Erscheinen des Bittenden leuchtete aus Heinrichs Augen ein Strahl des Verständnisses , der unbefangenen Teilnahme , eines sinnigen Humores oder auch ein Anflug mürrischen , lakonischen Vorwurfes ; immer aber gab er , und die von ihm Beschenkten blieben oft überrascht und nachdenklich stehen . Weil Gewohnheit und Sitte nur eine kleine Gabe , ein Unmerkliches verlangen , so hielt er es um so mehr für würdelos , je einen Armen erfolglos bitten zu lassen , möge nun geholfen werden oder nicht , möge Erleichterung oder Liederlichkeit gepflanzt werden ; ein gewisser menschlicher Anstand schien ihm unbedingt zu gebieten , daß mit einer Art Zuvorkommenheit diese kleinen Angelegenheiten abgetan würden . Er hatte noch nicht die Kenntnis erworben , daß bei dem faulen und haltlosen Teile der Armen durch wiederholtes Abweisen jenes Gekränktsein und dadurch jener Stolz geweckt werden müssen , welche endlich Selbstvertrauen hervorbringen . Allein bisher war es ihm nur spärlich vergönnt , dem Zuge seines Herzens zu folgen . Indem er als einziges Kind bei seiner vorsichtigen und haushälterischen Mutter lebte , welche , während er seinen Träumen nachhing , ihm sozusagen den Löffel in die Hand gab , geschah es selten , daß er mit etwelcher Münze versehen , und wenn er es war , so brannte sie ihm in der Hand , bis er sie ausgegeben hatte . So kam es , daß ihn immer ein Schrecken überfiel , sobald er von fern einen Bettler ahnte und ihm auszuweichen suchte . Konnte dies nicht geschehen , so ging er rasch abweisend vorbei , und wenn der Bettler nachlief , hüllte er seine Verlegenheit in einen rauhen , unwilligen Ton , wobei aber sein weißes Gesicht eine flammende Röte überlief . Er konnte so rechte Unglückstage haben , wo er viele und verschiedenste arme Teufel antraf , ohne einem einzigen etwas geben zu können , und er mußte fortwährend ein böses Gesicht machen ; denn als er einst ganz gemütlich und vertraulich einem großen Schlingel gesagt hatte , er besäße selbst kein Geld , forderte ihn dieser höhnisch auf , mit ihm betteln zu gehen . In allem diesen lag nun freilich , wie viele Leute sagen würden , mehr ein unbefugter Hochmut als eine demütige Barmherzigkeit ; vielleicht aber könnte man auch sagen Es ist die königliche Gesinnung eines ursprünglichen und reinen Menschen , welche , allgemein verbreitet , die Gesellschaft in eine Republik von lauter liebevollen und wahrhaft adelig gesinnten Königen verwandeln würde ; es ist die immerwährende Erhebung des Herzens , welche nach der Tat trachtet ; es ist die göttliche Einfalt , welche nur ein Ja und ein Nein kennt und letzteres verwahrt und verbirgt wie ein schneidendes Schwert . Wenigstens fahr Heinrich wie ein wahrer König in die helle Welt hinaus . Er war nun sich selbst überlassen und konnte in den Kreis seines Geschickes aufnehmen , was sein leichtes Herz begehrte ; und indem er gewissenhaft den Armen seinen Kreuzer mitteilte , rechnete er dieses zu den seinem Leben nötigen Ausgaben . Er dachte übermütig Zwei Pfennige sind immer genug , um den einen wegzuschenken ! und so trug er wenige Taler in der Tasche , aber ein Herz voll Hoffnung und blühenden Weltmutes in der Brust . Wäre er ein König dieser Welt gewesen , so hätte er vermutlich viele Millionen » verschleudert « , so aber konnte er nichts vergeuden als das wenige , was er besaß seines und seiner Mutter Leben . Gegen Mittag fuhr der Postwagen durch ein großes ansehnliches Dorf , wie sie in der flachern Schweiz häufig sind , wo Fleiß und Betriebsamkeit , im Lichte fröhlicher Aufklärung und unter oder vielmehr auf den Flügeln der Freiheit , aus dem schönen Lande nur eine freie und offene Stadt erbauen . Weiß und glänzend standen die Häuser längs der breiten sauberen Landstraße , dehnten sich aber auch in die Runde , mannigfaltig durch Baumgärten schimmernd . Auch vor dem geringsten war ein Blumengärtchen zu sehen , und im ärmsten derselben blühten eine Hyazinthe oder einige Tulpen hervor , Pflanzen , welche sonst nur von Vermöglicheren gezogen wurden . Es ist aber auch nichts so erbaulich , als wenn durch einen ganzen Landstrich eine fromme Blumenliebe herrscht . Ohne daß die Hausväter im geringsten etwa unnütze Ausgaben zu beklagen hätten , wissen die Frauen und Töchter durch allerlei liebenswürdigen Verkehr ihren Gärten und Fenstern jede Zierde zu verschaffen , welche etwa noch fehlen mag , und wenn eine neue Pflanze in die Gegend kommt , so wird das Mitteilen von Reisern , Samen , Knollen und Zwiebeln so eifrig und sorgsam betrieben , es herrschen so strenge Gesetze der Gefälligkeit und des Anstandes darüber , daß in kurzer Zeit jedes Haus im Besitze des neuen Blumenwunders ist . So sind in neuerer Zeit eine der schönsten Erscheinungen die Georginen . Vor zehn oder fünfzehn Jahren blühten sie nur noch in den stattlich umhegten Gärten der Reichen , in der Nähe der Städte oder vor glänzenden Landhäusern ; dann verbreiteten sie sich unter dem Mittelstande , sich zugleich in hundertfarbigen Arten entfaltend durch die Kunst der Gärtner , und jetzt steht ein Strauch dieser merkwürdigen Blume , wo nur ein Fleck Erde vor der Hütte des ländlichen Tagelöhners frei ist . Wie die flüchtig wandernden Stammväter eines später großen Weltvolkes sind die ersten einfachen Exemplare der Georginen aus dem fernen Reiche der Montezumas herübergekommen , und schon bedecken ihre Enkel zahllos unsere Gärten , aus der Tiefe ihrer Lebenskraft entwickeln sie eine endlose Farbenpracht , wie sie die Hochebenen Mexikos nie gesehen haben . Kinder des neuweltlichen Westens , herrschen sie nun neben den Kindern des alten Ostens , den Rosen , wie sonst keine Blume . Freilich noch immer geben diese allein den süßen Duft und jenes kühlende Rosenwasser , welches krankgeweinte Augen erfrischt , und noch immer eignen sie sich am besten dazu , einen vollen Becher zu schmücken . Aber darin wetteifern die bunten Scharen Amerikas mit dem glühenden Rosenvolke des Morgenlandes , daß