steinigen Boden dem Orte näher geführt sah , mit dem sich in den letzten Monaten seine Gedanken so viel und so peinlich beschäftigt hatten . Wie gleichgültig war der Name desselben an sein Ohr geklungen , da er ihn zuerst in Grenwitz , als des Aufenthaltsortes von Melitta von Berkow ' s krankem Gemahl , erwähnen hörte ! Kannte er doch da Melitta noch nicht , wußte er doch nicht , daß er wenige Tage später in den Fesseln der Liebe dieses liebenswürdigen Weibes schmachten würde ! Dann hatte er , obgleich selten und immer nur mit Widerstreben ausgesprochen , den Namen von ihren Lippen vernommen und der Ort hatte für ihn in seiner damaligen seligen Stimmung die unheimliche Bedeutung gewonnen , welche für den Besitzer eines herrlichen , prachtvollen Hauses ein dunkles Zimmer hat , das er nicht gern öffnet und wovon er nur ungern spricht , weil sich vor Jahren einmal eine ihm nahestehende Person darin entleibte . - Dann war die Zeit gekommen , wo Melitta , Doctor Birkenhain ' s Einladung folgend , ihren sterbenden Gemahl zu besuchen ging - dann die peinlichen , schlimmen Tage , wo er sie in Fichtenau wußte an der Seite des todtkranken Gatten ; wo er von Fichtenau aus ihre Briefe erhielt , in welchen jedes Wort ein sehnsuchtsvoller Kuß war . Da war ihm Fichtenau abwechselnd wie das Grab und die Wiege seines Glückes erschienen , je nachdem er durch Herrn von Berkow ' s Tod die Hindernisse einer Verbindung mit Melitta aus dem Wege geräumt , oder sich von ihr gerade durch dieses Ereigniß für immer getrennt sah . - Dann kam der unselige Tag , wo er erfuhr , daß der Mann , in welchem er von vornherein instinctiv seinen gefährlichsten Nebenbuhler erkannt hatte , sich bei Melitta befand ; als böse Zungen ihm die gehässigsten Auslegungen dieses auffallenden Schrittes in ' s Ohr zischelten , und er , der Unglückliche , diesen anstößigen Verleumdungen mit nur zu willigem Ohr lauschte , weil er selbst schon an seiner Liebe zum Verräther geworden war , weil er , wie ein Schiffbrüchiger , der , sich und seinen Raub zu retten , den besten Freund mitleidslos von dem schaukelnden Brette in die Tiefe stößt , Melitta opferte , um seine neue Leidenschaft für die schöne Helene vor sich selbst zu rechtfertigen . - Und endlich , um das Maß voll zu machen , dem Verstörten , von tausend qualvollen Gefühlen Zerrissenen , gleichsam den Beweis zu liefern , daß die ganze Welt aus den Fugen sei und es auf eine Verirrung mehr oder weniger nicht ankomme , mußte dieser Ort , wo , wie er wähnte , das vor kurzem noch so heißgeliebte Weib sich in den Armen eines geistreichen Roué ' s für die Augenblicke , die sie an dem Sterbebette ihres Gemahls zubrachte , entschädigte , derselbe Ort sein , wohin man den von ihm so hochverehrten Freund und Lehrer brachte , als sein Genius die strahlende Fackel in der öden Nacht des Wahnsinns ausgelöscht hatte . Da - und besonders , als nun kurze Zeit darauf der Tod ihm den Knaben raubte , den er mit brüderlichster Liebe umfing und sein Verhältniß mit der hochadeligen Familie auf eine so eigenthümliche Weise gelöst wurde - als er den Nebenbuhler , von seiner Kugel auf den Tod verwundet , zu seinen Füßen liegen und er sich von dem geliebten Mädchen , und wäre es nicht aus tausend anderen Gründen , schon durch diese That für immer getrennt sah - da war ihm zu Sinnen , als ob es für ihn auf Erden keine passendere Zufluchtsstätte gebe , als eine Zelle neben der seines Freundes und Lehrers in Doctor Birkenhain ' s berühmter Heilanstalt für Geisteskranke zu Fichtenau . So hatte er denn auch , als er mit Doctor Braun zu der Reise , die dieser Letztere ursprünglich zur Verfolgung wissenschaftlicher Zwecke projectirt hatte , aufbrach , sogleich nach Fichtenau gewollt ; aber Braun hatte den Besuch dieses Ortes unter diesem und jenem Vorwande immer hinauszuschieben gewußt ; und zwar aus guten Gründen . Er hatte - ohne Oswald ' s Wissen - direct an Doctor Birkenhain geschrieben und denselben um eine detaillirte Schilderung von Berger ' s Zustand gebeten . Doctor Birkenhain antwortete , daß bei Berger von Wahnsinn nur in so weit die Rede sein könne , als er an der fixen Idee der absoluten Nichtigkeit aller Existenz leide , im Uebrigen aber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei , ja daß er denselben jetzt schon aus seiner Anstalt entlassen haben würde , wenn der Kranke nicht ausdrücklich eine Verlängerung seines Aufenthalts gewünscht hätte . Doctor Braun sagte sich nun , daß unter diesen Umständen ein Besuch in Fichtenau für Oswald ' s excentrisches und jetzt mehr als je aufgeregtes Gemüth mit der größten Gefahr verknüpft sei . Der Anblick eines Wahnsinnigen würde ihn zur Besinnung gebracht haben , der Verkehr mit einem selbst noch in seinen Verirrungen genialen Hypochonder konnte ihn möglicherweise in seinen ausschweifenden Ideen noch bestärken . In dieser Besorgniß hatte Franz den Besuch von Fichtenau an das Ende , und nicht , wie Oswald wollte , an den Anfang der Reise gebracht , indem er hoffte , der vielfache Verkehr mit fremden Menschen , die wohlthätigen Eindrücke einer Fahrt durch die schönsten , im festlichsten Schmucke des Herbstes prangenden Gegenden würden Oswald zu einer ruhigeren , vernünftigeren Ansicht des Lebens bringen und ihn so befähigen , Berger mit Ueberlegenheit , wenigstens ohne Gefahr für sich selbst , gegenüberzutreten . Jetzt sah sich Franz in dieser Hoffnung betrogen . Oswald ' s aufgeregtes Wesen gefiel ihm keineswegs , und er wäre am liebsten umgekehrt , wenn dazu jetzt noch eine Möglichkeit gewesen wäre . So nahm er sich wenigstens vor , während er von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf Oswald warf , der , in seine Ecke gedrückt , mit starren Augen auf das Städtchen herab sah , den Besuch so viel