in einer bepackten Postchaise die Familie Ferber ihrer neuen Heimat zu . Es war früh am Morgen , eben verkündete das dünne , scharfe Stimmchen einer kleinen Turmglocke in der Nähe die dritte Stunde . Deshalb hatten auch nur der alte verdrießliche Wegweiser an der Chaussee und ein Rudel stattlicher Hirsche , das am Saume des Waldes erschien , den köstlichen Anblick eines jungen , glücklich lächelnden Menschenangesichts . Elisabeth hatte sich weit aus dem dumpfen Wagen gebogen und sog mit tiefen Atemzügen die kräftige Waldluft ein , die , wie sie behauptete , auf der Stelle Lungen und Augen von dem Staube der verlassenen Hauptstadt reingewaschen habe . Ferber saß ihr sinnend gegenüber . Auch er erquickte sich an der Lieblichkeit und Anmut der Gegend ; noch mehr aber bewegten ihn die leuchtenden Augen seines Kindes , das den Zauber einer schönen Natur so tief empfand , und das so unaussprechlich dankbar war für die neue Gestaltung der Verhältnisse ... Wie hatte sie fleißig die kleinen Hände gerührt , als endlich das heißersehnte Ernennungsdekret des Fürsten von L. erschienen war ! Da gab es tüchtig zu schaffen . Alle Umzugssorgen der Eltern hatte sie treulich mit auf ihre Schultern genommen . Der Fürst hatte zwar dem neuen Diener ein anständiges Reisegeld bewilligt , und auch vom Försteronkel war eine Geldbeisteuer eingelaufen , allein das wollte trotz der ängstlichen Berechnung bei weitem nicht reichen , und deshalb beutete Elisabeth auch noch die wenigen Tagesstunden , die für ihre Erholung bestimmt waren , insofern aus , als sie Arbeiten für ein Weißwarengeschäft übernahm ; ja manche Nacht , während die Eltern arglos schon daneben im Alkoven schliefen , durchwachte sie bei der Nadel . In all dies rege Streben und Schaffen war nur ein einziger bitterer Tropfen gefallen , der dem jungen Mädchen aber auch einige schwere Thränen entlockte : das war , als zwei Männer kamen und ihr liebes Klavier auf die Schultern luden , um es dem neuen Besitzer zu bringen . Es hatte für wenige Thaler verkauft werden müssen , weil es alt und gebrechlich war und voraussichtlich einen so weiten Transport nicht mehr aushalten konnte . Ach , das war ja immer ein so guter , alter Freund der Familie gewesen ! Sein dünnes , zitterndes Stimmchen hatte Elisabeth so traut und lieb geklungen , wie die Stimme der Mutter ! ... Und nun fuhren vielleicht mutwillige Kinderhände gefühllos über die ehrwürdigen Tasten und quälten das alte Instrument , die schwache Stimme zu verstärken , bis es für immer schwieg ... Doch der Schmerz war jetzt auch überwunden und lag hinter ihr , wie so manches , was sie schweigend entbehrt und geleistet hatte , und wie sie so dasaß , mit den fröhlich glänzenden Augen in die Morgendämmerung hineinblickend , als steige vor ihr aus dem grauen Schleier eine Prophezeiung voll künftigen Glückes , wer hätte da an der jugendlichen Gestalt voll Lebensfrische und Elastizität auch nur eine Spur der mühevollen letzten Wochen entdecken können ? Noch ungefähr eine halbe Stunde fuhren die Reisenden die glatte , ebene Chaussee entlang , dann bogen sie seitwärts ab in den dunkeln Wald , durch den ein gutgehaltener Fahrweg lief . Die Sonne zeigte sich bereits in voller Pracht am Himmel und blickte verwundert lächelnd auf die Erde , die ohne Vorwissen ihrer hohen , leuchtenden Protektorin sich über Nacht einen prächtigen Brillantschmuck angeschafft hatte . Nach Mitternacht war ein starkes Gewitter über die Gegend gezogen ; es hatte viel geregnet , noch hingen schwere Tropfen an Bäumen und Gesträuchen und fielen rauschend auf das Wagenverdeck , wenn der Postillon mit der Peitsche einen niederhängenden Ast berührte ... Welch ein prächtiger Wald ! Aus dichtem Unterholze stiegen die mächtigen Baumkolosse himmelan und verschlangen droben brüderlich ihre breiten , vollen Aeste , als gelte es , Licht und Luft wie zwei tödliche Feinde von der stillen , verschwiegenen Heimat abzuwehren . Nur manchmal schmuggelte sich ein feiner , grüngefärbter Sonnenstrahl von Ast zu Ast hinab auf die gefiederten Gräser und die kleinen Erdbeerblüten , die massenhaft , wie hingestreute Schneeflocken , den Boden bedeckten und ihre weißen Köpfchen vorwitzig an die Landstraße legten . Nach kurzer Fahrt lichteten sich die Bäume und bald darauf zeigte sich das mitten auf einer Waldwiese gelegene alte Jagdhaus . Der Postillon stieß in sein Horn ; zugleich erhob sich wütendes Hundegekläff , und eine große Schar Tauben verließ erschrocken und unter lautem Geräusch den gezackten Giebel des Hauses . In der offenen Thür stand ein Mann in Jagduniform , eine wahre Hünengestalt mit einem ungeheuren Barte , der fast bis auf die Brust reichte . Er hielt die Hand über die Augen und blickte angestrengt nach dem näher kommenden Wagen ; dann aber sprang er mit einem lauten Ausrufe die Stufen herab , riß den Wagenschlag auf und zog den herausspringenden Ferber an seine Brust ... Beide Brüder hielten sich einen Augenblick schweigend in den Armen , bis der Oberförster den Angekommenen leise von sich schob und , ihn an den Schultern haltend , die ganze schmale , blasse Gestalt prüfend musterte . » Armer Adolph ! « sagte er endlich , und die tiefe Stimme klang bewegt . » So hat dich das Schicksal zugerichtet ? Na , warte nur , du sollst mir hier gesund werden , wie ein Fisch im Wasser ... noch ist alles wieder gutzumachen ... Sei mir tausendmal willkommen ! Und nun wollen wir auch zusammenhalten , bis das große Halali geblasen wird , wo wir freilich nicht gefragt werden , ob wir bei einander bleiben wollen oder nicht . « Er suchte seine Rührung zu beherrschen und half seiner Schwägerin und dem kleinen Ernst , den er herzte und küßte , aus dem Wagen . » Nun , « sprach er , » ihr seid früh aufgebrochen , das muß ich sagen - passiert sonst nicht , wenn Weibsleute dabei sind . « » Was denkst du denn von uns , Onkel ? « rief Elisabeth .