zu , der mit dem letzten Wort den Gegner zum Schweigen bringt . Dies ist das Recht des Stärkeren im Reich der Geister . Es wird gelten , so lange es eine Welt gibt , und darin besteht das eigentliche Kriterium alles Wahren und Guten , das nur insofern ein absolutes sein kann , als es sich in den verschiedensten Modificationen nicht als ein Vernichtetes , Absorbirtes verliert . Die Form allein ändert sich , der Kern bleibt immer derselbe , aber die Form ist kein Willkürliches , denn sie entspringt aus der Nothwendigkeit gegebener Begriffe , die ihrerseits wieder von der jedesmaligen Lage der Societät und der Welt bedingt und bestimmt werden . Sollte denn in unsern Tagen die Nothwendigkeit , alles bisher Dagewesene zu ignoriren und es mithin zu vernichten , nicht klar bemerkbar sein ? Warum also noch länger zaudern und die Menschheit hinhalten , bis ein gewaltsamer Stoß sie hinreißt zu unerhörten Greueln ? Hätte man immer darauf geachtet , so würde die Geschichte weniger Blutbäder aufzuweisen haben , aber freilich auch an Interesse verlieren . Es scheint , das Juste milieu ist verhaßt im Cabinet des Weltregierers . Dort herrscht der Radicalismus mit seinen freien , bewegten Formen , die nie veralten , weil sie sich immer verjüngen . Ich breche ab , Coblenz liegt vor uns , hinter den weinumzogenen Hügeln der Mosel sinkt die Sonne . Lichte Schatten flattern herüber von den Bergen über die schimmernde Fluth . Die Glocken läuten , an den mosaikartigen Mauern des Ehrenbreitstein rinnt , wie ein Blutstrom , der letzte Schein der Sonne nieder . Ein Dampfboot segelt den Strom herauf , das Verdeck füllt sich , die Brücke fallt . Das hervorstürzende Leben verscheucht den stillern , verschlossenen Unmuth des Herzens . Bardeloh ist wieder heraufgestiegen aus dem Raume . Was er dort gebrütet haben mag ! Sein Gesicht bedeckt eine fast noch tiefere Blässe als zuvor ; er sieht krank , lebenskrank , erdenmatt , europamüde aus . Nur sein Blick liegt auf Welt und Menschen um ihn her wie ein Fernrohr , das die stille , sinnende Sphinx der Zukunft gerichtet hat auf die Gegenwart , dieses colossale Grab alles bisherigen Lebens , über dessen Hügel der finstere , blutbefleckte Schatten eines ungeheuern Kreuzes schwankt . Aber der Leichnam ist herabgestürzt von diesem Kreuze und nur die Nägel starren noch aus dem Holz . Man sieht nicht mehr den Umriß des hingeopferten , zur Versöhung , gestorbenen Gottes , nein , nur seine Marterbank . Und zu ihr - o Gott , zu ihr allein richtet die blödsüchtige Welt ihr scheues Gebet ? - - Es ist finster , die Passagiere haben großentheils das Schiff verlassen . Die Nothwendigkeit zwingt mich , zu schließen . Könnte ich mich doch , ein Geist , hüllen in den silbernen Nebelglanz , der vom grünen , stillen Strome die Rebenhügel hinanklimmt ! Ach , diese Welt wäre schön , betete sie nicht größtentheils nur an am nackten , morschen Stamme des Kreuzes ! - 2. An Ferdinand . Köln , am letzten Juli . Seit drei Tagen bin ich hier in dieser ehemaligen Reichsstadt , deren Anblick schon imponirt und die Thaten vieler Jahrhunderte erzählt . Wie ich geahnt , hat mich das Verlassen der heimathlichen , stillen Thäler nicht der Beruhigung hingegeben , vielmehr stürmt mit lauterem Getöse als je die fremde unbekannte Welt auf mich ein . Nur das Terrain ist ein anderes geworden . Früher wühlte ich mich still und verschwiegen in den Gram meines eignen Herzens , und pflegte die Angst sorgsam wie eine liebende Mutter ihr Kind , jetzt hat sich das Leid des Allgemeinen mir zu Füßen gestürzt und es sind mir Menschen theuer geworden in ihrer Qual , denen ich nur verwandt bin durch ein gleiches , menschlich reines Mitgefühl . Ich habe viel erlebt in diesen kurzen drei Tagen . Eine Recapitulation desselben wird eine heilsame Medicin für Dich sein und mir selbst vielleicht einen Ausweg zeigen , so bald es gut ist , dieses Labyrinth eines unheimlichen Lebens zu verlassen . Ihr Friedsamen und in diesem Frieden so Glücklichen seid mit all Eurer Toleranz ungerechter gegen die Welt , als Ihr meint . Freilich ist das nicht sowol Eure Schuld , als die der Zustände , der Verhältnisse . Herz und Geist des Menschen sind zwei wunderliche Polypen . Sie wachsen und dehnen sich aus , je öfterer sie verwundet und blutig geritzt werden , aber sie schrumpfen zusammen und werden eng , wenn sie in steter Sicherheit nur den kleinen Gram ihres eigenen stillen Selbst zu verarbeiten haben . Will man Gerechtigkeit lernen und Duldung üben , so muß man die Springfluth des jubelnden Lebens eben sowol , als das dumpfe Grollen des trauernden , um sich her toben gesehen haben . Ich fühle jetzt erst , wie erbärmlich wir denken und urtheilen in der Sicherheit unserer kargen Beschränktheit . Diese Enge , dieses ungetrübte Stück des Friedenshimmels macht uns frivol aus Gutmüthigkeit und purem Biedersinn . Gerecht gegen uns selbst zupft unser Eigendünkel die ewige Weltgeschichte bei der Nase , und meistert Gott und Schicksal . Es ist nichts so entsetzlich , als ein musterhaftes Leben in der Stille der Abgeschlossenheit . Darin liegt abermals ein Grund für unsern Untergang , namentlich für uns Deutsche . Es seufzt keiner mehr nach der gehäbigen Ruhe des Hauses als der Deutsche ; es ist keiner mit größerer Mühe herauszuhetzen aus seiner Friedenshütte , als abermals der Deutsche . Wo denn um des Himmelswillen soll Rettung herkommen , wenn der große Sinn für Allgemeinheit unerschløssen bleibt ? Nur Erdbeben , Zusammensturz der Himmelsdecke , können uns noch ermuntern und durch Vernichtung gegenwärtiger Ruhe eine schönere Zukunft sichern . Von dem Verlauf der Reise von Koblenz bis hierher will ich schweigen . Ich gedenke noch mehrere Ausflüge zu machen an den Rhein und seine Umgebungen , und werde dann vielleicht nachholen , was von einigem Interesse für Dich sein dürfte