diese gab es endlich auf , sich um ihre Liebe zu bewerben ; sie kehrte wieder zu ihrer schönen Bozena zurück , die sie mit offenen Armen aufnahm . So war das Gleichgewicht von neuem hergestellt , und die beiden Parteien standen einander im offenen und verdeckten Kampfe gegenüber . Einen scheinbaren Mittelpunkt bildete der Hausvater . Nur einen scheinbaren ; in der Tat vereinsamte er immer mehr , die ganze » Weiberwirtschaft « war ihm im Grunde gleichgültig . Empfand er überhaupt eine sympathische Regung für eines seiner Kinder , so war es für die stille Regula . Wenn ihm ein oder das andere Mal das Lob , das ihre Mutter ihrer Musterhaftigkeit spendete , gar zu übertrieben schien , so sagte er nur : » Brav - zu brav ! Was nicht gegoren hat , ist , solange die Welt steht , noch nicht Wein geworden . « Worauf Frau Nannette die Ellbogen fest an die Rippen drückte , sich steif aufrichtete und , dem Blicke des immer noch gefürchteten Mannes ausweichend , erwiderte , sie sei bisher des Glaubens gewesen , » des Rebensaftes Klärung « vollziehe sich nach andern Gesetzen als diejenigen , welche der Erziehung einer jungen Dame vorstünden . Herr Heißenstein war sehr alt geworden seit seiner letzten Enttäuschung , und Regula wurde die Vermittlerin des Einflusses , den Nannette allmählich auf ihren Gatten zu üben begann . Einen gewissen Grad von Bewunderung vermochte er seinem wohlerzogenen Kinde nicht zu versagen . Sie verneigte sich so ehrerbietig vor ihm , brachte ihm fortwährend stumme Ovationen dar ; ihre Haare waren immer so glatt gekämmt , ihre Kleider immer so nett ; sie saß und stand immer so gerade , fiel niemals einem andern ins Wort , widersprach nie . Und dann - ihre Kenntnisse ! Ihr Wissen ! Die Gelehrsamkeit seiner Frau hatte Herrn Leopolds Eitelkeit oft verletzt , die Gelehrsamkeit seiner Tochter schmeichelte ihm . Es war doch hübsch , wenn sie sich an seinem Geburtstage vor ihn hinpflanzte , als Esther gekleidet ; eine Verbeugung machte , so tief , daß man im Zweifel sein konnte , ob sie sich auf den Estrich niederlassen oder wieder aufrichten werde , und dann begann : » Peut-être on t ' a conté la fameuse disgrâce De l ' altière Vasthi dont j ' occupe la place ... « Oder wenn sie als Schwester der Pallantiden erschien und , ohne auch nur einen Augenblick zu stocken , die famose Tirade deklamierte : » Que mon coeur , chère Ismène , écoute avidement Un discours qui peut-être a peu de fondement ... « - Und so weiter ! Mußte Herr Heißenstein da nicht sagen : » Bravo , meine Regel , Bravo ! « Und mußte sein Blick sich nicht fragend und mißbilligend auf die große Tochter richten , die von der Sprache , in der die Kleine sich so geläufig ausdrückte , nicht mehr verstand als eine Kuh vom Spanischen , das heißt soviel wie ihr eigener Vater ? Mußte da nicht Frau Nannettens heuchlerisch bekümmertes : » An der erlebst du keine Freude « , Eindruck auf ihn machen ? Freilich bewahrte Rosa ihre Unabhängigkeit , aber dies geschah auf Kosten der Familiengemeinschaft und der Zusammengehörigkeit . Sie war gleichsam außerhalb des Gesetzes erklärt , und man ließ ihr diejenige Nachsicht zuteil werden , welche aus dem Verzweifeln an einem Menschen entspringt . Und Rosa , die bisher lachend getrotzt und die indirekten Ermahnungen der Stiefmutter , die heftigen Rügen des Vaters mit einem Scherzworte erwidert hatte , begann nachdenklich zu werden . Ihre Heiterkeit verschwand , ihr froher Gesang erscholl nicht mehr in den Gängen des düstern alten Hauses , man sah die liebliche Gestalt des Fräuleins Augentrost , wie der Kommis sie nannte , nicht mehr treppauf treppab hüpfen zur Wette mit Hündchen und Kätzlein . Sie saß eingeschlossen in ihrer Stube , pflegte die Blumen und Vögel , die sonst ohne Bozenas Beihilfe verdurstet und verhungert wären , oder las Romane aus der Leihbibliothek des Städtchens , in der sie sich im geheimen abonniert hatte . Und gerade damals , wo sie einer Stütze am bedürftigsten gewesen wäre , wurde ihr von ihrer einzigen Beschützerin keine geboten . Die schöne Bozena war um diese Zeit , in der ihr Herzensliebling in die Mädchenjahre , sie selbst aber in die Jahre der reiferen Weiblichkeit trat , eine lahmgelegte Kraft . Sie verbrauchte all ihre Seelenstärke für sich , konnte an andre nichts davon abgeben . Mit gewohnter Pünklichkeit verrichtete sie zwar ihren Dienst , sie hatte ihn ja im kleinen Finger , aber das Herz war nicht mehr dabei . Ihr Feuereifer brannte hell wie je , aber als eine stille Flamme , nicht mehr funkensprühend nach allen Richtungen . Man sah sie jetzt nach beendeter Arbeit müßig dasitzen , die Hände im Schoß . Plötzlich angerufen , fuhr sie auf wie aus einem Traume . Das seltsamste war , daß sie begann , ihrer äußeren Erscheinung mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sogar Freude am Putz zu finden . Die haushälterische Bozena verwendete so manchen Gulden für Schmuck und Tand . Ihr lebhaftes Interesse für die Ereignisse in Haus und Stadt war erloschen . Etwas Großes ging vor in ihrem Innern , und auf die ganz erfüllte Seele besaßen von außen kommende Eindrücke keine Macht . Worin die Ursache der merkwürdigen Umwandlung in Bozenas Wesen zu suchen war , das ahnte nur ein Mensch : Mansuet Weberlein , der Kommis . Ein stummes Verständnis , das allezeit tiefer ist als eines , das Worte braucht , um sich zu offenbaren , herrschte zwischen den beiden . Bozena wußte dem Alten Dank für sein einsichtsvolles Begreifen und für sein rücksichtsvolles Schweigen ; die Gesellschaft des einzigen , der sie durchblickte , tat ihr wohl und wurde von ihr aufgesucht . Dem Alten hingegen war Bozena viel lieber , als sie und er selbst es ahnte . Die Woche hindurch war Herr Mansuet außerhalb