so unbewußt verleihen jene edeln weiblichen Naturen der schwankenden Ranke den Stab , dem wankenden Schritt den Arm , dem zagenden wie dem erstarrenden Herzen die Umgebung , deren es zum Genesen bedarf ! Und eine solche geborene Soeur grise alles Lebens war Josephine . Waldau hätte ohne sie das Dasein nicht zu ertragen vermocht . Sie wußte ihn von einem Tage zum andern hinzuhalten und durch stete Theilnahme und stets erneutes Interesse zu hindern , daß ihn diese Mitteltemperatur der Existenz , die so plötzliche Unthätigkeit , nicht vernichte . Was damals Weimar an ungewöhnlich begabten Männern und anmuthigen Frauen in sich schloß , das verstand Josephine um sich und Waldau herzuziehen , das Störende suchte sie mehr und mehr zu entfernen , und ihr Haus ward bald mitten im Drang der drückenden Zeitumstände zum Sammelplatz aller wissenschaftlich Gebildeten und Künstler . Fast möchte es unserer objectiven Zeit unmöglich scheinen , die jenen gewaltsamen Kriegsmomenten vorangegangnen stillen Jahre sich zu vergegenwärtigen . Fabelhaft klingt es , wenn die ergrauten Denker und Gelehrten jener Tage uns von der Abgeschlossenheit ihres damaligen geistigen Schaffens erzählen , unglaublich die Versicherung : daß in Jena selbst , am Vorabende der entscheidenden Schlacht , jeder von ihnen nur mit seinem wissenschaftlichen Zwecke beschäftigt , den Riesenschritt des Geschicks erst am Kanonendonner erkannte . Und doch war dem so , und doch wurde eben durch diese Begrenzung so Vollständiges geleistet und sogar die Schöpfung einer Volksbildung durch eine bloße Theaterbühne möglich . Von dieser jetzt untergegangenen Subjectivität , die so ganz verschieden von der unsern , nur in ihrer eignen Thätigkeit sich spiegelte , gab es in Josephinens Umgebung gar manche Beispiele . Was kümmerte diese die Politik ! Freudig kehrten alle die von Außen ungern gestörten Naturen in das durch sie ihnen gebotene Lebenselement zurück . Ihre geselligen Kreise wurden bald land- , ja weltberühmt ; im Grunde dachte sie nur daran , ihren Gatten zu erheitern , unbewußt aber fühlte sie selbst sich hingerissen , gefiel gern , lernte gern im lebendigen Geistesverkehr und ward bald zum Mittelpunkt desselben , denn sie verstand mit unnachahmlicher Grazie zuzuhören . Auch Anna war jetzt viel bei Waldaus . Die kleine Leontine hatte eine Menge Lehrer , es fehlte ihr aber noch an Stätigkeit . Anna ' s Eltern schickten diese in eine öffentliche Mädchenschule , in der sie nichts lernen konnte , weil nichts in derselben gründlich gelehrt ward . Die Eltern kümmerte das wenig , schrieb doch die Mutter selbst nicht orthographisch . Auch waren die Brüder , die früher bei einem Verwandten , einem Landpfarrer , in Pension gewesen , nun heimgekehrt . Der Bürgermeister fand , daß deren Erziehung ihm täglich mehr kostete , und wandte um so weniger an Anna ' s Unterricht . Die Buben aber waren wild und ungezogen ; war der Vater im Rath , konnte die Mutter nicht mit ihnen fertig werden ; und die Amme , die zur Wartung der Kleinen im Hause geblieben , machte ihr viel böse Stunden durch tägliches Anklagen derselben . All diesen Uebelständen gründlich abzuhelfen , nahm endlich der Bürgermeister einen Gymnasiasten in ' s Haus , der den Knaben das nöthige Latein einbläuen sollte . Anna , meinte er , könne beim Repetiren der Weltgeschichte und Geographie gegenwärtig sein und die Krümchen der brüderlichen Gelehrsamkeit auflesen . Es versteht sich , daß der achtzehnjährige Primaner die Buben ebenso wenig in Ordnung zu halten im Stande war als die Bürgermeisterin ; höchstens vergaß er bei ihnen sein eignes Latein . Der armen Anna ging es durch Mark und Bein , wenn Herr Schmied in seiner Verzweiflung die Jungen beim Papa verklagte und dieser sie mit väterlicher Hand fürchterlich durchprügelte ; noch mehr widerte es sie an , wenn der Schüler mit so einer Execution den Knaben drohte und andere Male Versteckens oder Blindekuh mit ihnen spielte , zuweilen sogar zu seltsamen Bestellungen sie benutzte . Anna fühlte ein dunkles Unrecht , einen Schmerz in dem Allen und nahm mit doppelter Freude die Erlaubniß an , Leontinens Unterricht mit dieser zu theilen . Aber wenn es nun nach langer Woche endlich Sonntag war und die Magd die Stube mit feinem Sand bestreut hatte , wenn die mit rothem Kattun bezogenen eichenen Meubles im Sonnenschein glänzten , Mutter und Kinder geputzt zur Kirche gingen , o dann war Anna weit lieber zu Hause , denn drüben merkte man ja den Sonntag gar nicht ! Sie freute sich an Allem , am Sonntagsbraten , am Tröpfchen Wein , das die Geschwister bekamen , an den frisch gefüllten Blumenvasen und vor Allem an der Mutter ; denn an diesem Tage zog die Bürgermeisterin einen weißen , garnirten Rock an und ein Negligéejäckchen mit rosa Bandschleifen ; und dann kam ihr alter Verehrer und Hausfreund , der Präsident Ballheim und machte ihr eine Morgenvisite . Und das Alles war so feierlich und schlug wie eine Wünschelruthe aus Anna ' s poetischer Seele tausend Quellen des Glücks hervor ! Wer in jenen Tagen Thüringen und Weimar gekannt hat , muß sich erinnern , daß die jetzt so oft an einzeln uns erhaltenen Beispielen bewunderte Einfachheit der häuslichen Einrichtungen damals ganz allgemein war und der Luxus unser Ländchen weit später berührt hat . Dennoch waren die Stände durch Umgang und äußere Lebensbedingungen geschieden , das Waldau ' sche Haus hielt die Mitte zwischen Hof- , Bürger- und Künstlerwelt . Waldaus waren Fremde ; sie hatten großstädtische Sitten , in ihrem Hause geschahen eine Menge Dinge , die » Bürgermeisters « für unpassend erklärt haben würden , wären sie je in diese Zirkel gekommen ; das aber fiel beiden Familien auch nicht im Traume ein . Josephine hatte eine Ahnung von Anna ' s Charakter ; allein die tausend Nadelstiche des so früh gestörten Lebens konnte sie nicht gewahren , weil sie deren Häuslichkeit nicht kannte . Wenn die Bürgermeisterin ohne Vorwissen ihres Mannes Kartoffeln oder Aepfel aus dem Garten verkaufte und sich von deren Erlös ein Tuch ,