vier anderen Herren paarweise folgten , eine herkömmliche Form des Aufmarsches ,