und klage laut . Aber wenn sich das nach dem Spukhaften und Schauerlichen drängende romantische Bedürfnis in diesen trüben Bildern mit Vorliebe aussprach , so drängte doch auch ein anderer Zug in den Herzen der Hohen-Vietzer ebenso entschieden auf endliche Versöhnung hin , und einen Reimspruch kannte jung und alt , der dieser Hoffnung auf Versöhnung Ausdruck gab . Auch im Herrenhause kannten sie ihn sehr wohl , und der Reimspruch lautete : Und eine Prinzessin kommt ins Haus , Da löscht ein Feuer den Blutfleck aus , Der auseinander getane Stamm Wird wieder eins , wächst wieder zusamm ' , Und wieder von seinem alten Sitz Blickt in den Morgen Haus Vitzewitz . Drittes Kapitel Weihnachtsmorgen An Lewins Seele waren inzwischen unruhige Träume vorübergegangen . Die Fahrt im Ostwind hatte ihn fiebrig gemacht , und erst gegen Morgen verfiel er in einen festen Schlaf . Eine Stunde später begann es bereits im Hause lebendig zu werden : auf dem langen Korridor , an dessen Nordostecke Lewins Zimmer gelegen war , hallten Schritte auf und ab , schwere Holzkörbe wurden vor die Feuerstellen gesetzt und große Scheite von außen her in den Ofen geschoben . Bald darauf öffnete sich die Tür , und der alte Diener , der am Abend zuvor seinen jungen Herrn empfangen hatte , trat ein , einen Blaker in der Hand . Hektor blieb liegen , reckte sich auf dem Rehfell und wedelte nur , als ob er rapportieren wolle : Alles in Ordnung . Jeetze setzte das Licht , dessen Flamme er bis dahin mit seiner Rechten sorglich gehütet hatte , hinter einen Schirm und begann alles , was an Garderobestücken umherlag , über seinen linken Arm zu packen . Er selbst war noch im Morgenkostüm ; zu den Samthosen und Gamaschen , ohne die er nicht wohl zu denken war , trug er einen Arbeitsrock von doppeltem Zwillich . Als er alles beisammen hatte , trat er , leise wie er gekommen war , seinen Rückzug an , dabei nach Art alter Leute unverständliche Worte vor sich her murmelnd . An dem zustimmenden Nicken seines Kopfes aber ließ sich erkennen , daß er zufrieden und guter Laune war . Die Türe blieb halb offen , und das erwachende Leben des Hauses drang in immer mahnenderen , aber auch in immer anheimelnderen Klängen in das wieder still gewordene Zimmer . Die großen Scheite Fichtenholz sprangen mit lautem Krach auseinander , von Zeit zu Zeit zischte das Wasser , das aus den naß gewordenen Stücken in kleinen Rinnen ins Feuer lief , und von der Korridornische her hörte man den sichern und regelrechten Strich , mit dem Jeetzes Bürste der Hacheln und Härchen , die nicht loslassen wollten , Herr zu werden suchte . Alles das war hörbar genug , nur Lewin hörte es nicht . Endlich beschloß Hektor , der Ungeduld Jeetzes und seiner eigenen ein Ende zu machen , richtete sich auf , legte beide Vorderpfoten aufs Deckbett und fuhr mit seiner Zunge über die Stirn des Schlafenden hin , ohne weitere Sorge , ob seine Liebkosungen willkommen seien oder nicht . Lewin wachte auf ; die erste Verwirrung wich einem heiteren Lachen . » Kusch dich , Hektor « , damit sprang er aus dem Bett . Der Morgenschlaf hatte ihn frisch gemacht ; in wenig Minuten war er angekleidet , ein Vorteil halb soldatischer Erziehung . Er durchschritt ein paarmal das Zimmer , betrachtete lächelnd einen mit vier Nadeln an die Tischdecke festgesteckten Bogen Papier , auf dem in großen Buchstaben stand : » Willkommen in Hohen-Vietz « , ließ seine Augen über ein paar Silhouettenbilder gleiten , die er von Jugend auf kannte und doch immer wieder mit derselben Freudigkeit begrüßte , und trat dann an eines der zugefrorenen Eckfenster . Sein Hauch taute die Eisblumen fort , ein Fleckchen , nicht größer wie eine Glaslinse , wurde frei , und sein erster Blick fiel jetzt auf die eben aufgehende Weihnachtssonne , deren roter Ball hinter dem Turmknopf der Hohen-Vietzer Kirche stand . Zwischen ihm und dieser Kirche erhoben sich die Bäume des hügelansteigenden Parkes , phantastisch bereift , auf einzelnen ein paar Raben , die in die Sonne sahen und mit Gekreisch den Tag begrüßten . Lewin freute sich noch des Bildes , als es an die Türe klopfte . » Nur herein ! « Eine schlanke Mädchengestalt trat ein , und mit herzlichem Kuß schlossen sich die Geschwister in die Arme . Daß es Geschwister waren , zeigte der erste Blick : gleiche Figur und Haltung , dieselben ovalen Köpfe , vor allem dieselben Augen , aus denen Phantasie , Klugheit und Treue sprachen . » Wie freue ich mich , dich wieder hier zu haben . Du bleibst doch über das Fest ? Und wie gut du aussiehst , Lewin ! Sie sagen , wir ähnelten uns ; es wird mich noch eitel machen . « Die Schwester , die bis dahin wie musternd vor dem Bruder gestanden hatte , legte jetzt ihren Arm in den seinen und fuhr dann , während beide auf der breiten Strohmatte des Zimmers auf und ab promenierten , in ihrem Geplauder fort . » Du glaubst nicht , Lewin , wie öde Tage wir jetzt haben . Seit einer Woche flog uns nichts wie Schneeflocken ins Haus . « » Aber du hast doch den Papa ... « » Ja und nein . Ich hab ihn und hab ihn nicht ; jedenfalls ist er nicht mehr , wie er war . Seine kleinen Aufmerksamkeiten bleiben aus ; er hat kein Ohr mehr für mich , und wenn er es hat , so zwingt er sich und lächelt . Und an dem allen sind die Zeitungen schuld , die ich freilich auch nicht missen möchte . Kaum daß Hoppenmarieken in den Flur tritt und das Postpaket aus ihrem Kattuntuch wickelt , so ist es mit seiner Ruhe hin . Er geht an mir vorbei , ohne mich zu sehen . Briefe werden geschrieben