seine gehässige Stellung abschrecken zu lassen , griff sie mit leuchtenden Augen nach dem Kindersäbel , der an seinem Gürtel hing . Er stieß sie zornig zurück und lief seiner Mutter entgegen , die eben wieder eintrat . » Ich will aber kein Schwesterchen haben ! « wiederholte er weinerlich . » Mama , schicke das ungezogene Mädchen fort ; ich will allein sein bei dir und dem Papa ! « Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und trat hinter ihren Stuhl am Eßtische . » Bete , Nathanael ! « gebot sie eintönig und faltete die Hände . Sofort fuhren die zehn Finger des Knaben ineinander ; er senkte demütig den Kopf und sprach ein langes Tischgebet ... Unter den obwaltenden Umständen war dies Gebet die abscheulichste Profanation einer schönen christlichen Sitte . Der Hausherr rührte das Essen nicht an . Auf seiner sonst so blassen Stirn lag die Röte innerer Aufregung , und während er mechanisch mit der Gabel spielte , flog sein getrübter Blick unruhig über die mürrischen Gesichter der Seinen . Das kleine Mädchen ließ es sich dagegen vortrefflich schmecken . Sie steckte einige Bonbons , die er neben ihren Teller gelegt hatte , gewissenhaft in ihr Täschchen . » Das ist für Mama , « sagte sie zutraulich ; » die ißt Bonbons zu gern ; Papa bringt ihr immer ganze große Düten voll mit . « » Du hast gar keine Mama ! « rief Nathanael feindselig herüber . » O , das weißt du ja gar nicht ! « entgegnete die Kleine sehr aufgeregt . » Ich habe eine viel schönere Mama , als du ! « Hellwig sah tieferschrocken und scheu nach seiner Frau , und seine Hand hob sich unwillkürlich , als wollte sie sich auf den kleinen rosigen Mund legen , der das eigene Interesse so schlecht zu wahren verstand . » Hast du für ein Bettchen gesorgt , Brigittchen ? « fragte er hastig , aber mit sanfter , bittender Stimme . » Ja . « » Und wo wird sie schlafen ? « » Bei Friederike . « » Wäre nicht so viel Platz - wenigstens für die erste Zeit - in unserem Schlafzimmer ? « » Wenn du Nathanaels Bett hinausschaffen willst , ja . « Er wandte sich empört ab und rief das Dienstmädchen herein . » Friederike , « sagte er , » du wirst des Nachts dies Kind unter deiner Obhut haben - sei gut und freundlich mit ihm ; es ist eine arme Waise und an die Zärtlichkeit einer guten , sanften Mutter gewöhnt . « » Ich werde dem Mädchen nichts in den Weg legen , Herr Hellwig , « entgegnete die Alte , die offenbar gehorcht hatte ; » aber ich bin ehrlicher Leute Kind und hab ' in meinem ganzen Leben nichts mit Spielersleuten zu schaffen gehabt - wenn man nur wenigstens wüßte , ob die Menschen getraut gewesen sind . « Sie schielte hinüber nach Frau Hellwig und erwartete ohne Zweifel einen belobenden Blick für ihre » herzhafte « Antwort , allein die Madame band eben Nathanael die Serviette ab und sah überhaupt drein , als sehe und höre sie von dem ganzen Handel nichts . » Das ist stark ! « rief Hellwig entrüstet . » Muß ich denn erst heute erfahren , daß in meinem ganzen Hause weder Mitleiden noch Erbarmen zu finden ist ? Und Du meinst , du dürftest unbarmherzig sein , weil du ehrlicher Leute Kind bist , Friederike ? ... Nun , zu deiner Beruhigung sollst du wissen , daß die Leute in rechtlicher Ehe gelebt haben ; aber ich sage dir auch hiermit , daß ich von nun an sehr streng mit dir verfahren werde , sobald ich merke , daß du dem Kinde irgendwie zu nahe trittst . « Es schien , als sei er des Kampfes müde . Er stand auf und trug die Kleine in die Kammer der Köchin . Sie ließ sich gutwillig zu Bett bringen und schlief bald ein , nachdem sie mit süßer Stimme für Papa und Mama , für den guten Onkel , der sie morgen wieder zu Mama tragen werde , und - für » die große Frau mit dem bösen Gesichte « gebetet hatte . Spät in der Nacht ging Friederike zu Bett . Sie war zornig , daß sie so lange hatte aufbleiben müssen , und rumorte rücksichtslos in der Kammer . Die kleine Felicitas fuhr jäh aus dem Schlafe empor ; sie setzte sich im Bette auf , strich die wirren Locken aus der Stirn , und ihre Augen glitten angstvoll suchend über die räucherigen Wände und dürftigen Möbel der engen , schwach beleuchteten Kammer . » Mama , Mama ! « rief sie mit lauter Stimme . » Sei still , Kind , deine Mutter ist nicht da ; schlafe wieder ein , « sagte die Köchin mürrisch , während sie sich entkleidete . Die Kleine sah erschreckt zu ihr hinüber ; dann fing sie an , leise zu weinen - sie fürchtete sich offenbar in der fremden Umgebung . » Na , jetzt heult die Range auch noch , das könnte mir fehlen - gleich bist du still , du Komödiantenbalg ! « Sie hob drohend die Hand . Die Kleine steckte erschrocken das Köpfchen unter die Decke . » Ach , Mama , liebe Mama , « flüsterte sie , » wo bist du nur ? Nimm mich doch in dein Bett - ich fürchte mich so ... ich will auch ganz artig sein und gleich einschlafen ... Ich habe dir auch etwas aufgehoben , ich habe nicht alles gegessen - Fee bringt dir etwas mit , liebe Mama ... Oder gib mir nur deine Hand , dann will ich in meinem Bettchen bleiben und - « » Bist du wohl still ! « rief Friederike und rannte wie wütend nach dem Bette des Kindes ... Es rührte sich nicht mehr - nur dann und wann drang ein