, aus dem Theater oder einer Gesellschaft kommend , kaum einmal flüchtig emporgeblickt hatte ? Konnte ein Sommermorgen so reich an Glanz und Pracht , ein Sommerabend so weich und wollüstig sein ? Hatte er denn den Gesang der Vögel nie vernommen , daß er sich jetzt an ihren einfachen Liedern nicht satt hören konnte ? Hatte er denn nie Blumen gesehen , daß er jetzt nicht müde wurde , ihre schönen Farben , und wundersamen Gestalten zu betrachten ? Es war ihm zu Muthe , wie Einem , der aus schwerer Krankheit wieder zum Leben erwacht . Die jüngste Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier , aber weit Entferntes , im Meer der Vergessenheit seit langen Jahren Versunkenes tauchte wie eine glänzende , zauberische Spiegelung wieder über den Horizont der Erinnerung empor . Ei , da ist ja auch Rittersporn , rief er einst in diesen ersten Tagen freudig überrascht , als er , träumend im Garten auf und ab wandelnd , diese Blume häufig auf den Beeten blühen sah . Nun freilich , sagte Bruno , der bei ihm war , haben Sie denn noch nie welchen gesehen ? Es ist lange her , murmelte der junge Mann sich niederbeugend , und die phantastische Blume mit Rührung betrachtend . In seines Geistes Aug ' sah er sich wieder in einem kleinen lauschigen Garten an der Stadtmauer herumspielen und Steinchen , Blumen und andere Seltenheiten , die er auf seinen Entdeckungsreisen fand , auf den Schooß einer schönen , jungen , blassen Frau sammeln , die ihm jedes Mal , wenn er zu ihr kam , das lockige Haupt streichelte und mit jener Geduld , die nur eine Mutter hat , nicht müde wurde , seine unzähligen Fragen zu beantworten . Und da hatte er ihr auch diese Blume gebracht und die schöne Frau hatte gesagt : das ist Rittersporn . Und dann hatte sie die Blume lange sinnend angesehen , bis ihr von dem langen Hinstarren die Thränen in die Augen kamen und hatte ihn auf ihren Schooß genommen und sein Haupt stürmisch an ihre Brust gedrückt , und da mochte er denn wohl , von dem vielen Spielen müde , eingeschlafen sein , denn in diesem Augenblicke zerflatterte das Bild . - Die junge , schöne Frau , das wußte er , war seine Mutter ; sie war gestorben , als er noch nicht fünf Jahre alt war . - Wer hat nicht an sich selbst schon die traurige Erfahrung gemacht , daß wir in dem Gewirre des Lebens , wo eine Erscheinung die andere verdrängt , und wir stets unter der tyrannischen Gewalt des Augenblickes stehen , Alles , selbst das Theuerste , selbst die Eltern , die uns das Leben gaben , vergessen lernen . So hatte auch Oswald fast schon vergessen , daß er je eine liebe Mutter gehabt ; jetzt rief eine einfache Blume die Erinnerung an die früh Verstorbene mächtig in ihm wach . Die erste Zeit , die er in der Einsamkeit des Landlebens verbrachte , verknüpfte sich eng mit der ersten Zeit seines Lebens ; denn er hatte seitdem nicht wieder der Natur so unbefangen und so tief in das holde , bezaubernde Antlitz geschaut . Auch seines Vaters , der nun gerade vor zwei Jahren , einsam , wie er gelebt hatte , gestorben war , gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe , die leider immer erst dann in voller Blüthe steht , wenn diejenigen , denen sie gebührt , sich nicht mehr an ihrem Dufte laben können ; seines Vaters , der wunderlichen Pygmäengestalt , die der Sohn schon als achtzehnjähriger Jüngling um zwei Köpfe überragte ; des menschenscheuen Sonderlings , der in der ganzen Stadt der » alte Candidat « genannt wurde , und dessen schwarzen abgeschabten Frack , in dem er Sommer und Winter einherging , jedes Kind auf der Straße kannte ; des räthselhaften Mannes , der den reichen Schatz seines Wissens und seiner Güte gegen alle Welt verschloß , nur nicht gegen den Sohn , an dem er mit unsäglicher Liebe hing , den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und pflegte , und für den ihm , dem als Geizhals Verschrieenen , nichts zu kostbar gewesen war . Diese lieben und doch auch wieder schmerzlichen Erinnerungen zogen durch Oswald ' s Seele , während er in seinen Freistunden allein , oder mit seinen Zöglingen im Garten , Feld und Wald umherstreifte , sich von Tage zu Tage mehr für das Landleben begeisterte , und wenn er des Morgens , ehe die Unterrichtsstunden begannen , noch schnell einmal in den Schloßgarten geeilt , in die thaufrischen Kelche der Blumen geschaut und sich am Gesang der Vögel entzückt hatte , schlechterdings nicht mehr begreifen konnte , wie es die Menschen in den Städten , wie er selbst es nur jemals in der Stadt habe aushalten können . Und in der That hätte Schloß Grenwitz und seine Umgebung auch wohl einem durch landschaftliche Schönheiten verwöhnteren Auge das lebhafteste Interesse abgewinnen müssen , obgleich es von den Touristen , die alljährlich die Insel durchschwärmten , niemals aufgesucht , höchstens von Einem oder dem Andern zufällig aufgefunden wurde , der sich dann nicht genug wundern konnte , wie ein so lieblicher und in vieler Hinsicht so merkwürdiger Punkt in seinem Reisehandbuche , in welchem doch sonst jeder nichtsnutzige Gasthof verzeichnet stand , übergangen sein konnte , bloß weil er eine Meile von der großen Landstraße entfernt lag . Das Schloß trägt noch bis auf den heutigen Tag die Spuren von dem Reichthum und der Macht des alten ritterlichen Geschlechts derer von Grenwitz , das seit undenklichen Zeiten hier begütert gewesen ist , und die Burg zu seinem Schutz und den benachbarten Baronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts erbaute . Das untere Stockwerk des einen Flügels mit seinen riesigen Quadersteinen stammt noch aus dieser Zeit , ebenso wie der gewaltige runde Thurm , in welchem jetzt das alte und das neue Schloß