Witwen und Waisen , Kinder und Greise auf , um ihnen in ihren vielfachen Nöten beizustehen , um zu helfen , zu trösten , zu retten , um zu sorgen für die Sorglosigkeit des Elendes , um die irdisch Verlassenen in den Himmel zu ziehen . Kein Wintertag , keine Regennacht , kein Herbststurm hielt ihn zurück von den Wegen , auf denen er als ein liebender Nachfolger seines göttlichen Meisters wandelte , unsäglich dankbar , daß ihm diese hohe süße Gunst zu Teil werde . Im Kreise seiner Familie fand man ihn sehr überspannt . Sein Vater fühlte sich geradezu dadurch beleidigt , als ob es die Würde der Grafen von Windeck verletze . Sein Bruder , ein höchst gemütlicher aber beschränkter Mann , staunte diese Liebhaberei für die armen Leute - wie er sich ausdrückte - als eine Kuriosität an . Seine Mutter krittelte und mäkelte krankhaft an all ' seinem Tun und Lassen . Die Hausbedienten und Untergebenen , eines solchen Mitgliedes der gräflichen Familie gänzlich ungewohnt , wußten nicht genau , ob er nicht etwa für ein wenig närrisch zu halten sei . In dem Kreise seiner Pfleg- und Schützlinge fand er zahllose Undankbare , Zudringliche , Boshafte , Verkommene , die ihm Verlegenheit , Kummer und Sorge , zuweilen tiefe Betrübnis verursachten . Wohin er sich wendete , fand er nichts als Kränkungen und Widerspruch ; wohin er die Hand legte und den Fuß setzte , griff er in Dornen , trat er auf Dornen . Das war ihm gerade recht . Er dachte an die Nichtachtung , die der Heiland in Nazareth fand ; an die zehn Aussätzigen , die der Heiland gesund machte und von denen nur Einer ihm dankte , und mit demütiger Freude sprach er zu sich selbst : Der Knecht ist nicht über den Herrn ! und wer bin ich , o geliebter Herr , daß ich dein Knecht sein darf ? - Wollte einmal Unlust , Ermüdung , Bitterkeit frostig sein Herz anhauchen : so gedachte er der Verschmähung , welche der aus Liebe gekreuzigte Gott tagtäglich erfährt - und wie der nächtliche Reif vor dem Strahl der aufgehenden Sonne von der Frühlingslandschaft verschwindet : wich jede Kälte aus seinem Herzen und tausend Blüten der Hingebung , der Opferfreude , der Geduld , der Barmherzigkeit drängten sich fröhlich und frisch empor . So brachte er sieben Jahre hin , die schönsten der Jugend , entsagend und gottliebend wie der Mönch in der Zelle und der Ascet in der Wüste . Es nahete wieder die heiligschöne österliche Zeit , die so bedeutungsvoll in die letzten Winterstürme und den Vorfrühling fällt , gleichsam als Vorbote des übernatürlichen Frühlings , der mit dem Auferstehungsfest beginnt . Die Gräfin war so krank , daß die Ärzte ihr höchstens noch einige Wochen - vielleicht nur Tage , Lebensfrist gaben . Mehr Weh , als sie körperlich litt , fühlte Levin in der Seele . Die zwiefache Liebe des Sohnes und des Priesters wurde unter den obwaltenden Umständen zu einem zweischneidigen Schwert , das ihm das Herz durchbohrte . O Herr ! seufzte er auf den Knien vor einem Kruzifix , sieben Jahre diente im alten Bunde Jakob um Rahel , und als die Zeit um war , hatte er nur Lea gewonnen und er mußte abermals sieben Jahre dienen : also vierzehn Jahre um ein armseliges Staubesgebilde , an dem nichts schön war , als deine Gnade . Aber er diente mit Freuden , weil seine Liebe zu Rahel so groß war . Ach , wie ist diese Liebe zu einem sterblichen Weibe so beschämend für mich ! kann ich denn nicht vierzehn Jahre Dir dienen aus Liebe zu einer Seele ? sind mir schon diese sieben Jahre zu viel ? Aber Du weißt es , geliebter Herr : nicht sieben Jahre und nicht siebzig Jahre - sondern mein Leben lang ist es eine wonnevolle Gnade , Dir dienen zu dürfen als ein armer Bettler , der ich bin . Vergiß nun aber auch nicht , um welche Seele ich bettele ! - So goß er oft kindlich sein Herz vor Gott aus und bat um Erleuchtung , wie er es anzufangen habe , um mit seiner heißesten Bitte diesmal nicht von der Mutter abgewiesen zu werden . Am Mittwoch in der Charwoche beginnt die Kirche gegen Abend feierlich klagend die Tenebrä zu beten und die Lamentationen zu singen , die der Prophet Jeremias um Jerusalems Fall weint - Vorbild der Klagen des Erlösers um gefallene Seelen . Als Levin am Morgen zu seiner Mutter kam , lag sie geisterhaft bleich und zum Skelett abgezehrt auf ihrem Bett und die Schatten des Todes schlichen schon über ihre Züge . In ihrem eingesunkenen Auge glänzte aber ein ganz fremdes , mildes Licht auf , als sie ihn ansah und sagte : » Mein Sohn , lies mir die Passion nach Johannes vor und laß den Pater Guardian von Engelberg bitten , sich zu mir armen Sünderin zu bemühen . « Stumm vor Uebermaß der Freude sank Levin neben dem Bett auf seine Knie . Die Gräfin fuhr fort : » Vor vielen , vielen Jahren , ehe ich so unglücklich war , mich vom Glauben abzuwenden , hörte ich sie , am Charfreitag mein ' ich , im Dom zu Würzburg lesen . Es war das letzte der Art , was ich gehört habe - und ich will sie noch einmal hören , ehe ich sterbe . « Auf seinen Knien , das Buch auf den Rand des Bettes gelegt , las Levin , in Wehmut zerschmelzend , ihr die Passion nach Johannes vor . Dann kam der Pater Guardian und blieb bei ihr lange , lange Zeit , so daß Fräulein Leonore und die Kammerfrauen fürchteten , sie könne wohl schon abgeschieden sein und der Pater in seinem Gebetseifer es nicht bemerken . Als der Pater endlich das Krankenzimmer verließ , fand man die Gräfin aufgelöst in Tränen . Die ganze Dienerschaft , alle