, um nachzusehen , ob sie den kleinen Schläfer auch nicht durch das Klappern ihrer Pantoffeln erweckt habe . Dann schlang er seine Arme um ihren Hals und lachte , bekam einen Kuß und die Ermahnung , schnell wieder einzuschlafen , da es noch lange nicht Tag sei . Dieser Ermahnung folgte er entweder sogleich oder erst später . Im zweiten Fall beobachtete er durch halbgeschlossene Augenlider die brennende Lampe , die Mutter und die Schatten an der Wand . Merkwürdigerweise stammten diese frühen Erinnerungen fast alle aus der Zeit des Winters . Um die Flamme der Lampe war ein Dunstkreis ; der Atem fuhr in einer Wolke gegen das Licht : die gefrorenen Fensterscheiben flimmerten , es war bitter kalt , und in das Behagen des sichern , warmen Bettes mischte sich für den kleinen Beobachter das Grauen der bittern Kälte , vor welchem er sein Näschen unter die Decke ziehen mußte . Begreifen konnte er nicht , weshalb die Mutter so früh aufstehe , während es so dunkel und kalt war und während so tolle schwarze Schatten an der Wand vorübergingen , nickten , sich aufrichteten und sich beugten . Noch unbestimmtere Begriffe hatte er von den Orten , wohin die Mutter ging ; je nach seinen Gemütsstimmungen stellte er sich diese Orte mehr oder weniger angenehm vor und vermischte damit allerlei Einzelheiten der Märchen und allerlei Bruchstücke aus den Gesprächen der erwachsenen Leute , denen er gelauscht hatte und die sich jetzt in diesen unklaren Augenblicken zwischen Schlaf und Wachen bunt und immer bunter färbten und mischten . Endlich war die Mutter mit ihrem Ankleiden fertig , und noch einmal beugte sie sich über das Lager des Kindes . Abermals erhielt es einen Kuß , allerlei gute Ermahnungen und lockende Versprechungen , damit es still liege , nicht heule , schnell wieder einschlafe . Die Versicherung , daß der Morgen und die Base Schlotterbeck bald kommen würden , wurde hinzugefügt ; die Lampe wurde ausgeblasen , die Kammer versank in die tiefste Dunkelheit , die Tür knarrte , die Schritte der Mutter entfernten sich ; - schnell war der Schlaf wieder da , und wenn Hans zum zweitenmal erwachte , saß die Base gewöhnlich schon vor seinem Bett , und in der Stube nebenan prasselte das Feuer im Ofen . Die Base Schlotterbeck war , obgleich sie nicht älter war als die Frau Christine Unwirrsch , immer die Base Schlotterbeck gewesen . Niemand in der Kröppelstraße kannte sie unter einer andern Bezeichnung , und bekannt war sie in der Kröppelstraße wie der Alte Fritz , der Kaiser » Napohlion « und der alte Blücher , wenngleich sie sonst mit diesen drei berühmten Helden weiter keine Ähnlichkeiten hatte , als daß sie schnupfte wie der preußische König und eine gebogene Nase hatte wie der » korsische Wüterich « . Eine Ähnlichkeit mit dem Marschall Vorwärts wäre schwer herauszufinden gewesen . Die Base war früher ebenfalls Wäscherin gewesen , aber sie war nun längst ausrangiert und ernährte sich kümmerlich durch Spinnen , Strumpfstricken und ähnliche Arbeiten . Der Magistrat hatte ihr ein kärgliches Armengeld gewährt , und der Meister Anton , dessen sehr entfernte Verwandte sie war , hatte ihr das Stübchen , welches sie in seinem Hause bewohnte , aus Mildtätigkeit für ein billiges eingeräumt . Eigentlich verdiente sie , ein eigenes Kapitel in diesem Buche auszufüllen , denn sie hatte eine Gabe , welcher sich nicht jedermann rühmen kann : die Gestorbenen waren für sie nicht abgeschieden von der Erde , sie sah sie durch die Gassen schreiten , sie begegneten ihr auf den Märkten , wie man Lebendige sieht und unvermutet an einer Ecke auf sie stößt . Damit war für sie nicht der geringste Hauch von Unheimlichkeit verbunden : sie sprach davon wie von etwas ganz Natürlichem , Gewöhnlichem , und es gab durchaus keinen Unterschied für sie zwischen dem Bürgermeister Eckerlein , der im Jahr 1769 gestorben war und ihr in Beutelperücke und rotem Sammetrock an der Löwenapotheke begegnete , und dem Enkel des Mannes , welcher im Jahr 1820 die Löwenapotheke besaß und der eben aus dem Fenster sah , ohne von seinem Herrn Großvater Notiz nehmen zu können . Selbst den Bekannten und Bekanntinnen der Base Schlotterbeck erregte die » Gabe « derselben zuletzt kein Grauen mehr . Die Ungläubigen hörten auf , darüber zu lächeln , und die Gläubigen - deren es eine gute Zahl gab - segneten sich nicht mehr und schlugen nicht mehr die Hände über dem Kopfe zusammen . Auf den Charakter des guten Weibleins selber hatte die hohe Vergünstigung keinen verschlechternden Einfluß . Die Base überhob sich nicht in ihrer seltsamen Sehergabe , sie nahm diese wie eine unverdiente Gnade Gottes und blieb demütiger als viele andere Leute , die lange nicht soviel sahen wie die ältliche Jungfer in der Kröppelstraße . Was das Äußere anbetrifft , so war die Base Schlotterbeck mittlerer Größe , doch ging sie sehr gebückt und mit weit vorgeneigtem Kopfe . Die Kleider hingen an ihr wie etwas , das nicht recht an seinem Platze ist , und ihre Nase war , wie schon gesagt , sehr scharf und sehr gebogen . Sie hätte einen unangenehmen Eindruck gemacht , diese Nase , wenn die Augen nicht gewesen wären . Die Augen aber machten alles wieder gut , was die Nase sündigte ; es waren merkwürdige Augen und sahen ja auch merkwürdige Dinge . Klar und leuchtend blieben sie bis in das höchste Alter - blaue , junge Augen in einem alten , alten vertrockneten Gesichte ! Hans Unwirrsch hat sie nie vergessen , obgleich er später in noch viel schönere Augen sah . Den Wissenschaften war die Base Schlotterbeck in naiver Weise ergeben . Sie hatte einen ungeheuren Respekt vor der Gelahrtheit , und vorzüglich vor der Gottesgelahrtheit ; der kleine Hans verdankte ihr die erste Einführung zu allen Wissenschaften , deren er sich in kommender Zeit mehr oder weniger bemächtigte . Den Gebrüdern Grimm hätte sie Märchen erzählen können , und